Toter Terrorverdächtiger Wie Jaber Albakr zum Fanatiker wurde

Der Terrorverdächtige Albakr soll sich in Deutschland radikalisiert haben. Die Rede ist von einer Kontaktperson in Berlin - und einem fertigen Anschlagsplan. Was wir über den Fall wissen, und was nicht.

Jaber Albakr
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Wie lange hing Jaber Albakr bereits der Ideologie der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) an, bevor er in einer Chemnitzer Wohnung Sprengstoff herstellte? Hatte er direkten Kontakt mit dem IS? Diese Fragen sind zentral für die Aufklärung des Falls. Die möglichen Erkenntnisse könnten zudem Hinweise liefern über andere potenzielle Attentäter und über die Vernetzung von IS-Sympathisanten weltweit.

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Heft 42/2016
Jaber Albakr, eine Heldentat und das Versagen der Justiz

Eine Woche nach der Festnahme des terrorverdächtigen Syrers in Leipzig, der am Mittwoch in seiner Gefängniszelle Suizid beging, sind viele Fragen offen. Einige Details gibt es aber bereits über Albakrs Motive, seine Kontakte, seine Auslandsreisen.

Was wir über den Fall Albakr wissen - und was nicht. Der Überblick.

Handelte Albakr im direkten Auftrag des IS?

Die Ermittlungsbehörden vermuten es. Bis jetzt gebe es aber keine "ausreichenden gerichtsverwertbaren Bezüge zum IS", sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Ende August sei der Syrer, aus der Türkei kommend, in Leipzig gelandet und habe dabei seinen Anschlagsplan "in der Tasche" gehabt, zitiert die Zeitung Ermittler.

Den entscheidenden Hinweis auf Albakr lieferte der US-Geheimdienst den deutschen Sicherheitsbehörden. In einem Gespräch mit Kontaktleuten in Syrien, das die Ermittler abhörten, soll Albakr laut "Welt am Sonntag" gesagt haben: "Zwei Kilo sind fertig." Offenbar meinte er den selbst produzierten Sprengstoff. Und: "großer Berliner Flughafen" sei "besser als Züge".

Sicherheitskreisen zufolge hielt sich Albakr in der zweiten Septemberhälfte in Berlin auf. Er soll bei dem Besuch sein mutmaßliches Anschlagsziel, einen der Flughäfen in Berlin, selbst ausgespäht haben. Bei der Durchsuchung von Albakrs Wohnung haben Ermittler nach SPIEGEL-Informationen Fahrscheine gefunden, die den Verdacht erhärten, dass er mindestens einmal am Berliner Flughafen Tegel war. Albakr soll in Berlin auch eine Kontaktperson getroffen haben. Um wen es sich dabei handelt, ist nicht bekannt.

Wann radikalisierte sich Albakr?

Albakrs zehn Jahre älterer Bruder Alaa, der nahe Damaskus lebt, erklärte dem SPIEGEL, sein Bruder Jaber habe sich erst nach seiner Ankunft in Deutschland radikalisiert. Früher sei er unpolitisch gewesen. Im Internet in Deutschland habe Jaber Horrorvideos aus Syrien angesehen. Eine zentrale Rolle bei der Radikalisierung seines Bruders hätten ein oder mehrere Imame aus Berlin gespielt. Sie hätte ihn einer Gehirnwäsche unterzogen und überredet, in den Krieg nach Syrien zu ziehen. (Die komplette Titelgeschichte des SPIEGEL lesen Sie hier.)

SPIEGEL TV sagte Jaber Albakrs Bruder, er habe sich gewundert, dass Jaber immer häufiger zum Freitagsgebet in die Hauptstadt gefahren sei, statt einfach zu Hause zu beten. Nach dem Kontakt zu den Imamen habe Jaber sich komplett verändert. Der Bruder sagte, er wisse nicht, um welche Imame oder welche Moschee in Berlin es sich handle.

Aus Sicherheitskreisen heißt es, es gebe bislang keine weiteren Hinweise auf einen oder mehrere Imame in Berlin, die im Fall von Albakr eine Rolle gespielt haben. Berichten zufolge tat er seine IS-Anhängerschaft seit Januar 2016 auch auf seinem Facebook-Profil kund.

Ein früherer Mitbewohner Jaber Albakrs aus Sachsen sagte dem MDR, dass Albakr in Deutschland sehr frustriert gewirkt habe. Er sei sehr ehrgeizig gewesen und habe studieren wollen, sei aber mit der Sprache überhaupt nicht klargekommen.

Wie kam Albakr nach Deutschland?

Erste Informationen aus der vergangenen Woche zu Albakrs Flucht und Reiserouten wirkten widersprüchlich: Mal war von Libyen die Rede, mal vom Libanon. Albakrs Bruder Alaa beschrieb im SPIEGEL die gesamte, fast zweijährige Odyssee seines jüngeren Bruders: "Er ist erst ganz legal in den Libanon ausgereist" - das war für Flüchtlinge aus dem Herrschaftsgebiet des Assad-Regimes lange Zeit der einfachste Fluchtweg. "Dann ist er nach Algerien geflogen, von dort über Tunesien auf dem Landweg nach Libyen gereist. Von dort ist er in einem Schmuggler-Boot nach Italien gekommen, dann nach Deutschland." Dort kam er im Winter 2015 an, im Juni desselben Jahres wurde über seinen Antrag auf Asyl positiv entschieden.

Was ist über seine Syrien-Reisen bekannt?

Albakr reiste von Deutschland aus in die Türkei und ins IS-Gebiet. Das wird aus Sicherheitskreisen bestätigt, wo es heißt, Albakrs Handy habe sich in der Türkei in das dortige Mobilfunknetz eingewählt. Auch Albakrs Bruder gab an, der Terrorverdächtige sei von Deutschland aus zurück nach Istanbul gereist und von dort weiter zum IS nach Syrien.

Demnach habe Jaber Albakr im September 2015, während des Opferfestes, Berlin verlassen - zunächst in Richtung Istanbul, dann in die IS-Hochburg Rakka. In Rakka soll er sich dem IS angeschlossen haben. Dort sei er dann, so der Bruder, drei bis vier Monate geblieben.

Nach seinem Aufenthalt in Rakka soll Albakr zu seiner Familie gesagt haben, er kämpfe jetzt für den IS. Sein Bruder Alaa versuchte nach eigenen Angaben, ihm das auszureden. Doch Jaber antwortete, die einzige unabhängige Kraft in Syrien sei der IS.

Nach seiner Zeit in Rakka soll Jaber Albakr - nach Aussage seines Bruders - in die Kleinstadt Saraqib in der Nordwestprovinz Idlib gegangen sein. Dort, so stellt es Albakrs Bruder dar, habe sich der junge Syrer als Nothelfer engagieren wollen.

Nach SPIEGEL-Informationen traf Albakr in Saraqib eine kleine Dschihadisten-Gruppe, die im Verdacht steht, immer noch enge Kontakte zum "Islamischen Staat" zu pflegen. Der IS war im Januar 2014 von syrischen Rebellen aus Idlib vertrieben worden.

Auch andere berichten darüber, dass Albakr sich in Idlib aufhielt: Ehemalige Mitbewohner Albakrs in Eilenburg erklärten im MDR, dass Albakr in die Provinz gereist sei. Nach seiner Rückkehr sei er "wie gehirngewaschen" gewesen, sagte ein Mitbewohner.

Wie glaubhaft ist Albakrs Bruder?

Sein Bruder Alaa hat im Zusammenhang mit der Flucht und dem Aufenthaltsort Jaber Albakrs Informationen geliefert, die andere Quellen bestätigten - etwa in Bezug auf die Türkei- und Syrienreisen, oder die Flucht Albakrs nach Deutschland über Libyen. Das spricht dafür, dass Alaa Albakrs Angaben eher glaubwürdig sind.

Andererseits wird bei anderen Aussagen des Bruders deutlich, dass dieser Jaber Albakr schützen will. Obwohl er über dessen Radikalisierung berichtet, streitet er vehement ab, dass sein Bruder einen Terrorakt geplant haben könnte. "Ich habe meinen Bruder erzogen. Er hätte niemals einen Anschlag begangen. Das ist eine Lüge!"

Alaa beschuldigt zudem die deutsche Polizei, Jaber ermordet zu haben. Er droht den drei Syrern, die Albakr in Leipzig der Polizei übergeben haben, mit Rache - kündigt also selbst eine Straftat an. Erschwerend hinzu kommt, dass der Bruder eigenen Angaben zufolge zuletzt im August mit Jaber Albakr gesprochen hat.

Welche anderen Verdächtigen gibt es?

Über eine angebliche Kontaktperson, die Jaber Albakr Medienberichten zufolge Ende September in Berlin getroffen haben soll, ist bisher kaum etwas bekannt. Mehr Informationen zu den Plänen und zur Radikalisierung erhoffen sich die Ermittler von Khalil A., der Mieter der Wohnung ist, in der Jaber Albakr den Sprengstoff hergestellt und Materialien zur Herstellung desselben gelagert haben soll.

Der 33-Jährige ist ebenfalls Syrer und kam als Flüchtling nach Deutschland. Er sitzt wegen des Verdachts der Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat in Untersuchungshaft in der JVA in Dresden. Berichten zufolge sollen sich die beiden Männer erst vor wenigen Wochen kennengelernt haben.


Sehen Sie im Video: Der Bruder von Jaber Albakr im Interview

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