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Islamistische Gewalt: "Man sollte die Gefahr nicht übertreiben"

Das gescheiterte Attentat auf den Karikaturisten Kurt Westergaard verstärkt Ängste vor religiösen Extremisten. Der Islamwissenschaftler Peter Heine erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie der Islam zur Gewalt steht - und wie groß die fundamentalistische Bedrohung in Deutschland wirklich ist.

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Terror: Angriff auf dänischen Karikaturisten
SPIEGEL ONLINE: Nach dem versuchten Attentat auf Kurt Westergaard fällt immer wieder der Begriff einer "islamistischen Todesliste". Gibt es die tatsächlich?

Peter Heine: Eine bestimmte Todesliste gibt es mit Sicherheit nicht, weil es einfach zu viele islamistische Organisationen, Netzwerke und Einzelgruppen gibt. Die haben alle ihre eigenen politischen oder militärischen Ziele.

SPIEGEL ONLINE: Der Begriff impliziert so etwas wie eine zentrale Lenkung...

Heine: ...die es eindeutig nicht gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das in der Praxis dann vorstellen: Wie und warum wird jemand wie Westergaard zum Ziel erklärt?

Heine: Zunächst einmal: Die Beleidigung des Propheten durch diese Karikaturen ist für manche muslimischen Rechtsgelehrten, vor allem der radikaleren Art, tatsächlich ein todeswürdiges Verbrechen. Ich stelle mir das so vor, dass über solche Fragen in kleineren Zirkeln zunächst diskutiert wird. Dann ist es eine Frage der Kompetenz der jeweiligen Organisation, ob es ihr gelingt, ihre Meinung entsprechend effektiv zu verbreiten. Am Ende mag dann irgendwo auf der Welt in einer kleinen Moschee irgendjemand das hören und sich so darüber aufregen, dass er sagt: Jetzt zieh ich einfach los und tue was.

SPIEGEL ONLINE: Aber zurzeit scheint es eine Häufung von Vorfällen zu geben...

Heine: Ja, und es ist nicht ausgeschlossen, dass die großen Organisationen - vor allem al-Qaida - fanden, dass es um sie etwas zu ruhig geworden ist. Dass die beschlossen haben, neue Aktionen durchzuführen, um ihre alten Anhänger weiter zu motivieren und neue zu finden. Dafür spricht einiges, unter anderem der vereitelte Bombenanschlag auf den Detroit-Flug.

SPIEGEL ONLINE: Der Eindruck drängt sich auch in Bezug auf das Westergaard-Attentat auf, denn hier liegt der Anlass ja doch einige Zeit zurück. Wäre es möglich, dass die Empörung erneut angeheizt wurde, um jemanden zu Taten zu animieren?

Heine: Ich würde das nicht ausschließen. Ich bin kein Internetspezialist, aber man muss einfach sehen, dass die neuen Kommunikationswege Möglichkeiten geschaffen haben, Menschen über Distanz sehr direkt anzusprechen.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum trifft so etwas auf Resonanz? Ist der Islam eine Religion, die die Gewalt naheliegt?

Heine: Der Islam ist eine universalistische Religion, er erhebt einen Anspruch darauf, den Menschen in seiner Gesamtheit zu lenken und zu leiten. Das haben viele andere Religionen auch. Es gibt im Koran und anderen Texten auch Aufrufe zur Gewalt gegen die Feinde Gottes. Als wie wichtig diese Stellen dann interpretiert werden, ist abhängig von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umständen, die sich jeweils ändern können.

SPIEGEL ONLINE: So wie der Islam früher als Friedensreligion oder als Glaube mit hoher Toleranz bekannt war?

Heine: Auch das ist wieder in bestimmten Texten vorgegeben. Das ist also immer das Problem: Wer interpretiert den Text, wer stellt eine bestimmte Position in den Mittelpunkt seines Diskurses? Die andere Seite der Medaille ist: Worauf wird dann auf Rezipientenseite im Besonderen geachtet? Das gilt auch für die Wahrnehmung des Islams im Westen.

SPIEGEL ONLINE: Aggressiv wäre also nicht die Religion an sich?

Heine: Ich habe ein grundsätzliches Problem mit diesem Begriff: Was ist eine aggressive Religion? Eine, die ihre Positionen auf welche Art auch immer zu verbreiten sucht? Ja, gut: Dann finden wir aber nicht viel anderes als aggressive Religionen oder Ideologien in der Welt.

SPIEGEL ONLINE: ...weil die meisten die alleinseligmachende Weisheit für sich reklamieren. Was uns im Westen allerdings besonders erschreckt, sind Bilder wie die von Kindern, die von ihren Müttern in Mudschahidin-Kluft mit Bombenattrappen zu Festumzügen gebracht werden: die Glorifizierung des Märtyrertums. Spiegelt das die gesellschaftlichen Realitäten in den islamischen Ländern wider?

Heine: Nein. Es gibt rund 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt, von denen gelten Schätzungen zufolge ein bis zwei Prozent als radikal. Die derzeitige Situation ist, dass eine bestimmte Form des Islams, wie er beispielsweise in Saudi-Arabien verbreitet ist, durch seine ökonomischen Möglichkeiten immer stärker expandiert. Also sich auch in Ländern, die bisher durch einen sehr toleranten Islam gekennzeichnet waren, stark verbreitet. Nehmen Sie Staaten Südostasiens wie Indonesien oder Malaysia: Auch da hat es starke anti-koloniale Bewegungen gegeben, die sich zum Teil radikal-islamische Terminologien zunutze machten. Aber insgesamt zeichneten sich diese Länder bisher durch eine ausgesprochen entspannte Form des Islams aus, die sich augenblicklich offenbar verändert.

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Forum - Anschlag auf Karikaturisten: Mit Härte gegen den Hass?
insgesamt 2394 Beiträge
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1. Hass
berther 03.01.2010
Lesen sie die Treads und Posts in diesem Forum zu dem besagten Thema und Sie können sehen , woher der Hass kommt. Er ist unter den Menschen unseres Kulturkreises latent vorhanden und bricht sich hier aus relativ unwichtigen Gründen Bahn. Man erkennt etwas was anders ist und verurteilt es , beschimpft es , und hasst es schließlich.Daß man die Reaktion der anderen Kultur selbst verursacht hat , interessiert ncht - man HAT das Recht dazu! Das europäsche Kolonialdenken ist noch immer vorhanden. Unsere Zivilisaton , unsere angeblich menschenfreundliche Religion sind nur ein dünner Farbanstrich über der Barbarei - und diese kommt hier wieder zum Vorschein. Mit EINEM Menschen kann man über so kontroverse Themen noch vernünftig diskutieren - sobald MEHRERE Menschen merken daß andere aus der Anonymität heraus das Selbe Ansicht vertreten wie sie kommt es zum Zusammenschluß einer Herde von blutrünstigen Raubtieren , die zu überspitzten Panikattacken neigt. Und hinterher will wieder keiner schuld gewesen sein - außer den Anderen. Ich wette , das was ich hier schrieb , will keiner glauben und keiner akzeptieren , aber so sind Menschen nun mal. Um es mit Shakespeare zu sagen : " Verstand , du flohst zum blöden Vieh , der Mensch ward unvernünftig !" ( Julius Caesar )
2.
forumgehts? 03.01.2010
Zitat von sysopVier Jahre nach Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen wurde einer der Zeichner beinahe Opfer eines Anschlags, und wieder wird der Ruf nach härteren Reaktionen lauter. Ist Härte die Antwort auf Hass - oder die Niederlage der Werte, die verteidigt werden sollen?
Ich bin mir nicht einmal so sicher, ob es sich in solchen Fällen wirklich um Hass handelt. Vermutlich sind es Leute, die "todsicher" ins TV kommen wollen. Früher hätte man in Europa gewusst, was in solchen Fällen zu tun ist, aber Europa hat sich aufgegeben.
3.
jasyd 03.01.2010
Zitat von bertherLesen sie die Treads und Posts in diesem Forum zu dem besagten Thema und Sie können sehen , woher der Hass kommt. Er ist unter den Menschen unseres Kulturkreises latent vorhanden und bricht sich hier aus relativ unwichtigen Gründen Bahn. Man erkennt etwas was anders ist und verurteilt es , beschimpft es , und hasst es schließlich.Daß man die Reaktion der anderen Kultur selbst verursacht hat , interessiert ncht - man HAT das Recht dazu! Das europäsche Kolonialdenken ist noch immer vorhanden. Unsere Zivilisaton , unsere angeblich menschenfreundliche Religion sind nur ein dünner Farbanstrich über der Barbarei - und diese kommt hier wieder zum Vorschein. Mit EINEM Menschen kann man über so kontroverse Themen noch vernünftig diskutieren - sobald MEHRERE Menschen merken daß andere aus der Anonymität heraus das Selbe Ansicht vertreten wie sie kommt es zum Zusammenschluß einer Herde von blutrünstigen Raubtieren , die zu überspitzten Panikattacken neigt. Und hinterher will wieder keiner schuld gewesen sein - außer den Anderen. Ich wette , das was ich hier schrieb , will keiner glauben und keiner akzeptieren , aber so sind Menschen nun mal. Um es mit Shakespeare zu sagen : " Verstand , du flohst zum blöden Vieh , der Mensch ward unvernünftig !" ( Julius Caesar )
Ich glaube es nicht, nun sind diejenigen, die sich gegen eine "Kultur" des Massenmordes wehren, die blutrünstigen Raubtiere. Mehr Kommentar ist nicht nötig.
4.
unente, 03.01.2010
Zitat von sysopVier Jahre nach Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen wurde einer der Zeichner beinahe Opfer eines Anschlags, und wieder wird der Ruf nach härteren Reaktionen lauter. Ist Härte die Antwort auf Hass - oder die Niederlage der Werte, die verteidigt werden sollen?
Wenn sich die "Härte" ausschließlich auf die Möglichkeit der Ausschöpfung, der im Rechtssystem vorgesehenen Strafmaße bezieht: die einzig mögliche Antwort. Diese Antwort darf sich aber auch nur gegen Täter und mögliche Drahtzieher richten und nicht allgemein gegen alle Mitglieder einer Glaubensrichtung - auch wenn die ebenfalls kritisch gegenüber bestimmten "Meinungsfreiheiten" eingestellt sind. Nur Gewalt darf nicht toleriert werden.
5.
Toerpe Schweiz 03.01.2010
Zitat von bertherLesen sie die Treads und Posts in diesem Forum zu dem besagten Thema und Sie können sehen , woher der Hass kommt. Er ist unter den Menschen unseres Kulturkreises latent vorhanden und bricht sich hier aus relativ unwichtigen Gründen Bahn. Man erkennt etwas was anders ist und verurteilt es , beschimpft es , und hasst es schließlich.Daß man die Reaktion der anderen Kultur selbst verursacht hat , interessiert ncht - man HAT das Recht dazu! Das europäsche Kolonialdenken ist noch immer vorhanden. Unsere Zivilisaton , unsere angeblich menschenfreundliche Religion sind nur ein dünner Farbanstrich über der Barbarei - und diese kommt hier wieder zum Vorschein. Mit EINEM Menschen kann man über so kontroverse Themen noch vernünftig diskutieren - sobald MEHRERE Menschen merken daß andere aus der Anonymität heraus das Selbe Ansicht vertreten wie sie kommt es zum Zusammenschluß einer Herde von blutrünstigen Raubtieren , die zu überspitzten Panikattacken neigt. Und hinterher will wieder keiner schuld gewesen sein - außer den Anderen. Ich wette , das was ich hier schrieb , will keiner glauben und keiner akzeptieren , aber so sind Menschen nun mal. Um es mit Shakespeare zu sagen : " Verstand , du flohst zum blöden Vieh , der Mensch ward unvernünftig !" ( Julius Caesar )
Und nun klären Sie uns über den Zusammenhang zwischen dem unter "den Menschen undeses Kulturkreises latent vorhandenen" Hasses und dem Angriff eines radikalen mulsimischen Somaliers auf den dänischen Karikaturisten auf?
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Zur Person
Humboldt Universität Berlin
Peter Heine ist einer der renommiertesten Islamwissenschaftler des Landes. Der langjährige Professor für Islamwissenschaft des nicht-arabischen Raumes an der Humboldt-Universität zu Berlin hat sich in zahlreichen Schriften und Veröffentlichungen mit religiösen, kulturellen und politischen Aspekten des Islam beschäftigt. Der gebürtige Westfale lebt und arbeitet in der Nähe von Berlin.

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Welle von Krawallen: Brennende Wut gegen Mohammed-Karikaturen
Chronologie des Karikaturenstreits
30. September 2005
Die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht zwölf Karikaturen zum Islam. Einige von ihnen bringen die Religion und ihren Propheten mit dem modernen Terrorismus und mit Selbstmordanschlägen in Verbindung. So zeigt eine von Kurt Westergaard angefertigte Zeichnung Mohammed mit einer Bombe in Form eines Turbans auf dem Kopf. Die muslimische Welt reagiert empört sowohl auf die Verbindung ihrer Religion mit dem Terrorismus als auch auf die Verbildlichung Mohammeds, die für viele Muslime eine Beleidigung des Propheten darstellt.
Oktober bis November 2005
Dänische Muslime gehen aus Protest gegen die Karikaturen auf die Straße. Eine niederländische Zeitung veröffentlicht die Zeichnungen ebenfalls.
Januar 2006
Die Protestwelle schwappt auf arabische Länder über, Saudi-Arabien zieht seinen Botschafter aus Dänemark ab.
Februar 2006
Auch zahlreiche europäische Zeitungen veröffentlichen unter der Verteidigung der Pressefreiheit einige oder alle Karikaturen der "Jyllands-Posten". Bei weltweiten Protesten in muslimischen Ländern sterben Dutzende Menschen, dänische Botschaften und andere Einrichtungen des Landes werden beschädigt.
Februar 2008
Die dänische Polizei teilt mit, ein Mordkomplott gegen Westergaard verhindert zu haben. In Reaktion darauf veröffentlichen mehrere dänische Zeitungen erneut die umstrittenen Bilder.
März 2008
Qaida-Führer Osama Bin Laden droht Europa wegen der Karikaturen mit einer "Abrechnung".
2. Juni 2008
Bei einem Bombenanschlag vor der dänischen Botschaft in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad sterben acht Menschen.
April 2009
Die dänische Gesellschaft für Pressefreiheit verkauft - von Kurt Westergaard handsignierte - Drucke der umstrittenen Mohammed-Karikatur für 250 Dollar das Stück.
Oktober 2009
In Chicago werden zwei Männer verhaftet, die einen Anschlag auf das Gebäude der "Jyllands-Posten" geplant haben sollen.
2. Januar 2010
Ein somalischer Islamist dringt mit einem Messer und einer Axt bewaffnet in Westergaards Haus ein und bedroht den Zeichner. Der Angreifer wird von der Polizei überwältigt und noch am gleichen Tag wegen versuchten Mordes angeklagt.

AFP
26. Februar 2010
Die dänische Zeitung "Politiken" entschuldigt sich in einem Vergleich mit einer Vereinigung von Mohammed-Nachfahren dafür, Muslime mit dem Abdruck der Karikaturen gekränkt zu haben. Dänische Politiker reagierten überwiegend entrüstet auf die Entschuldigung.
September 2010
Ein im Juli festgenommener Verdächtiger, der aus dem Irak stammt, gesteht, einen Anschlag auf die "Jyllandsposten" geplant zu haben. Zuvor hatte die Polizei in Kopenhagen einen anderen Mann festgenommen, der angeblich eine Briefbombe zur "Jyllandsposten" schicken wollte. Am 30. September - exakt fünf Jahre nach der ersten Veröffentlichung - erscheint das Buch von Flemming Rose "Tyrannei des Schweigens". Darin analysiert er die vergangenen Jahre und den Streit um die Cartoons.


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