Islamkonferenz Lob für Schäuble - erste Konflikte zwischen den Muslimen

Der Auftakt der Islamkonferenz war ein Erfolg. Muslime aller Lager loben Gastgeber Schäuble. Im Hintergrund aber knirscht es schon: Verbandspolitik kollidiert mit Ideen von Intellektuellen. Soll es nur um rechtliche Strukturen gehen - oder einen modernen, deutschen Islam?

Von Yassin Musharbash


Berlin - Er sei sich vorgekommen, als wäre er "bei den Atomgesprächen mit dem Iran": So fasste der Kölner Schriftsteller Navid Kermani am Ende des Tages seine Eindrücke zusammen. Das war scherzhaft gemeint. In Wahrheit lobte auch er, einer der zehn Vertreter der sogenannten "unorganisierten Muslime", großteils die Auftaktveranstaltung der "Deutschen Islam-Konferenz" (DIK). Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte dazu heute neben 15 islamischen Vertretern genau so viele aus Bund, Ländern und Gemeinden ins Berliner Schloss Charlottenburg geladen. Kermanis Bilanz: "Es hat sich gelohnt. Was in zwei Stunden erreicht werden konnte, haben wir erreicht."

Andere Teilnehmer gingen noch weiter: "Historisch" war eines der häufigsten Adjektive. "Endlich hat der Staat mit uns gesprochen, nicht nur über uns", sagte Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Gastgeber Schäuble lobte zufrieden die Teilnehmer, dass sie alle das Grundgesetz als Grundlage anerkannt hätten - "ohne jeden Vorbehalt".

Schäuble betonte mehr als einmal, dass "der Islam ein Teil unseres Landes ist", und warnte: "Jedem Ansatz eines Generalverdachts gegen die Muslime muss entgegen gewirkt werden." Die Muslime in Deutschland seien nicht verantwortlich zu machen, wenn in ihren Ursprungsländern Christen, Juden und andere nicht dieselben Rechte genießen. Diese vier Sätze des Innenministers halfen enorm, das Vertrauen der muslimischen Teilnehmer in die Konferenz von Halbmond und Bundesadler zu stärken. Diese Sätze waren lang ersehnt.

Schäubles Plan ist, dass die DIK in den kommenden zwei bis drei Jahren konkrete Vorschläge erarbeitet, um das Zusammenleben von Muslimen und Mehrheitsgesellschaft zu verbessern. Schon heute wurde klar: Es wird um islamischen Religionsunterricht und den Moscheebau gehen, aber auch um Gleichberechtigung der Frauen und die Ausbildung von Imamen in Deutschland. Fast alles Minenfelder in der politisch-religiösen Debatte - und ebenso fast alles durch ein Meta-Thema verbunden: Gelingt es, in der Konferenz einen einheitlichen Ansprechpartner für die gut 3,2 Millionen Muslime in Deutschland zu schaffen?

"Es hat geknirscht"

Seit Jahrzehnten versuchen jeweils mehrere Dachverbände, sich zu einem solchen Alleinrepräsentanten aufzuschwingen. Doch die Konkurrenz untereinander hat stets verhindert, dass einer von ihnen dabei Erfolg hatte. Konfessionelle Unterschiede und die Verfasstheit des Islam, der keinen Klerus wie die Kirche kennt, verschärfen das Problem. Es ist in der Tat ein Dilemma: Ohne einen Staatsvertrag oder die Anerkennung als Religionsgemeinschaft und Körperschaft des Öffentlichen Rechts sind viele der schwelenden Konflikte schwer zu lösen.

Genau an der Frage der Repräsentanz entzündeten sich heute die einzigen Konflikte beim Gipfel. Da trafen Muslime und Musliminnen aufeinander, die sich sonst meiden: Der Chef des konservativ-orthodoxen Islamrats, Ali Kizilkaya, musste sich zum Beispiel mit der Soziologin Necla Kelek auseinandersetzen, die eine große Kritikerin des Verbands-Islam ist - und im Gegenzug für gar nicht fromm gehalten wird.

Ja, es habe "geknirscht", sagte Schäuble. Sogar zweimal, wenn man den Teilnehmern glaubt, und zwar jeweils zwischen Kizilkaya und Kelek. Erst wiederholte der Chef des (von der islamistischen Milli Görüs dominierten) Islamrats ganz allgemein seine Kritik, es seien zu viele "unabhängige" Muslime eingeladen worden. Beim zweiten Mal lenkte Kelek das Gespräch auf die ihrer Ansicht nach eklatante Benachteiligung islamischer Mädchen an den Schulen - wenn die Eltern sie zum Beispiel nicht zum Schwimmunterricht lassen. Kizilkaya konterte, da offenbare sich ein "schiefes Rechtsstaatsverständnis": Sein Verband und andere hatten Urteile erstritten, die diese Verweigerung der Eltern decken. Man könne nicht auf der einen Seite die Muslime zur Gesetzestreue verpflichten, sagte Kizilkaya, und ihnen auf der anderen Seite untersagen, Urteile auszunutzen, die für sie günstig seien. Schäuble soll an dieser Stelle gemurmelt haben, es gebe eben leider auch problematische Urteile - diese Parteinahme nahm ihm aber anscheinend keiner weiter übel.

"Wir brauchen Kritiker, aber nicht bei einer Islamkonferenz"

Die großen Dachverbände Islamrat, ZMD, Verband der Islamischen Kulturzentren und Ditib (ein Ableger der türkischen Religionsbehörde) arbeiten inzwischen an einer Allianz in der Konferenz - angesichts von zehn Individualisten, die ihnen dort gegenübersitzen. Der Ditib-Dialogchef kündigte an, man werde künftig noch stärker kooperieren. "Muslimisches Leben findet in Moscheegemeinden statt", sagte auch Aiman Mazyek vom ZMD und leitete daraus eine besondere Rolle für die Verbände ab: Schließlich verträten sie 2000 der 2500 deutschen Moscheen. "Wir brauchen Kritiker, aber nicht bei einer Islamkonferenz, wo es am Ende um einen Staatsvertrag geht."

Die Prioritäten der Individualisten in der Konferenz liegen da freilich anders. Auch Schäuble mahnte: "Die eine Organisation der Muslime, das ist nicht der Punkt."

Eine weitere Konfliktlinie tat sich auf zwischen den vier dominanten Verbänden und dem fünften, der "Alevitischen Gemeinde". Die Aleviten sind teilweise selbst unsicher, ob sie sich als Muslime bezeichnen wollen oder als ganz eigene Gruppe. Aber sie reagieren gereizt auf offensichtliche Versuche der Ditib, sich als führender Repräsentant darzustellen: Die Aleviten sehen sich schon in der Türkei durch den Staatsislam ausgegrenzt - sie wollen sich hier nicht genauso behandeln lassen. Dass der Ditib-Chef ein Mitarbeiter der türkischen Botschaft sei, kritisierte Aleviten-Chef Ali Toprak deshalb besonders.

Im November gehe es weiter, kündigte Schäuble an. In drei Arbeitsgruppen aufgeteilt soll es dann an konkrete Vorschläge gehen. "Einiges wird gehen - bei anderem werden wir uns nicht einigen können", vermutet Navid Kermani. Aber lohnen, das sagt nicht nur er, dürfte sich das große Experiment schon.

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