Islamistenpaar aus Oberursel Verdächtige Ehefrau wieder frei

Halil D. und seine Frau planten einen Sprengstoffanschlag auf ein Radrennen - davon waren die hessischen Ermittler im Mai überzeugt. Doch nun hat ein Frankfurter Ermittlungsrichter Senay D. aus der Untersuchungshaft entlassen.

Verdächtige Senay D., Rechtsanwalt Günal: "Es ist ein Skandal"
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Verdächtige Senay D., Rechtsanwalt Günal: "Es ist ein Skandal"

Von und Roman Lehberger


Vor wenigen Monaten galten Halil D. und seine Frau Senay noch als mutmaßliche Terroristen. Weil sie angeblich einen Anschlag auf das traditionelle Frankfurter Radrennen planten, sagte die Polizei die Veranstaltung ab. Zuvor hatten Fahnder das Salafisten-Paar aus dem hessischen Oberursel in einer großangelegten Anti-Terror-Aktion festgenommen. Im Keller der Eheleute fanden die Beamten eine funktionstüchtige Rohrbombe, unter anderem mit Nägeln gefüllt. Der Fall schien ziemlich klar, doch allmählich schwindet die Gewissheit, wer dabei welche Rolle gespielt hat.

Das Amtsgericht Frankfurt am Main hat an diesem Mittwochvormittag entschieden, Senay D., 35, aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Der Tatverdacht gegen D. sei nicht mehr dringend, so der Ermittlungsrichter. Es habe sich bislang nicht beweisen lassen, dass das in einem Baumarkt gekaufte Wasserstoffperoxid, das die Fahnder auf die Spur des Ehepaares gebracht hatte, nicht doch zur Beseitigung von Schimmel in der Wohnung gedacht gewesen sei - und eben nicht zur Herstellung eines Sprengsatzes.

"Meine Mandantin hätte niemals festgenommen werden dürfen", sagte der Verteidiger von Senay D., der Bonner Rechtsanwalt Mutlu Günal, SPIEGEL TV und SPIEGEL ONLINE. "Sie hatte keinerlei Kenntnis von der Bombe, das hat sie auch immer wieder betont." Es sei "eine Schande für die Justiz", dass sie für diese Erkenntnis so lange gebraucht habe. "Und es ist ein Skandal, dass meiner Mandantin auch noch die Kinder weggenommen worden sind", so Günal.

Dennoch gehen die Ermittlungen gegen das Paar wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und der Vorbereitung eines Explosions- oder Strahlungsverbrechens weiter. Halil D. sitzt immer noch im Gefängnis.

Ungeklärt ist, was Halil und Senay D. mit der Bombe vorhatten und wozu sie zudem zwei Softair-Waffen, Chemikalien, Munition, Waffenteile, ein Übungsgeschoss für eine Panzerfaust und 24.000 Euro in bar bunkerten. Eine Theorie der Kriminalisten besagt, dass die Eheleute nicht selbst ein Attentat planten, sondern als Logistiker für andere Terroristen Material beschaffen und Sprengsätze zusammenbauen sollten.

Der Familienvater kontaktierte einschlägig bekannte Islamisten

Das Duo war in den Fokus der Staatsschützer geraten, als es Ende März in einem Baumarkt im Frankfurter Stadtteil Nieder-Eschbach drei Liter Wasserstoffperoxidlösung gekauft hatte. Der Stoff kann zur Konstruktion von Bomben benutzt werden. Eine aufmerksame Verkäuferin hatte im Nachhinein die Polizei über das merkwürdige Paar informiert, das falsche Personalien in dem Geschäft hinterlassen hatte. Erst ein Fingerabdruck auf einem Kaufbeleg führte die Beamten zu dem Salafisten Halil D., der wegen diverser Delikte in den Datenbanken der Polizei gespeichert war.

In den gut zwei Wochen vor der Festnahme, in denen er observiert wurde, verhielt sich der Familienvater nach Einschätzung der Beamten konspirativ. Er kontaktierte mehrere einschlägig bekannte Islamisten - und er brach mehrmals mit dem Auto zu Fahrten in den Taunus auf, wo er Plätze entlang der Strecke des später abgesagten Radrennens inspizierte. Bei diesen Touren fuhr Halil D. mitunter ungewöhnlich schnell, beschleunigte seinen alten 7er BMW auf einer Landstraße auf mehr als 180 Stundenkilometer. Damit wollte er womöglich Verfolger abschütteln, meinen Ermittler.

Überhaupt bewegt sich D. schon seit einigen Jahren in der islamistischen Szene des Rhein-Main-Gebiets. Jedoch galt er Staats- und Verfassungsschützern bislang eher als Randfigur. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Hans-Georg Maaßen, sagte nach der Festnahme der Eheleute, man habe es mit einer kleinen Personengruppe zu tun, "die wir als Nachrichtendienste nicht so auf dem Radarschirm hatten".

Auch der Vater des mutmaßlichen Bombenbauers offenbarte dem SPIEGEL vor einiger Zeit seine Ratlosigkeit. Er könne sich nicht erklären, warum sein Sohn eine Bombe gebaut haben sollte: "Er hat eine glückliche Familie, glückliche Kinder, er ist normal in die Moschee gegangen. Warum soll er das Glück seiner Familie aufs Spiel setzen?"

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