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Islamisten-Szene: Die Radikalen von Ulm

Von Yassin Musharbash und

Das Islamische Informationszentrum in Ulm gilt als einer der Orte, an denen sich Muslime in Deutschland radikalisieren. Auch Tolga D., der in Pakistan wegen Terrorverdachts festgenommen wurde, war Mitglied des Vereins.

Berlin/Ulm - Christopher trägt eine Stoffhose und ein blaues Sweatshirt. Er hat blau-graue Augen und sein Kopf ist modisch rasiert. Ein ganz gewöhnlicher 23-Jähriger. Wenn da nicht der Bart wäre, denn der fällt auf.

Fassade des IIZ in Ulm: Die Regeln Gottes in der Politik
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Fassade des IIZ in Ulm: Die Regeln Gottes in der Politik

Viele Muslime tragen einen Bart. Aber dieser Bart ist ein Statement: Es ist die ungeschnittene, franselige Variante, die von streng Gläubigen bevorzugt wird.

Christopher, der Auszubildender ist, redet sanft, freundlich und geduldig. Keine Hetze kommt über seine Lippen, während er in der Tür zum "Islamischen Informationszentrum" in Ulm (IIZ) steht, keine ideologischen Phrasen und keine Parolen. Welche Auslegung des Islam in diesen vier Wänden vorherrscht, wird trotzdem deutlich: "Hier kann man sehen, was wir glauben", sagt Christopher und schenkt dem Besucher ein Buch. Es heißt "Botschaft des Islam" und kommt aus Saudi-Arabien. Darin steht zum Beispiel, dass der Islam die Grundzüge der Politik bestimmen sollte, dass kein Mensch den Regeln Gottes "entgegenwirken" dürfe, "oder ein Gesetz erlassen, das gegen sie verstoßen kann".

Die Vorstellung, der Islam müsse alle Bereiche des menschlichen Lebens prägen, Politik und Gesellschaft eingeschlossen, ist eine der gängigen Definitionen von Islamismus - und das IIZ gilt als einer der Horte dieser Weltanschauung in Deutschland.

Tschetschenienkämpfer aus Ulm

Das IIZ ist schlechte Presse gewöhnt. Im Inneren steht eine Schultafel: Die Brüder und Schwestern möchten bitte nicht mit Journalisten reden - "kein Wort". Bereits mehr als einmal haben Mitglieder des IIZ und des mit ihm personell verbandelten, mittlerweile verbotenen "Multikulturhauses" (MKH) im benachbarten Neu-Ulm schon die Grenze zwischen Islamismus und Militanz überschritten. Jetzt ist das Zentrum erneut in den Schlagzeilen: Am 10. Juni nahm die pakistanische Polizei Tolga D. wegen Terrorismusverdachts fest - und auch der 29-Jährige war zeitweise Mitglied des IIZ-Vereins.

Tolga D. hatte Deutschland vor gut einem Jahr verlassen, um in Ägypten Arabisch zu lernen. Seine letzte Meldeadresse: Hurghada, am Roten Meer. Die Pakistaner nahmen ihn jetzt fest, als er mit gefälschten Papieren von Iran nach Pakistan einreisen wollte, im Gepäck unter anderem ein Satellitentelefon. Es gibt bis jetzt keine öffentlich bekannten Beweise gegen Tolga, aber deutsche Ermittler halten es für möglich, dass der Ex-Ulmer in Pakistan Bande zu militanten Organisationen knüpfen wollte oder als Kurier fungierte. Pakistan gilt als neuer Verschiebebahnhof des weltweiten bewaffneten Dschihad. Tolga D. soll außerdem zumindest mit einer Person bekannt sein, die vor wenigen Wochen in Europa beim möglichen Ausspähen potentieller Ziele auffiel.

Die Liste derer, die vor Tolga D. die Islamistenszene von Ulm und Neu-Ulm in Verruf brachen, ist mittlerweile ziemlich umfassend. Die Sorge der Behörden ist dabei nicht so sehr, dass in Ulm und Neu-Ulm Terroranschläge gegen Zivilisten geplant würden - aber Aufrufe zum bewaffneten Kampf im Ausland bleiben hier zum Beispiel nicht ungehört. Und nicht nur die deutschen, auch ausländische Nachrichtendienste versuchten MKH und IIZ im Auge zu behalten.

  • Bereits Mitte der neunziger Jahre legte der ägyptische Arzt Yahya Yusuf die Grundlagen: Gemeinsam mit Reda Seyam gründete er das Hilfswerk "Menschen für Menschen", von dem angenommen wird, dass es Geld an bosnische Mudschahidin lieferte. Reda Seyam wurde später verdächtigt, die Anschläge von Bali 2002 mitgeplant zu haben, auch wenn ihm das nie nachgewiesen wurde. Yusuf soll sich zudem mit Vertretern der ägyptischen Militanten von der "Gamaa Islamiya" getroffen haben.

  • Yusufs Sohn Omar wiederum wurde vor einigen Jahren nach Ägypten ausgewiesen, weil er sich in einem Trainingscamp im pakistanischen Teil Kaschmirs hatte ausbilden lassen; bei einer Razzia fand man bei ihm Anleitungen zum Bombenbau. Sein Vater verließ sicherheitshalber ebenfalls das Land. Beide sollen heute wieder in Ägypten leben.

  • Gleich drei deutsche Konvertiten aus dem Umfeld von MKH und IIZ fielen überdies bei Gefechten in Tschetschenien, wo sie auf Seiten der muslimischen Rebellen kämpften oder kämpfen wollten. Die kämpfenden Konvertiten schockten die Behörden seinerzeit: Es war das erste Mal, dass der Weg zum Islam innerhalb kürzester Zeit bis aufs Schlachtfeld führte.

Reda Seyam, sagte der Vater von Tolga D. vergangene Woche dem Magazin "Focus", sei ein Freund seines Sohnes gewesen; und auch zu Yusuf gibt es möglicherweise eine Verbindung: Deutsche Behörden vermuten, dass Tolga D. den Ägypter in dessen Heimatland aufsuchte.

Jetzt aber will Tolgas Vater nichts mehr sagen. Und überhaupt ist es mühsam, im Umfeld des IIZ etwas über ihn in Erfahrung zu bringen.

"Er war ein ruhiger Typ", erinnert sich Christopher. Oft habe er ihn aber nicht gesehen, und Tolga sei ja auch schon eine Weile fort. Er sei groß, kräftig und trage einen Bart, erinnert sich eine ehemalige Nachbarin. Man habe sich gegrüßt, mehr nicht.

In der Hand des pakistanischen Geheimdienstes

Ein ehemaliger IIZ-Aktivist, der nicht genannt werden will, sagt, er sei erschrocken, als er die Nachricht von der Festnahme hörte. Aber er will ihn schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen haben. Tolga D., so der Mann weiter, habe sich ohnehin nie besonders für das IIZ interessiert, er habe nur wenig Mitgliedsbeitrag gezahlt und sei auch förmlich wieder ausgetreten. Er sei ansonsten eher verschlossen.

Reda Seyam erklärt ebenfalls, er habe von der Verhaftung noch gar nichts gehört. Von einer Reise nach Pakistan habe er nichts gewusst - und auch er habe Tolga D. schon lange nicht mehr gesehen.

Die Informationen aus Pakistan sind gleichfalls spärlich. Tolga D. befindet sich seit seiner Festnahme in der Hand des Geheimdienstes ISI, heißt es. Zuletzt wurde seine Ausweisung nach Deutschland in Aussicht gestellt. Aber Definitives gibt es noch nicht.

Der Fall Tolga S. bleibt also bis auf weiteres rätselhaft - und damit auch die Frage ungeklärt, ob aus den Reihen des IIZ wieder einmal ein Dschihadi hervorgegangen ist.

Im IIZ ist man sich indes anscheinend noch nicht so sicher, wie man mit der Causa umgehen will. Der interne "Schwesterntag" am Mittwoch findet zwar statt. Aber zu der regelmäßigen Donnerstagsveranstaltung taucht niemand auf, und auch die Klingel bleibt unbeantwortet. Die "Islam-Info für Muslime und Nichtmuslime" fällt aus.

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