Radikale Islamisten in Deutschland 230 Gefährder im Visier

Mehr als 200 Islamisten bedrohen die innere Sicherheit Deutschlands. Sie gelten als fanatisch und extrem gewaltbereit, Einzeltäter sind kaum aufzuhalten. Bei einem Radikalen entdeckte die Polizei zuletzt sogar eine Kalaschnikow.

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Teilnehmer einer verdächtigen Veranstaltung in Köln (Archivbild): Sorge um die innere Sicherheit
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Teilnehmer einer verdächtigen Veranstaltung in Köln (Archivbild): Sorge um die innere Sicherheit


Sie waren gekommen, um Drogen zu finden. Doch was die Beamten der Kasseler Polizei vor einigen Monaten in der unaufgeräumten Mietwohnung von Walid D., 27, entdeckten, bereitete ihnen weitaus größere Sorgen. Der Extremist hortete eine Kalaschnikow AK-47 samt Munition, eine Pistole vom Typ Ceska 27, eine schusssichere Weste und eine Fahne der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). "Bei uns schrillten sofort die Alarmglocken", so ein Beamter.

Dass sich radikale Islamisten wie Walid D., der nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden kurz zuvor von einem Aufenthalt in Syrien zurückgekehrt war, mit Sturmgewehren ausrüsten, gilt erfahrenen Staatsschützern als "Horrorvision". Die Waffen verfügen über eine hohe Feuerkraft und sind sogar der Ausrüstung vieler deutscher Polizei-Spezialeinheiten überlegen. In Paris bedienten sich die Attentäter nun solcher Gewehre und töteten zwölf Menschen. (Die aktuellen Entwicklungen finden Sie hier im Newsblog.)

Die beiden Hauptverdächtigen Said, 34, und Cherif Kouachi, 32, entsprechen zudem wohl dem Prototypen der gewaltbereiten Radikalen, vor dem die Behörden auch in Deutschland immer wieder warnen. Sie haben nach Berichten französischer Zeitungen beruflich nie richtig Fuß gefasst, schlingerten durchs Leben, gerieten mit dem Gesetz in Konflikt und suchten schließlich Halt in einer Pseudo-Religiösität, die nur noch Gut oder Böse kannte.

Offenbar versuchte Cherif Kouachi schon vor Jahren, als Dschihadist in den Irak zu reisen, um dort gegen die US-Truppen zu kämpfen. Die Behörden konnten seine Terror-Tour verhindern und verurteilen ihn zu einer Gefängnisstrafe. Die Zeit hinter Gittern de-radikalisierte ihn aber anscheinend nicht.

Einzelne Angreifer sind schwer aufzuspüren

In Deutschland warnen Verfassungsschützer nicht nur vor den aus dem Bürgerkrieg zurückgekehrten Gotteskriegern, sondern auch vor denjenigen, deren Ausreise verhindert werden konnte. "Wir müssen die Islamisten weiter in unseren Fokus nehmen, die im Ausland kämpfen wollen, aber ihr Ziel nicht erreicht haben", so der Leiter des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz, Torsten Voß. Wer entschlossen sei, könnte versuchen, in der Bundesrepublik zuzuschlagen. Das zeigten Beispiele aus dem Ausland.

"Wir haben uns auf eine neue Art von Terrortaten einzustellen, auf Einzeltäter, Kleinstgruppen, die ohne große Planung Schrecklichstes, vielleicht auch spontan, tun", so Voß vor wenigen Wochen im Interview mit SPIEGEL ONLINE. In Australien etwa wollten Islamisten aus ihrer Sicht "Ungläubige" gefangen nehmen und enthaupten. Die nordrhein-westfälischen Dschihadisten um Marco G. planten laut Anklage bereits vor zwei Jahren, Politiker der rechtsextremen Partei Pro NRW zu erschießen. Sie wollten demnach rächen, dass die Organisation im NRW-Wahlkampf Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte.

Wie bei den verhinderten Bonner Attentätern gewinnt dem Bundeskriminalamt zufolge die Strategie des "individuellen Dschihads" stetig an Bedeutung. Sogenannte "Lone Offender", also einzelne Angreifer, seien nur schwer aufzuspüren, ihre Taten kaum zu verhindern. In seinem vertraulichen "Gefährdungslagebild: Politisch motivierte Kriminalität" warnt das BKA vor dem "hohen Sicherheitsrisiko" der aus Syrien zurückkehrenden Dschihadisten und einer "anhaltenden Bedrohung" durch islamistische Terroristen.

Heimkehrer wenden sich meist erneut der Szene zu

Von den mehr als 500 Gotteskriegern, die aus Deutschland Richtung Syrien gereist sind, kehrten inzwischen etwa 180 in die Bundesrepublik zurück. Einer Studie der Verfassungsschutzämter zufolge wendet sich die Mehrheit der Heimkehrer in Deutschland erneut der extremistischen Szene zu. Offenbar ist das islamistische Milieu sehr geschlossen und schwer aufzubrechen. Schon bei der Radikalisierung von Dschihadisten bleibt der wichtigste Faktor bislang der Freundeskreis der jungen Männer, gefolgt von Moscheen und dem Internet.

Für Polizei und Verfassungsschutz bedeutet das, mehr als 230 sogenannte Gefährder "unter Wind zu halten", wie es im Jargon der Beamten heißt. Die Extremisten werden mit größtem Aufwand observiert, ihre Telefone und E-Mail-Konten überwacht. Bei einigen Bundesbehörden fielen daher im vergangenen Jahr Zehntausende Arbeitsstunden alleine für die Beobachtung der Syrien-Rückkehrer an. "Wir tun alles, was möglich ist, um einen Anschlag zu verhindern", der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen.

Im Fall des Kasseler Islamisten Walid D. erbrachte die Untersuchung der Kalaschnikow, dass diese defekt war. Ein Teil des Verschlusses fehlte. D. selbst erklärte der Behörden, das Sturmgewehr sei ein Erbstück.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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