Prozess gegen IS-Kämpfer Ein Taugenichts als Terrorist

Arbeitslos, kriminell und ständig auf Drogen: Der Dinslakener Nils D. lebte ein haltloses Leben, ohne Plan. Dann entdeckte er den Salafismus. Vor Gericht beschreibt der Kronzeuge nun, wie aus einem Kiffer ein IS-Terrorist wurde.

Von und , Düsseldorf

Angeklagter Nils D. vor Gericht in Düsseldorf: "Hömma, was ist mit dir?"
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Angeklagter Nils D. vor Gericht in Düsseldorf: "Hömma, was ist mit dir?"


Ein Tag im Leben des Nils D. sah etwa so aus: Er schlief bis gegen mittags, surfte ein bisschen im Internet und traf in einem Café seine Kumpels. Dort nahmen sie Drogen, tranken, spielten Karten. "Party" nannten sie das.

D. und seine Freunde aus dem niederrheinischen Dinslaken hatten keine Hobbys, sie begeisterten sich für nichts, sie liebten niemanden außer sich selbst - und sie glaubten auch noch, das sei die große Freiheit. Dabei machte die selbstverschuldete Leere in ihren Leben sie nur fertig. "Ich war ein Kiffer", sagt Nils D., "ich hatte auf gar nix Lust." Zwei Jahre ging das so, dann entdeckte D. den Islam und wurde Salafist. Später reiste er nach Syrien und schloss sich dem "Islamischen Staat" (IS) an.

Von diesem Mittwoch an muss sich Nils D., 25, vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. D. hat in mehr als drei Dutzend Vernehmungen unter anderem längst eingeräumt, in einer IS-Spezialeinheit gedient zu haben. Ungeeignet für den Kampf spürte der 155-Kilo-Mann mit seinen Kumpanen lieber unbewaffnete Deserteure und Abtrünnige auf. "Das Beste, Allerbeste, was es gibt auf dieser Welt, ist der Märtyrertod", faselte Nils D. trotzdem.

Dabei scheint nichts an dem Entschluss, im Herbst 2013 in den Dschihad zu ziehen und eine Sprengstoffweste zu tragen, zwangsläufig gewesen zu sein. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, Barbara Havliza, weshalb er sich dem Islam zugewandt habe, zuckt der massige Mann mit Brille, adretter Junge-Union-Frisur, Jeans und Sneakers am Mittwochmittag die Achseln: "Weiß ich nicht. War Zufall, würde ich sagen."

Er langweilte sich, dröhnte sich zu, prügelte sich

Nils D. verlor den Halt, als sein Vater eines Tages auszog. Das sei aus heiterem Himmel geschehen, sagt D. heute. Damals war er 15 und schon auf dem besten Wege das zu werden, was Richterin Havliza sarkastisch "eine Stütze der Gesellschaft" nennt. Er langweilte sich, dröhnte sich zu, prügelte sich, stahl, brach ein, beleidigte und bedrohte, zeugte mit 14 Jahren ein Kind, um das er sich nie kümmerte. Er sammelte Bewährungsstrafen und Sozialstunden, verlor wegen des Kiffens seine Ausbildungsstelle, und seine Mutter, bei der er nach der Trennung der Eltern geblieben war, wusste nicht, was sie tun sollte. Konsequenzen habe sein Verhalten eigentlich nie gehabt, so D.

Im Grunde genommen ging das so bis er 21 Jahre alt war. "Sie waren nur für sich selbst auf der Welt und hatten kein Ziel und keinen Bock", sagt Havliza zu Nils D. Doch das änderte sich. Sein Cousin Philip B., ein Pizzabote und lange Zeit ein ähnlicher Taugenichts wie D., hatte schon einige Jahre zuvor den salafistischen Islam für sich entdeckt. Er bearbeitete Nils D. im Auto und am Küchentisch. Philip B. erzählte von Gott, sie stritten sich: "Du kannst mir nicht zu 100 Prozent beweisen, dass es Allah gibt", sagte D. So erinnert er sich heute. Und B., der sich in Syrien als Selbstmordattentäter in die Luft sprengen würde, antwortete schlicht: "Doch."

"Hömma, was ist mit dir? Willst du nicht Moslem werden?

Irgendwann nahm D. bei seinem Cousin einen Koran mit, er begann zu lesen. Im Internet sah er sich Predigten von Pierre Vogel an. Auch seine Kumpels veränderten sich, sie fanden endlich Regeln und eine Struktur, sie entdeckten Sinn im Sein. "Es war ein schleichender Prozess", sagt D. Im August 2011, fragte ihn angeblich Mustafa K., der Jahre darauf mit abgeschlagenen Köpfen für ein Foto posieren würde: "Hömma, was ist mit dir? Willst du nicht Moslem werden? Und Nils D. entgegnete: "Ja."

D. traf sich nun regelmäßig mit seinen Gesinnungsgenossen in einem Vereinsheim im Dinslakener Stadtteil Lohberg, er ging in die Moschee und besuchte salafistische Festivals. Er trank nicht mehr, ließ die Finger von den Drogen und stand schon morgens auf. Der Bürgerkrieg in Syrien beschäftigte ihn. Im Internet sah er sich Videos bekannter salafistischer Vereine an. Vorgeblich bringen sie Spenden in die Region. In Wahrheit aber stehen sie im Verdacht, den Terror zu unterstützen. In D. keimte der Gedanke, ebenfalls in den Bürgerkrieg aufzubrechen. Philip B. und einige andere waren bereits ausgereist, als er wegen des Einbruchs in eine Bäckerei noch im Gefängnis gesessen hatte. "Mein Ziel war mein Cousin", sagt D. "Und der Kampf für die Muslime auf der ganzen Welt."

Um die Reise zu finanzieren, schloss Nils D. ein halbes Dutzend Handyverträge ab und verkaufte die Geräte auf dem Schwarzmarkt. Von Amsterdam aus flog er dann in die Türkei und schlug sich zu seinem Vetter nach Syrien durch. Die Zeit dort sei wenig rühmlich für ihn gewesen, resümiert Richterin Havliza. Daran gebe es nichts zu beschönigen. Immerhin ist D. einer der wenigen Dinslakener Dschihadisten, die ihre Reise in den Terror nicht mit dem Leben bezahlt haben.

Als die Vorsitzende den Angeklagten schließlich fragt, ob er Dinslaken als seine Heimat verstehe, sagt Nils D.: "Ja, jetzt erst Recht." Er klingt in diesem Augeblick ziemlich überzeugend.



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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
freddygrant 20.01.2016
1. Was SPON hier ...
... an Hand dieses IS-Fan beschreibt ist sicher kein Einzelfall in unserer deutschen oder westlichen Gesellschaft. Anscheinend fehlt es vielen jungen Leuten, wenn sie das Nötigste ohne zu arbeiten besitzen ihr Leben ausgewogen, artgemäß und dem menschlichen Naturell entsprechend kultiviert zu gestalten. Diese Lethargie macht sie dann zu echten gesellschaftlichen - um nicht zu sagen gefährlichen - Irrläufern. Außer dem IS gibt es noch andere abnorme Einrichtungen, wo sie dann anlanden können. Ein Produkt unserer Gesellschaft sind sie aber allemal!
killing joke 20.01.2016
2. Suche nach Werten & Struktur
So ist das halt - der Islamismus mag manchen wie eine Steinzeitreligion vorkommen, aber er bietet feste Strukturen und Werte. Strukturen, die auf Gewalt beruhen und Werte, die allein diese Machtstrukturen legitimieren, aber immerhin. Für manche kann das schon viel bedeuten. Denn das ist die Kehrseite der liberalen laissez-faire-Gesellschaft: kaputte Patchwork-Familien, egozentrische Eltern, vernachlässigte Kinder. Und immer den Sermon im Ohr: "Mach doch wie Du willst - das musst Du entscheiden" der übersetzt nur heißt:"Mir egal, was mit Dir passiert". Hier wird der eigentliche Kamf gegen den Terror ausgefochten werden: indem wir als Gesellschaft/Kultur beweisen, dass wir mehr zu bieten haben als Konsum, Hedonismus und Scheißegal.
behemoth1 20.01.2016
3. Wege
Es gibt vielfältige Wege, wie einer sich aufmacht, um in einer Terrororgarnisation zu gelangen. Ob linke, rechte oder reliöse Terrororgarnisationen, all diejenigen, die es dort hinzieht haben schon lange vorher den Halt in unserer Demokratie verloren, darüber sollte man sich mal Gedanken machen. Ein gefestigter Mensch, der eine Zukunft für sich sieht, der würde wohl kaum alles aufgeben, oft kann man es doch schon erkennen, dass Menschen abrutschen.
annoo 20.01.2016
4.
Zitat von killing jokeSo ist das halt - der Islamismus mag manchen wie eine Steinzeitreligion vorkommen, aber er bietet feste Strukturen und Werte. Strukturen, die auf Gewalt beruhen und Werte, die allein diese Machtstrukturen legitimieren, aber immerhin. Für manche kann das schon viel bedeuten. Denn das ist die Kehrseite der liberalen laissez-faire-Gesellschaft: kaputte Patchwork-Familien, egozentrische Eltern, vernachlässigte Kinder. Und immer den Sermon im Ohr: "Mach doch wie Du willst - das musst Du entscheiden" der übersetzt nur heißt:"Mir egal, was mit Dir passiert". Hier wird der eigentliche Kamf gegen den Terror ausgefochten werden: indem wir als Gesellschaft/Kultur beweisen, dass wir mehr zu bieten haben als Konsum, Hedonismus und Scheißegal.
Da haben Sie unbedingt recht. Leider funktioniert halt der Umkehrschluss nicht. Vorgänger von kaputten Patchwork-Familien waren verwandschaftliche Bande, die ja auch nicht immer das waren, was man als musterhafte Gemeinschaft versteht. Da schienen selbst gewähle Gemeinschaften oft attraktiver. Aber wirklich offensichtlich ist, wie dem jungen Mann Werte und Halt fehlte. Das muss uns zu denken geben.
babbi7 20.01.2016
5. So einfach ist das nun auch nicht.
Zitat von killing jokeSo ist das halt - der Islamismus mag manchen wie eine Steinzeitreligion vorkommen, aber er bietet feste Strukturen und Werte. Strukturen, die auf Gewalt beruhen und Werte, die allein diese Machtstrukturen legitimieren, aber immerhin. Für manche kann das schon viel bedeuten. Denn das ist die Kehrseite der liberalen laissez-faire-Gesellschaft: kaputte Patchwork-Familien, egozentrische Eltern, vernachlässigte Kinder. Und immer den Sermon im Ohr: "Mach doch wie Du willst - das musst Du entscheiden" der übersetzt nur heißt:"Mir egal, was mit Dir passiert". Hier wird der eigentliche Kamf gegen den Terror ausgefochten werden: indem wir als Gesellschaft/Kultur beweisen, dass wir mehr zu bieten haben als Konsum, Hedonismus und Scheißegal.
Mit Verlaub, wo kämen wir hin, wenn jeder, der eine unglückliche Kindheit erlebt hat, unschuldige terrorisiert oder gar tötet? Sie müssen nicht für alles Verständnis zeigen! Auch ich hatte nicht wirklich eine glückliche Kindheit, wie sehr viele andere auch. Trotzdem bin ich heute nicht Drogenabhängig, kein Gewalttäter und bin mir zusätzlich dessen bewusst, dass nicht die Gesellschaft für meine unglückliche Kindheit verantwortlich ist. Heute, wo ich erwachsen bin, ist alles gut. Dazu gehört aber auch ein wenig Zähne zusammen beißen. Meinen Sie denn wirklich, der arme Kerl wäre im nahen Osten glücklicher aufgewachsen?
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