Islamisten Der Hassprediger, der nicht mehr hassen will

Muslime sollen ihren Frieden mit Deutschland machen - das fordert der frühere Hassprediger Mohammed al-Fasasi, einst Lehrer der 9/11-Verschwörer, und sorgt damit für Diskussionen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert Fasasis offenen Brief.

Renegat Mohammed al-Fasasi: "Kristallklare Argumentation"
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Renegat Mohammed al-Fasasi: "Kristallklare Argumentation"

Von Yassin Musharbash und


Berlin - Es sei "hart für die Ungläubigen, dass unsere Religion uns befiehlt, ihnen die Hälse durchzuschneiden", predigte der Imam Mohammed al-Fasasi aus Marokko 2001 in einer Hamburger Moschee. Zu den Zuhörern und Musterschülern des langbärtigen Extremisten zählten auch Mohammed Atta, Ramzi Binalshibh und Marwan al-Shehhi, drei der Verschwörer des 11. September 2001.

Heute, acht Jahre später, hat Mohammed al-Fasasi dem Terror gegen Ziele im Westen abgeschworen. "Ich gebe zu, dass ich mich vergallopiert habe und über das Ziel hinausgeschossen bin", schreibt er in einem offenen Brief an seine in Hamburg lebende Tochter und die Muslime in Deutschland.

Die Muslime in Deutschland sollen durch "friedliche Demonstrationen, Streiks und Proteste" auf sich und ihre Probleme aufmerksam machen, keinesfalls aber durch "willkürliche Attentate und das Töten unschuldiger Menschen mit dem Argument, Kuffar (Ungläubige, Red.) zu töten."

Der SPIEGEL hat im aktuellen Heft vom Sinneswandel des einstigen Hasspredigers berichtet. Mittlerweile hat sein Brief, den SPIEGEL ONLINE nun erstmals leicht gekürzt dokumentiert, erste Reaktionen ausgelöst. Alles deutet darauf hin, dass Fasasis Abschwören vom Terrorismus in den Moscheen und vor allem unter Dschihadisten eine Debatte auslöst.

"Großer Schritt nach vorne"

Fasasis Thesen seien eine "kristallklare Argumentation", sagt etwa der in London lebende Libyer Noman Benotman, selbst einst Dschihadist und persönlicher Bekannter Osama Bin Ladens. Benotman hat mittlerweile dem bewaffneten Kampf und dem Terror abgeschworen und versucht stattdessen,. ehemalige Kampfgefährten zu überzeugen.

Fasasi, so Benotman, habe viele Anhänger in den Maghreb-Staaten. "Eine Menge Leute werden ihm zuhören und das genau lesen", prophezeit er. Möglicherweise werde der Brief sogar mehr Einfluss entwickeln als die Bücher, die andere Renegaten aus dem Umfeld al-Qaidas verfasst haben, schon weil er viel kürzer und komprimierter sei.

Zudem argumentiere Fasasi explizit und nachvollziehbar islamisch, etwa wenn er sage, dass muslimische Migranten durch ihre geleisteten Unterschriften bei der Einwanderung einen Vertrag eingegangen seien, der ihnen Gewalt gegen die Gastländer verbiete. "Bis jetzt", so Benotman, "ist al-Fasasi der Beste. Das ist ein großer Schritt nach vorn."

Seit sechs Jahren in Haft

Benotman reiht Fasasi damit ein in die kleine, aber illustre Runde derer, die einst Aktivisten des militanten Dschihad waren - und heute, aus religiöser Überzeugung, auf der anderen Seite stehen.

Der bedeutendste Vertreter ist Sajjid Imam al-Scharif alias Doktor Fadl, einer der Mitbegründer al-Qaidas und ein enger Freund von Aiman al-Sawahiri, dem Ägypter, der heute nach Bin Laden die Nummer zwei im Terrornetzwerk ist. Im Jahr 2007 machte Doktor Fadl seinen Sinneswandel öffentlich, später schrieb er ein Buch über seine Abkehr vom willkürlichen Töten durch Terrorismus. Al-Qaida nahm diese Herausforderung theologischer Natur so ernst, dass al-Sawahiri in einer Rede eigens auf den einstigen Freund eingehen musste.

Zu dieser Gruppe zählte auch der saudische Gelehrte Salman al-Awda, einst ein glühender Verfechter des Gotteskrieges, der kürzlich sogar Bin Laden persönlich per TV ansprach und versuchte, den Qaida-Chef davon zu überzeugen, den Tod Unschuldiger nicht mehr in Auftrag zu geben.

Mohammed al-Fasasi gilt in dschihadistischen Kreisen als echte Autorität, vor allem in Nordafrika. In seinem Heimatland Marokko sitzt er seit mittlerweile sechs Jahren im Gefängnis, er wurde zu 30 Jahren verurteilt, weil man ihn für schuldig hielt, die Attentäter der Bombenanschläge von Casablanca 2003 indoktriniert zu haben. Fasasi beteuert seine Unschuld.

Der Brief kursiert in Moscheegemeinden

Zwar biete die Tatsache, dass Fasasi sich aus dem Gefängnis heraus vom Terror lossagt, Anlass zu Skepsis, sagt der Norweger Thomas Hegghammer, Experte für dschihadistische Ideologie an der Harvard Kennedy School. "Aber Fasasi ist einer der einflussreichsten Ideologen in der Dschihadisten-Szene in Europa und Nordafrika, dieser Vorgang könnte also ziemlich bedeutend sein", sagt er.

Hegghammers Kollege Brynjar Lia, der am Think Tank des norwegischen Verteidigungsministeriums tätig ist, sieht Fasasis Brief als "ein weiteres Stück Munition im ideologischen Gegenangriff auf al-Qaida und den militanten Islamismus".

Wie Fasasi saßen auch Doktor Fadl und Salwan al-Awda jahrelang im Gefängnis, an ihren Gesinnungswandel zweifelt aber niemand mehr an. Fasasi schreibt, dass er die Zeit in Haft genutzt habe, sein Denken neu zu überprüfen. Er sei zu nichts gezwungen worden und schreibe diesen Brief nicht unter Druck. Mitarbeiter deutscher Sicherheitsbehörden halten diese Beteuerung für glaubhaft, weil Fasasi einen so langen Brief verfasste. Wegen seines Ansehens würden selbst marokkanische Sicherheitsleute sich nicht trauen, ihn zu foltern. Zudem sei Fasasi kein Typ, der gegen seine Überzeugungen handeln würde.

Mittlerweile kursiert Fasasis Brief auf Arabisch und Deutsch in deutschen Moscheegemeinden.

Mancher seiner Anhänger mögen den Sinneswandel nicht glauben. "Jedenfalls werden wir unseren Weg nicht ändern", schreibt ein Dschihadist in einem deutschsprachigen Internetforum Gleichgesinnter. Die Diskussion hat begonnen.



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