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Verdacht auf Entführung: Polizei überwältigt Islamisten in NRW

Von und Roman Lehberger

Dschihadist Michael C. in Syrien: "Heiliger Krieg gegen die Ungläubigen" Zur Großansicht
privat via syrienblog.net

Dschihadist Michael C. in Syrien: "Heiliger Krieg gegen die Ungläubigen"

Zugriff im Schnellimbiss: Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei hat nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen in NRW einen dänischen Dschihadisten gefasst. Michael C. soll in Aachen einen Mann entführt haben.

Aachen - Erst zog er für Allah in den Heiligen Krieg, dann soll er sich an einer Entführung in Aachen beteiligt haben: Ein Spezialeinsatzkommando der nordrhein-westfälischen Polizei hat nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen den dänischen Islamisten Michael C. festgenommen. Der 22-Jährige wird verdächtigt, Anfang September gemeinsam mit drei Komplizen einen Ägypter gekidnappt zu haben. Die Hintergründe der Tat sind noch immer rätselhaft.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler fingen die Täter den 52-Jährigen mittags vor seiner Wohnung ab und zwangen ihn mit einem Messer und einem Schraubenzieher in ein Auto. Dann fuhren sie in Richtung Düren davon. Telefonisch forderte das Quartett von einem Onkel des Mannes 10.000 Euro Lösegeld, doch der informierte stattdessen die Polizei. Spezialkräfte überwältigten die Männer schließlich gegen 23 Uhr in einem Imbiss. Die Staatsanwaltschaft Aachen ermittelt nun unter anderem wegen erpresserischen Menschenraubs.

"Ich habe keine Hinweise darauf, dass die Tat einen politischen Hintergrund haben könnte", so der Verteidiger von Michael C., der Aachener Rechtsanwalt Andreas Fleuster, auf Anfrage. "Mir scheint es, als sei mein Mandant in diese Sache etwas unglücklich hineingeraten." Tatsächlich sind die Motive für die Entführung unklar, auch scheint das geforderte Lösegeld für vier Täter ungewöhnlich niedrig.

Islamistischer Gefährder

Michael C. gilt in dänischen Sicherheitskreisen als islamistischer Gefährder, in Deutschland ist er bislang nicht als Extremist aufgefallen. Der vorbestrafte Gewalttäter war vor einigen Jahren konvertiert, als er eine Haftstrafe wegen Raubes verbüßte. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte er sich schnell radikalisiert. C. reiste bereits zweimal nach Syrien, angeblich zunächst, um dort humanitäre Hilfe zu leisten. Später fantasierte er vom "Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen". Auf Fotos, die im Internet kursieren, posiert er mit Sturmgewehren vor ausgebrannten Panzern und auf Flugabwehrgeschützen.

Dass islamistische Gotteskrieger häufig eine allgemeinkriminelle Vergangenheit haben, ist eher die Regel denn die Ausnahme. Wie aus einer aktuellen Analyse deutscher Sicherheitsbehörden zu Dschihadisten hervorgeht, verstieß fast die Hälfte der nach Syrien ausgereisten Fanatiker schon vor ihrer Radikalisierung gegen das Gesetz. Am häufigsten fielen sie mit Gewalttaten auf, gefolgt von Eigentums- und Drogendelikten.

Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz hat bereits vor einigen Jahren untersucht, was junge Konvertiten zu ihrer fundamentalistischen Überzeugung verleitet. Demnach handelt es sich - ähnlich wie beim Rechtsextremismus - vor allem um labile junge Männer aus gestörten familiären Verhältnissen, die sich von einfachen Botschaften und angeblicher Brüderlichkeit angezogen fühlen.

Vom dänischen Fernsehen hatte sich der aus Aarhus stammende Michael C. im Juli 2013 filmen lassen, ehe er in den Bürgerkrieg reiste. In seinen Koffer stopfte der Gotteskrieger, der eine Trainingsjacke mit der Aufschrift "Natural Born Killers" trug, damals neben einer Splitterschutzweste auch eine Spielekonsole. Später spielte er für die Kamera noch etwas Klavier.

Mitarbeit: Christoph Titz

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