SPIEGEL ONLINE: Das ist auch hierzulande eine wachsende Angst: Dass der Fundamentalismus auf dem Vormarsch sein könnte. Die hiesigen muslimischen Bevölkerungsteile stehen zunehmend unter Generalverdacht, das Grundmisstrauen wächst. Droht da nicht erneute Entfremdung?
Heine: Entfremdung? Die Tatsache, dass es in diesem Land Muslime gibt, dass Deutschland Einwanderungsland ist, ist von Seiten der Politik ignoriert und fast 50 Jahre lang nicht zur Kenntnis genommen worden. Am Anfang wurde die Einwanderung von Muslimen noch nicht einmal bemerkt, weil wir sie nicht als Muslime, sondern damals als Jugoslawen - Bosnier nämlich - gesehen haben. Es gibt in Bezug auf den Islam also eine enorme Unkenntnis in weiten Kreisen der Mehrheitsgesellschaft - und umgekehrt eben auch. Die Kenntnis über die Rechte und Pflichten von jemandem, der hier lebt, sind auch in der muslimischen Bevölkerung sehr gering, weil sich einfach niemand darum gekümmert hat. Es wird eine Aufgabe über mehrere Generationen sein, das zu ändern.
SPIEGEL ONLINE: "Wo bleibt der Aufschrei der Muslime?" haben wir einen Artikel überschrieben, der eine weit verbreitete Ansicht in den aktuellen Diskussionen in unseren Foren beschreibt: Warum wehren sich die hier lebenden, nicht radikalen Muslime nicht überzeugend gegen den Eindruck, mit dem Fundamentalismus zu sympathisieren? Warum distanzieren sie sich nicht, warum demonstrieren sie nicht gegen Islamismus und Terror?
Heine: Zunächst einmal: Das passiert ja. Nur ist es für die Medien immer spannender, die negativen Dinge zu vermelden.
SPIEGEL ONLINE: "Bombe geht hoch" ist eine Schlagzeile, "Muslime beten für Frieden" nicht?
Heine: Das ist natürlich nicht alles. Es darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass die meisten Muslime, die nach Deutschland gekommen sind, einer bildungsfernen Schicht angehörten. Im großen und ganzen wissen sie bis heute nicht wirklich, wie man so etwas organisiert. Wie man Zugang zu Medien bekommt, um entsprechende Positionen bekannt zu machen. Dazu kommt, dass es zu viele unterschiedliche Organisationen gibt. Es gibt kein Gegenstück zu den administrativen und kommunikativen Strukturen, die wir hier in allen Lebensbereichen haben. Das alles wird sich in absehbarer Zeit entwickeln, das Bildungsinteresse unter Muslimen ist außerordentlich groß. Immerhin wird beispielsweise durch die Islamkonferenz auf die verschiedenen muslimischen Organisationen ein gewisser Druck aufgebaut, sich zu einem Grundkonsens auch im Verhältnis zur deutschen Gesellschaft zusammen zu finden. Aber das alles braucht Zeit.
SPIEGEL ONLINE: Nicht nur von der deutschen Politik wird das Bedrohungsszenario eines islamischen Fundamentalismus genutzt, immer mehr Sicherheitsgesetze durchzusetzen. Wie groß ist die Bedrohung wirklich?
Heine: Hier in Deutschland ist die Bedrohung meiner Meinung nach relativ gering. Hinter den Fällen, die wir hier bisher gehabt haben, standen eigentlich Einzeltäter. Einzeltäter wird man auch durch eine noch so gute Überwachung nur sehr schwer unter Kontrolle bringen können. Man darf die Gefahr nicht ignorieren, aber man sollte sie auch nicht übertreiben.
SPIEGEL ONLINE: Was allerdings gestiegen zu sein scheint, ist das Misstrauen, eine Grundablehnung auf den Straßen, insbesondere zwischen jungen Türken und Deutschen.
Heine: Diese Beobachtung gibt es im Grunde seit den Attentaten auf Türken in Mölln und Solingen. Da hat sich insbesondere in der jüngeren Generation, die gerade zur Assimilation tendierte, eine andere Grundhaltung entwickelt, die sagte: Gut, die Deutschen wollen uns nicht, dann wollen wir sie auch nicht. Wenn eine Minderheit angefeindet wird, wird sie darauf reagieren. Das ist so.
Die Fragen stellte Frank Patalong
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