Terrorprozess gegen Abu Walaa Ein zweifelhafter Zeuge

In dem derzeit vielleicht wichtigsten deutschen Terrorverfahren hängt viel von einem Kronzeugen ab, der sich als geläuterter IS-Anhänger präsentiert. Doch Zweifel an seiner Person sind angebracht.

Anil O. (links) im April 2017 in Düsseldorf
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Anil O. (links) im April 2017 in Düsseldorf

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Der Mann, der an diesem Morgen den Saal 94 im Oberlandesgericht Celle betritt, sieht aus wie eine Witzfigur: Er trägt eine strähnige blonde Perücke, eine runde, dunkle Hornbrille, dazu ein blaues Jackett, einen grünen Schal, Jeans. Der Mann bewegt sich watschelnd, was daran liegen könnte, dass er unter der Kleidung irgendein Material trägt, das seine Figur verändert. So wirkt er viel beleibter, als er in Wahrheit ist.

Die Maskerade hat einen Sinn, denn der Mann ist in Gefahr. Zivilpolizisten begleiten ihn auf Schritt und Tritt, sein Aufenthaltsort wird geheim gehalten. Den Islamisten in Deutschland gilt der Mann als Verräter, schließlich hat er dazu beigetragen, Führungsfiguren der Szene vor Gericht zu bringen. Der Mann heißt Anil O. und ist inzwischen 24 Jahre alt.

O. ist der wohl wichtigste Zeuge in dem Verfahren gegen den Hassprediger Ahmad Abdulaziz Abdullah A. alias "Abu Walaa" und seine vier mutmaßlichen Komplizen. In ihren Kreisen verkehrte der spätere Attentäter auf den Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri. Die Jugendlichen, die vor einem Sikh-Tempel in Essen eine Bombe zündeten, hatten Kontakt zu der Zelle. Und zahlreiche Männer und Frauen aus dem Umfeld der Abu-Walaa-Gruppe reisten nach Syrien, um sich dort dem "Islamischen Staat" (IS) anzuschließen. Der Prozess gegen die fünf Islamisten vor dem Oberlandesgericht Celle ist das derzeit größte und Aufsehen erregendste Verfahren gegen Führungskader der Szene in Deutschland. Es hängt daher viel ab von der Frage, wie glaubhaft die Erzählungen des Anil O. sind.

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"Ganz schwieriger Charakter"

Der Generalbundesanwalt ist sich sicher, dass Abu Walaa der Kopf eines Rekrutierungsnetzwerks war, das junge Männer radikalisierte und dem IS als Kämpfer zuführte. Die Ermittler werfen dem Hassprediger Abu Walaa vor, Mitglied des IS gewesen zu sein. Sie halten ihn sogar für den "Deutschland-Repräsentanten" der Miliz, für einen Paten des Terrors. Ihre Einschätzung beruht ganz wesentlich auf den Aussagen des Kronzeugen O.

Doch Anil O. ist alles andere als eine unproblematische Figur. Ein hochrangiger Ermittler nannte ihn einen "ganz schwierigen Charakter". Im Gespräch mit dem SPIEGEL beschreibt einer seiner ehemaligen Lehrer Anil O. als wissbegierigen, aber windigen Schüler. Ihm sei es wegen seiner Intelligenz leicht gefallen, andere auszutricksen und sich Vorteile zu verschaffen. Abu Walaas Verteidiger Peter Krieger geht noch weiter: "Der Kronzeuge ist ein Hochstapler. Die Anklage beruht auf seinen Lügen."

Abu Walaa
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Unstrittig ist, dass Anil O. als Salafist intensive Kontakte zu dem Netzwerk des Hetzers Abu Walaa pflegte. Unstrittig ist auch, dass O. für den IS in Syrien war. Dennoch gibt es viele Ungereimtheiten und Widersprüche in den Geschichten, die O. den Ermittlern nach seiner Rückkehr erzählte - auch in seinen Aussagen zu dem Bonner Terrorverteidiger Mutlu Günal. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts in Celle unter dem Vorsitz von Frank Rosenow wird es nicht leicht haben, aus den Schilderungen des Kronzeugen so etwas wie Wahrheit zu destillieren. Eine Frage der Richter wird daher sein: Wer ist dieser Mann?

Anil O. wuchs mit seinen beiden Brüdern in Gelsenkirchen auf, seine Eltern stammen aus der Türkei. In der Schule fiel Anils Lehrern das schwierige Verhältnis zu dessen Vater auf, einem inzwischen 25-fach vorbestraften Mann, den seine eigene Frau später in abgehörten Anrufe als krank beschrieb, "weil er ständig lügt". Auch ein Beamter des Düsseldorfer LKA attestierte Ender O. in einem Vermerk eine "bekannt manipulative Art". In einem Telefonat beschwor Anils Mutter ihren Sohn, er möge sich nicht seinen Vater zum Vorbild nehmen.

Trotz der Schwierigkeiten im Elternhaus machte Anil O. 2014 als bester Schüler seines Jahrgangs am Grillo-Gymnasium Abitur. Noch im selben Jahr begann er ein Medizinstudium in Aachen. Über die Koran-Verteilungsaktion "Lies" des inzwischen verbotenen Salafisten-Vereins "Die wahre Religion" kam O. in Kontakt mit dem radikalen Islam. Im Winter 2013/14 reiste er erstmals nach Syrien - und kehrte schon bald nach Deutschland zurück. Im Sommer 2015 zog er dann erneut nach Syrien, diesmal gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn. Anil O. schloss sich dem IS an: Er wollte der Terrororganisation als Arzt dienen.

"Ich ficke eure Mütter!"

Doch schon ein halbes Jahr später floh er mit seiner Familie. Die Grausamkeit des IS habe ihn abgestoßen, erklärte er später seinen Richtern in Düsseldorf. Ihm sei sogar eine Zehnjährige als Sexsklavin angeboten worden. Da seien ihm Zweifel gekommen. O. ging im Januar 2016 in die Türkei. Ein dreiviertel Jahr lang saß er dort fest, ehe er nach Deutschland zurückkehrte.

In den Protokollen der überwachten Telefonate, die O. von der Türkei aus geführt und die der SPIEGEL ausgewertet hat, finden sich indes keine eindeutigen Belege für eine geistig-moralische Wende, für eine Abkehr vom radikalen Islam.

Stattdessen schimpfte Anil O. zunächst auf deutsche Polizisten, die er trotz des Protests seiner Mutter immer wieder als "Feinde" und "Hurensöhne" beschimpfte: "Ich weiß, dass ihr mithört", tobte er in einem überwachten Gespräch und wand sich direkt an die Lauscher des LKA: "Ich ficke eure Mütter!" Einen hochrangigen Verfassungsschützer nannte O. "Bastard".

Über das widerwärtige Angebot des IS, ihm ein Kind als Sexsklavin zuzuführen, sprach O. am Telefon nicht - obwohl es doch der Grund gewesen sein soll, der Terrortruppe den Rücken zu kehren und er der Polizei später sagen würde, seine Enttäuschung über den IS sei damit in Hass umgeschlagen: "Das war Barbarei." Auch die angeblichen Folterungen, die er über Wochen beim IS erlebt haben will, blieben unerwähnt. Ein ruppiger SEK-Einsatz in Deutschland hingegen, inzwischen etwa ein Jahr her, empörte ihn zu diesem Zeitpunkt noch immer.

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Als Arzt ausgegeben

Auch finden sich Begebenheiten in den Akten, die Zweifel an der Persönlichkeit des Kronzeugen rechtfertigen. So versuchte O. von der Türkei aus, an ein Tablet zu kommen. In einem abgehörten Telefonat gab er sich gegenüber der Verkäuferin des Computers als "Thomas" aus. Er sagte, er sei Arzt und behandele kranke Kinder. "Ich bin spezialisiert auf dem Gebiet der Leukämie. Ich arbeite vorwiegend in Istanbul, aber auch teilweise in Berlin", behauptete Anil O., der keine zwei Semester studiert hat. "Ich brauche das Tablet praktisch, um die leukämiekranken Kinder zu behandeln. Wir haben eine neue Technik entwickelt, wo wir praktisch eine genaue Blutanalyse machen können", sagte er. "Und da habe ich mir gedacht, ich hole mir das. Das System ist eigentlich ideal für die Behandlung der Kinder."

Kein Wort davon ist wahr. Mit der Aufnahme vor Gericht konfrontiert sagte O. schließlich: "Tut mir leid, es war ein Fehler. Ich bin auch nur ein Mensch."

Tricksereien wie diese sind das eine. Schon bald aber organisierte Anil O. von der Türkei aus seine Rückkehr nach Deutschland. Immer wieder überlegte er in den Gesprächen mit seinen Angehörigen, was er den Behörden bieten könne, um selbst möglichst glimpflich davonzukommen. In einem Telefonat sprach Anil O. unverhohlen von einer "Menükarte", die sein Anwalt dem LKA vorlegen soll: Die Beamten mögen bestellen, was ihnen schmeckt.

Von Abu Walaas Verteidigern mit der "Menükarte" vor Gericht konfrontiert, wird Anil O. schnippisch: "Es gibt keine Menükarte, auf der steht: Hauptgang Abu Walaa." Dann setzte er belehrend hinzu: "Der Begriff kann metaphorisch verstanden werden: wichtige Informationen, die die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland betreffen." Die habe er liefern sollen und wollen.

"Nummer 1 des IS"

Deswegen habe er die Abschrift eines TV-Interviews, das er in der Türkei gegeben habe, im September 2016 an das LKA übermitteln lassen, so O. In dem Gespräch hatte O. gesagt, Abu Walaa sei die "Nummer 1" des IS in Deutschland. Die Aussage ist zu einer gängigen Phrase geworden. Doch dass der IS überhaupt eine derartig formalisierte Struktur in Deutschland hat, in der der Hildesheimer Hassprediger stehen könnte, bezweifeln viele Experten.

Nach seiner Heimkehr notierte auch der Kriminalhauptkommissar aus dem Düsseldorfer Landeskriminalamt, der später zu O.s ständigem Vernehmungsbeamten werden soll, seinen ersten Eindruck des Islamisten: Anil O. sei "narzisstisch veranlagt. Er greift jedes Statement, jeden Kommentar, jede Einschätzung auf und macht sie sich zu eigen und zu seinem eigenen Vorteil."

Doch bei dieser distanzierten Einschätzung blieb es nicht. Es scheint, als gingen die Behörden schließlich auf die "Menükarte" ein, als wollten und konnten sie sich die Chance nicht entgehen lassen, mit O.s Hilfe endlich gegen Szenegrößen wie Abu Walaa und andere Islamisten vorzugehen. Inzwischen hat sich Anil O. dutzendfach von Beamten des nordrhein-westfälischen LKA vernehmen lassen - und zahlreiche Extremisten belastet.

Die Aussagen von Aussteigern wie Anil O. sind auch deshalb so gefragt, weil deutsche Strafverfolger nur wenige Möglichkeiten haben, sich ein Bild von den Verhältnissen in Syrien zu machen, sie zugleich aber Hunderte Terrorverfahren führen müssen. Kronzeugen sind hochwillkommen, wenngleich die Ermittler nur allzu gut wissen, mit wem sie sich zu diesem Zweck einlassen müssen.

Anil O. jedenfalls kam im Mai 2017 mit zwei Jahren auf Bewährung davon - für jemanden, der wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt wurde, ein fast sensationell mildes Urteil.

Seither tritt O. als Zeuge in Prozessen gegen Islamisten auf, nicht nur in Celle. Doch überall gilt, was ihm der Vorsitzende des niedersächsischen Staatsschutzsenats aufgibt: "Sie müssen die Wahrheit sagen, sonst machen Sie sich strafbar."

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