Islamismus Verfassungsschutz warnt vor Dschihad-Romantik

Mit immer ausgefeilteren Methoden versuchen Dschihadisten, junge Männer für den Bürgerkrieg in Syrien zu rekrutieren. Der Verfassungsschutz beobachtet eine stetig steigende Zahl von Gotteskriegern - und ist wegen der vielen Rückkehrer alarmiert.

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Dschihadist Cuspert in einem Propagandavideo: Abenteuer von der Front

Dschihadist Cuspert in einem Propagandavideo: Abenteuer von der Front


Berlin - Der frühere Gangster-Rapper aus Berlin sitzt in einem Jeep auf dem Beifahrersitz und holpert durch Syrien. Neben Denis Cuspert alias Deso Dogg spricht ein blässlicher Dschihadist mit dünnem Bart auf Deutsch über den Bürgerkrieg. Irgendwann sagt dieser Gotteskrieger, breit lächelnd: "Wir wünschen uns schon lange, einen zu schlachten, einen mit einem stumpfen Messer enthaupten zu können." Er meint wohl einen feindlichen Soldaten. Cuspert grinst.

Das verstörende Video, in dem die beiden Extremisten so abstoßend mit Freude über die Enthauptung eines Menschen plaudern, kursiert seit einigen Wochen im Netz. Dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) dient der Film inzwischen als Beispiel dafür, auf welche Weise islamistische Hetzer Nachwuchs für den Kampf in Syrien zu rekrutieren versuchen.

"Gerade junge Leute lassen sich durch die zielgerichtete Propaganda im Internet und über soziale Netzwerke leicht erreichen und emotionalisieren", sagt BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen. Die "Dschihad-Romantik" der teilweise rasend schnell übermittelten und stark geschönten Frontberichte schafften eine Nähe zur Klientel und förderten weitere Ausreisen in das Kriegsgebiet.

Propaganda per WhatsApp

Als Instrumente der Propaganda und Kommunikation dienen demnach immer häufiger Smartphone-Anwendungen wie WhatsApp oder Instagram. Mit deren Hilfe werden Erlebnisse im Kampfgebiet laufend gepostet und in geschlossene Gruppen der radikalislamistischen Szene gesendet. So entsteht eine virtuelle Dschihad-Gemeinschaft, die schwer zu infiltrieren ist. Den deutschen Sicherheitsbehörden ist es derzeit nach eigener Darstellung nicht möglich, verschlüsselte Chats etwa über WhatsApp oder Skype abzuhören.

Bislang sind weit mehr als 400 Islamisten aus Deutschland nach Syrien aufgebrochen, etwa 130 von ihnen kehrten bereits zurück. Von ihnen wiederum verfügen rund 25 über Erfahrungen im Kampf.

Wie aus einer Analyse bundesdeutscher Polizeibehörden und Verfassungsschutzämter hervorgeht, besitzen fast zwei Drittel der ausgereisten Dschihadisten die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihnen die Wiedereinreise in die Bundesrepublik zu verbieten, ist damit unmöglich. Zumal die Nachrichtendienste auch nicht immer über gerichtsverwertbare Informationen darüber verfügen, was die Betreffenden in Syrien getan haben.

"Wir tun alles, was möglich ist, um einen Anschlag zu verhindern"

Der Verfassungsschutz hält die Dschihad-Rückkehrer dennoch für eine besondere Gefahr, auch wenn es derzeit keine konkreten Hinweise auf geplante Operationen in Deutschland gebe. "Wir tun alles, was möglich ist, um einen Anschlag zu verhindern", sagt Maaßen. Die auf nationaler und internationaler Ebene zusammenarbeitenden Sicherheitsbehörden könnten das Problem jedoch nicht allein lösen. Die gesamte Gesellschaft sei gefragt, "Radikalisierungen insbesondere bei jungen Menschen frühzeitig zu erkennen und auf diese zu reagieren", sagt der BfV-Chef.

Der Sicherheitsstudie zufolge wendet sich die Mehrheit der Syrien-Heimkehrer in Deutschland erneut der extremistischen Szene zu. Ein Aussteigerprogramm stellte das BfV daher unlängst ein - mangels Nachfrage. Offenbar ist das islamistische Milieu nicht nur in der virtuellen, sondern auch in der realen Welt sehr geschlossen und schwer aufzubrechen. Schon bei der Radikalisierung von Dschihadisten bleibt der wichtigste Faktor bislang der Freundeskreis der jungen Männer, gefolgt von Moscheen und dem Internet.

Wie wenig Wahrheit die in einschlägigen Kreisen verbreitete Kriegsromantik jedoch tatsächlich enthält, musste der Bonner Dschihadist Omar D. unlängst am eigenen Leib feststellen. In Somalia wollte er mit der Shabab-Miliz für die Errichtung eines Kalifats streiten, doch die vermeintlichen Brüder erwiesen sich als schlechte Kameraden. Sie folterten und verhörten den Deutschen über Monate. Der Grund: Omar habe zu viele Fragen gestellt, erklärte sein ebenfalls ausgereister Mitstreiter Mounir T. später der Polizei.

Etwas besser erging es dem Islamisten Kreshnik B., der als erster deutscher Ex-Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat" derzeit in Frankfurt am Main vor Gericht steht. Seine Familie holte den heute 20-Jährigen schließlich heim. Zuvor hatte er sich in Skype-Chats mit seiner Schwester ausführlich über die Monotonie im Kriegsgebiet beschwert. Statt aufregender Kommandoaktionen als Scharfschütze, von denen er geträumt hatte, musste der deutsche Berufsschüler stundenlang Wache schieben - vor leerstehenden Häusern.

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