Islamismus US-General warnt vor Drittem Weltkrieg

Der US-Oberkommandierende im Nahen Osten, General John Abizaid, hält einen Dritten Weltkrieg für möglich, wenn der Kampf gegen den islamischen Extremismus nicht geführt wird. Auch Britanniens Premier Blair äußerte sich pessimistisch: Die Lage im Irak sei ein Desaster.


Berlin/Cambridge - Es war nur eine Vorlesung unter dem Titel "Der lange Krieg" - aber eine, deren Inhalt gewaltige Wellen schlagen wird. "Wenn wir heute nicht den Schneid haben, dieser Ideologie entgegenzutreten, dann werden wir morgen den Dritten Weltkrieg erleben", so der US-Oberkommandierende im Nahen Osten, John Abizaid, vor den Zuhörern.

Bombenanschlag in Tikrit: "Dann werden wir morgen den Dritten Weltkrieg erleben"
REUTERS

Bombenanschlag in Tikrit: "Dann werden wir morgen den Dritten Weltkrieg erleben"

Abizaid zeichnete ein Schreckenszenario: Sollten die Extremisten nicht aufgehalten werden, würden diese die Möglichkeit bekommen, ungehindert Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. "Und ich denke, die Gefahren, die damit zusammenhängen, sind einfach zu groß, als dass man sie sich vorstellen könnte", sagte der General am Freitag.

Es war eine Rede, die offenbar auch dazu diente, den andauernde US-Präsenz im Irak zu verteidigen. Denn Abizaid machte drei Hürden auf dem Weg zur Stabilisierung des Nahen Ostens aus: Das arabisch-israelische Verhältnis müsse entspannt und der Ausbreitung des Extremismus Einhalt geboten werden, ferner dürfe der Iran nicht außer Acht gelassen werden. Diese drei Probleme träfen im Irak zusammen, so der US-General. Daher sei es wichtig, dort weiterhin auf eine Stabilisierung des Landes hinzuarbeiten.

US-Geheimgespräche mit Syrien

Abizaids Warnung kommt zu einem Zeitpunkt, da in den USA und beim Verbündeten Großbritannien die Debatte über den Sinn und Zweck eines Verbleibs im Irak zunimmt. Auslöser waren die jüngsten Kongress-Wahlen, die mit einer verheerenden Niederlage der Republikaner endeten. Nicht ausgeschlossen wird von US-Analysten, dass die Administration unter US-Präsident George W. Bush wegen der Mehrheit der Demokraten in Senat und Repräsentantenhaus in der Irakfrage einen Kurswechsel vornehmen muss.

Anzeichen dafür sind Zeitungsberichte aus den USA, wonach sich der ehemalige US-Außenminister James Baker mehrmals mit hochrangigen syrischen Regierungsmitgliedern getroffen, um über eine Zusammenarbeit zur Beilegung des Irak-Konflikts zu beraten. So sei Baker unter anderem im September in New York mit Syriens Außenminister Walid Muallem zusammengekommen, sagte der syrische Botschafter Imad Mustapha der "New York Times". Baker habe den Politiker ohne Umschweife gefragt, wie Syrien zur Unterstützung im Irak bewegt werden könne. Das Treffen sei "sehr vielversprechend" verlaufen. Details nannte der Botschafter allerdings nicht.

US-Präsident Bush, General Abizaid (Mitte r.): Warnende Worte an einer Eliteuniversität
AP

US-Präsident Bush, General Abizaid (Mitte r.): Warnende Worte an einer Eliteuniversität

Baker leitet eine Kommission, die eine neue US-Strategie zur Lösung der Irak-Krise aufzeigen soll. Mehrere Politiker haben bereits darauf gedrungen, Syrien und auch den Iran - dem die USA die Entwicklung von Atomwaffen unterstellen - mit an Bord zu holen, doch sind die Beziehungen zwischen den USA und den beiden Staaten angespannt, weshalb diplomatische Kontakte schwierig sind. Auf höherer Ebene hat die Bush-Regierung diese zu Syrien sogar untersagt, da sie das Land verdächtigt, Extremisten und irakische Aufständische zu unterstützen.

Der syrische Botschafter Mustapha sagte, er habe der Baker-Kommission erläutert, was Syrien in der Irak-Frage unternehmen könne, und was nicht. "Wir sind sehr ehrlich miteinander umgegangen. Wir haben ihnen erklärt, warum es in unserem eigenen nationalen Interesse ist, an einer Stabilisierung der Lage im Irak mitzuhelfen."

Blair verteidigt Irak-Einsatz

Unterdessen traf im Irak Großbritanniens Finanzminister Gordon Brown zu einem Überraschungsbesuch ein. Er sicherte dem Land zusätzliche 100 Millionen Pfund Hilfsgelder, die in den kommenden drei Jahre in ein Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft fließen sollen. Brown, der als Nachfolger des britischen Premiers Tony Blair gilt, betonte, dass Großbritannien die Iraker weiterhin beim Aufbau einer demokratischen Nation unterstützen werde.

Blair, der Anfang des Jahres erklärte hatte, kein viertes Mal zur Wahl anzutreten, ging unterdessen in der englischsprachigen Ausgabe des Fernsehsender Al-Dschasira in die Offensive. Auf die Frage, ob die Invasion des Irak bislang nicht ein ziemliches Desaster gewesen sei, antwortete er: "Ja". Die Schwierigkeiten ergäben sich jedoch nicht aus einer fehlerhaften Planung, sondern aus einer " klaren Strategie" von sunnitischen und schiitischen Aufständischen, die von der Terrororganisation al-Qaida beziehungsweise dem Iran unterstützt würden.

Zugleich bekräftigte der Premierminister, dass es keinen baldigen Abzug der britischen Truppen geben werde. "Wir gehen aus dem Irak nicht weg. Wir werden so lange bleiben, wie uns die Regierung braucht."

sev/rtr/dpa



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