Israel-Iran-Konflikt: So falsch liegt Günter Grass

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Neun Strophen, 69 Zeilen, die als Tabubruch daherkommen: In einem Gedicht warnt Günter Grass vor einem Krieg gegen Iran. Israel sei die wirkliche Gefahr für den Weltfrieden, urteilt der Autor. Wo hat der Literaturnobelpreisträger recht, wo irrt er? Die acht Grass-Thesen im Faktencheck.

Grass holt gegen Israel aus: "Gealtert und mit letzter Tinte" Fotos
dapd

Hamburg - Günter Grass sorgt mit seinem Gedicht zum Iran-Konflikt für Empörung. Israel sei eine Bedrohung für den Weltfrieden, schreibt der 84-Jährige, weil das Land offen mit einem Militärschlag gegen Iran drohe. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hat dem Schriftsteller ein "durchschaubares Schmierentheater" vorgeworfen. Was ist dran an den Thesen von Grass?

1. These: In Planspielen wird ein Erstschlag gegen Iran geübt.

Richtig. Wie von Grass geschrieben, ist in den USA und Israel in Planspielen ein Erstschlag gegen Iran geübt worden. Im März kam laut einem Bericht der "New York Times" eine Simulation der US-Armee zu dem Schluss, dass eine Attacke Israels auf Atomanlagen in Iran einen regionalen Krieg auslösen würde. Und erst am Dienstag berichteten israelische Zeitungen von einem Planspiel des israelischen Militärs. Die Armee rechne im Falle eines Krieges mit Iran demnach mit weniger als 300 Toten.

2. These: Ein Erstschlag könnte "das iranische Volk auslöschen".

Falsch. In Iran leben knapp 80 Millionen Menschen, keine Militärmacht der Welt kann dieses Volk auslöschen. Ohnehin würde ein Schlag gegen das iranische Regime und seine Nuklearanlagen nicht mit Atomwaffen, sondern mit bunkerbrechenden Bomben und Raketen geführt. Zivile Opfer wären dabei zu befürchten, die Gefahr einer "Auslöschung des iranischen Volkes" ist jedoch maßlos übertrieben.

3. These: In Israel ist ein wachsendes nukleares Potential verfügbar, das sich außer Kontrolle befindet.

Nach Einschätzungen von Geheimdiensten und Beobachtern verfügt Israel seit Ende der sechziger Jahre über Atomwaffen. Bei der Entwicklung arbeitete das Land eng mit dem Apartheidsregime in Südafrika zusammen. Offiziell hat Israel aber den Besitz von Nuklearwaffen nie bestätigt. Die Schätzungen über das atomare Potential gehen weit auseinander, unterschiedliche Quellen sprechen von 50 bis 500 nuklearen Sprengköpfen in israelischem Besitz. Israel ist nie dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten. Dies würde nach israelischer Darstellung die nationalen Sicherheitsinteressen gefährden. Daher hat bislang auch noch nie ein offizieller Beobachter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) die israelischen Nuklearanlagen betreten. Irans Atomprogramm wird hingegen von der IAEA beobachtet. Nach der Bewertung von Geheimdiensten dient Israels Nukleararsenal jedoch der Abschreckung und soll die Feinde des jüdischen Staates, allen voran Iran, von Angriffen abhalten.

4. These: Wer diese Sachverhalte benennt, gerät unter Antisemitismusverdacht.

Falsch. In der israelischen Öffentlichkeit und den Medien weltweit wird seit Jahren über den Konflikt zwischen Israel und Iran debattiert. Die Meinungen dabei gehen weit auseinander und die Debatte wird mitunter hitzig und kontrovers geführt. Anders als von Grass behauptet, ist eine Diskussion über die israelische Politik und die Drohungen gegenüber Iran aber sehr wohl möglich, ohne in den Verdacht antisemitischer Einstellungen zu geraten.

5. These: Deutschland liefert Israel U-Boote, die Sprengköpfe für einen Angriff auf Iran tragen können.

Richtig ist, dass die Bundesregierung bislang drei U-Boote der "Dolphin"-Klasse nach Israel geliefert hat. Drei weitere sollen noch in diesem Jahr folgen. Mit den an Bord befindlichen Torpedorohren könnte die Besatzung vier atomar bestückte Marschflugkörper abfeuern. Nach Einschätzung von Militärexperten dienen die U-Boote jedoch in erster Linie der nuklearen Zweitschlag-Kapazität. Damit wäre die israelische Armee auch nach einem Atombombenangriff Irans zu einem Gegenschlag fähig. Die Bundesregierung rechtfertigt den Verkauf daher damit, dass die U-Boote der Abschreckung dienten.

6. These: Die Existenz einer Atombombe in Iran ist unbewiesen.

Richtig. Westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass Teheran noch mindestens ein Jahr bis zur Fertigstellung einer Atombombe benötige. Nach Angaben von US-Verteidigungsminister Leon Panetta bräuchte Iran weitere zwei Jahre um ein Trägersystem für die Waffe zu bauen. James R. Clapper, Direktor aller 16 US-Geheimdienste, erklärte Ende Januar vor dem Kongress in Washington, es gebe keine unzweifelhaften Beweise dafür, dass Teheran Atomwaffen baue. Ende März schrieb jedoch ein ehemaliger Sprecher der iranischen Verhandlungsdelegation in Sachen Nuklearprogramm im "Boston Globe", sein Land stehe kurz vor der Atombombe.

7. These: Israel gefährdet den Weltfrieden.

Das Regime in Teheran bezeichnet Israel immer wieder als "zionistisches Besatzerregime", das früher oder später von der Landkarte verschwinden werde. Iran unterstützt zudem Gruppen wie die palästinensische Hamas und die libanesische Hisbollah, die das Existenzrechts Israels ablehnen und den jüdischen Staat bekämpfen. Israel droht seinerseits seit Jahren offen mit militärischen Angriffen gegen Iran - und suchte zuletzt nach Unterstützern für dieses Vorhaben. Der Vorwurf von Grass, Israel gefährde den Weltfrieden, erscheint ausgesprochen fragwürdig und populistisch - schließlich geht zunächst eine offen ausgesprochene Drohung gegen Israel von Seiten Irans aus.

8. These: Deutschland könnte "Zulieferer eines Verbrechens" werden.

Auch hier bedient Grass sich populistischer Töne. Er behauptet, dass ein möglicher Angriff Israels gegen Iran grundsätzlich und in jedem Fall gegen geltendes Recht verstoßen würde. Völkerrechtlich ist der Fall aber wohl sehr viel komplizierter und keineswegs eindeutig. So wird unter Völkerrechtlern etwa die Frage einer präventiven Selbstverteidigung diskutiert. Es ist allerdings umstritten, "ob und in welchem Umfang nach Uno-Charta und Gewohnheitsrecht eine sogenannte präventive Selbstverteidigung, also Selbstverteidigung vor dem Vorliegen eines aktuellen Angriffs möglich ist", schreibt etwa der Jurist Stephan Hobe in seinem Buch "Einführung in das Völkerrecht". So sei etwa der Präventivangriff Israels auf Ägypten im Sechs-Tage-Krieg von einigen Staaten als zulässig erachtet worden. Anders verhielt es sich demnach dagegen beim israelischen Bombenangriff auf den im Bau befindlichen irakischen Atomreaktor Tamuz I. Die Attacke im Jahr 1981 wurde überwiegend kritisch bewertet.

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1.
ichbinsdermartin 04.04.2012
Zitat von sysopNeun Strophen, 69 Zeilen, die als Tabubruch daherkommen: In einem Gedicht warnt Günter Grass vor einem Krieg gegen Iran. Israel sei die wirkliche Gefahr für den Weltfrieden, urteilt der Autor. Wo hat der Literaturnobelpreisträger recht, wo irrt er? Die acht Grass-Thesen im Faktencheck. Israel-Iran-Konflikt: So falsch liegt Günter Grass - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825780,00.html)
Israel sei die wirkliche Gefahr für den Weltfrieden Das weiss "man" schon seit mindestens 10 Jahren, daß dies die Geburtsstätte eines 3. Weltkriegs wird (ist).
2. Nein zum Krieg
andresa 04.04.2012
Ein Gedicht ist nun mal auch keine wissenschaftliche Abhandlung. Zentral an dem Text ist das klare Bekenntnis gegen Krieg und Grass müsste nicht diese Worte wählen wenn die deutschen Mainstreammedien nicht im vorauseilenden Gehrosam ins Kriegstreiberhorn blasen würden. Was dabei auch so oft verschwiegen wird sind die ökonomischen Hintergründe von Kriegen und warum wer Interesse an ihnen hat. Siehe hier: Die Ökonomie des Krieges | thebabyshambler (http://the-babyshambler.com/2012/01/10/die-okonomie-des-krieges/)
3. Man kann's übertreiben
The Captain 04.04.2012
Zitat von sysopNeun Strophen, 69 Zeilen, die als Tabubruch daherkommen: In einem Gedicht warnt Günter Grass vor einem Krieg gegen Iran. Israel sei die wirkliche Gefahr für den Weltfrieden, urteilt der Autor. Wo hat der Literaturnobelpreisträger recht, wo irrt er? Die acht Grass-Thesen im Faktencheck. Israel-Iran-Konflikt: So falsch liegt Günter Grass - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825780,00.html)
Wer ist dieser Günter Grass, dass man gleich mehrere Artikel einstellen muss? Genügt da nicht EIN Artikel? Oder soll wieder irgendeine Kampagne gefahren werden ... ?
4. bruahahah
pariah_aflame 04.04.2012
lyric im faktencheck ... völlige fassungslosigkeit.
5. vielen Dank
Growling Mad Scientist 04.04.2012
Zitat von sysopNeun Strophen, 69 Zeilen, die als Tabubruch daherkommen: In einem Gedicht warnt Günter Grass vor einem Krieg gegen Iran. Israel sei die wirkliche Gefahr für den Weltfrieden, urteilt der Autor. Wo hat der Literaturnobelpreisträger recht, wo irrt er? Die acht Grass-Thesen im Faktencheck. Israel-Iran-Konflikt: So falsch liegt Günter Grass - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825780,00.html)
Vielen Dank, dass ihr uns zeigt, wo genau die Thesen von Günter Grass in das Weltbild passen. Was würde ich nur ohne Euch machen... am Ende hätte ich Herrn Grass noch geglaubt, dass im Iran die Guten sitzen und in Israel böse Aggressoren an der Macht sind. Ach wie schön ist es doch, dass alles so bleibt wie es ist.
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