Islamistische Attentäter Neue Bombengürtel beunruhigen Terrorfahnder

Die Gefahr eines islamistischen Selbstmordanschlags in Deutschland ist nach der Einschätzung von Geheimdiensten gestiegen. Grund: neuartige Bombengürtel, die von Metalldetektoren nicht entdeckt werden können. Die meistgefährdete Stadt liegt demnach in Hessen.


Berlin – Nach den vereitelten Attentaten mit Kofferbomben auf Regionalzüge in Rheinland-Pfalz sind die deutschen Geheimdienste hochgradig alarmiert - jeden Tag könnte ein islamistisches Attentat drohen. Jetzt bekommen die allgemeinen Warnungen neue, konkretere Nahrung: Islamismus-Experten der deutschen Geheimdienste sind über neuartige Bombengürtel für Selbstmordanschläge beunruhigt. "Das bedeutet eine neue Terrorgefahr, die auch die Sicherheitslage in Deutschland weiter verschärft", sagte ein Fahnder am Wochenende in Berlin.

Hamas-Kämpfer mit Sprengstoffgürtel: Bald auch eine Gefahr in Deutschland?
AP

Hamas-Kämpfer mit Sprengstoffgürtel: Bald auch eine Gefahr in Deutschland?

Nach den neuesten Erkenntnissen ist es islamistischen Terroristen gelungen, eine nur schwer aufspürbare Bombe für einen Sprengstoffgürtel zu entwickeln. Sie besteht den Angaben zufolge aus einem besonderen Flüssigsprengstoff ohne die sonst verwendeten Metallteile. Es ist demnach nicht möglich, die Bombe, die der Attentäter am Körper trägt, mit Metalldetektoren zu entdecken. Die Geheimdienstler erinnerten in diesem Zusammenhang an die Versuche von Islamisten in London, Flüssigsprengstoff an Bord von Passagiermaschinen zu bringen.

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Heinz Fromm, hatte erst vor kurzem darauf hingewiesen, dass sich auch Deutschland auf Selbstmordattentate von Islamisten einstellen müsse. Aus Internet-Botschaften geht nach den Angaben der Verfassungsschützer hervor, dass von "bestimmten muslimischen Kreisen in Deutschland jetzt letzte Hemmschwellen für Anschläge in der Bundesrepublik durchbrochen worden sind".

Dabei spiele die verstärkte deutsche Beteiligung an der "Anti-Terror-Koalition" der USA und Israels eine wesentliche Rolle, hieß es in Sicherheitskreisen. Deutschland werde den "Kreuzzüglern zugerechnet, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssen".

"Hinweistelefon" hat keinen Erfolg

Seit etliche Moscheen in Deutschland vom Verfassungsschutz stärker unter die Lupe genommen werden, treffen sich die Fundamentalisten an geheimen Orten, war aus den Geheimdiensten zu erfahren. In Deutschland lebende islamistische Extremisten ständen bereit, ihre Vorstellungen mit Gewalt durchzusetzen.

Der Fahndungsdruck auf die etwa 300 im Bundesgebiet vermuteten besonders militanten Islamisten sei erhöht worden, sagte ein Verfassungsschützer. Er wies aber darauf hin, dass Islamisten "leider noch immer von den erheblichen Lücken im deutschen und ausländischen Geheimdienstnetz profitieren". Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte jüngst eine bessere Zusammenarbeit der internationalen Geheimdienste gefordert.

Fromm bedauert den mangelnden Erfolg des vom Verfassungsschutz eingerichteten "Hinweistelefons" gegen islamistischen Terror. Das Kölner Bundesamt versucht seit einem Jahr mit einem besonders eingerichteten Sicherheitsprogramm, Hinweise auf drohende islamistische Anschläge in Deutschland abzufangen. Die Behörde nimmt über eine Hotline täglich rund um die Uhr Hinweise auf mögliche Attentate entgegen. Absolute Vertraulichkeit und Schutz sind zugesagt. Die Zahl der Hinweise, die der Verfassungsschutz bisher bekommen habe, gehe dennoch "leider gegen Null", stellte Fromm fest.

Frankfurt ist nach Einschätzung der Sicherheitsexperten die am meisten durch islamistischen Terror gefährdete Stadt Deutschlands. Das dicht besiedelte Rhein-Main-Gebiet mit dem internationalen Großflughafen und dem Bankenzentrum steht nach Feststellung der Geheimdienste "schon seit langem im Visier der islamistischen Gotteskrieger". Erst im November war von einem schon im Sommer geplanten Terror-Anschlag auf ein israelisches Verkehrsflugzeug auf dem Rhein-Main-Flughafen berichtet worden.

Friedrich Kuhn, ddp



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