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Jahresbericht: Wehrbeauftragter rügt Führungsmängel in der Bundeswehr

Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus hat seinen mit Spannung erwarteten Bericht vorgelegt. Darin prangert er erhebliche Führungsschwächen bei der Bundeswehr an: Vor allem unerfahrene Vorgesetzte erkennen oft nicht die Grenze zu Dienstvergehen oder sogar Straftaten.

Berlin - Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP), prangert in seinem Jahresbericht erhebliche Führungsschwächen bei der Bundeswehr an. Insbesondere bei unerfahrenen Vorgesetzten sieht er einen Mangel "an Wissen und Gespür dafür, wann die Grenzen zum Dienstvergehen beziehungsweise zur Straftat überschritten werden". Rüde Umgangsformen und herabmindernde Äußerungen würden bei der Truppe oft nicht als unangebracht erkannt, heißt es in dem 70-seitigen Bericht.

"Oft gehen beleidigende Äußerungen mit anderen schwerwiegenden Pflichtverletzungen einher", berichtet Königshaus. Als Beispiel nennt der FDP-Politiker schikanierende Aufnahmerituale bei den Gebirgsjägern in Mittenwald, die im Frühjahr 2010 für Aufsehen sorgten. Der Vorgang mache zweierlei deutlich: "Zum einen fehlte vielen der beteiligten Soldatinnen und Soldaten das Unrechtsbewusstsein für ihr Handeln. Zum anderen zeigt er auch Defizite bei der Dienstaufsicht auf."

Königshaus forderte, bei der anstehenden Bundeswehrreform Maßnahmen zu ergreifen, die zur Verbesserung der Disziplin in der Truppe beitragen. Unter anderem müsse dafür gesorgt werden, dass die Disziplinarvorgesetzten hinreichend auf ihre Aufgabe vorbereitet seien und auch Präsenz zeigen könnten.

Die Affäre um die "Gorch Fock" taucht im aktuellen Wehrbericht noch nicht auf, wie Königshaus sagte. Das liege daran, dass die Vorfälle erst im neuen Jahr bekannt geworden seien, der Bericht sich aber mit der Situation 2010 befasse. Dennoch äußerte sich Königshaus bei der Vorstellung des Berichts auch zu den aktuellen Affären. So kündigte er an, sich beim Zoll Erklärungen dafür holen zu wollen, warum Briefe geöffnet und Speicherkarten und USB-Sticks konfisziert worden seien. "Es mag gute Gründe dafür geben. Aber der Zoll muss erklären, auf welcher rechtlichen Grundlage das geschehen ist."

Im Zusammenhang mit den Vorfällen auf der "Gorch Fock" stellte sich Königshaus hinter Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Absetzung des Kapitäns sei richtig. "Ich glaube, das ist eine Schutzmaßnahme." Er warnte: "Was ich nicht damit verbinde, und was niemand damit verbinden darf, ist eine etwaige Vorverurteilung." Vor dem tödlichen Unfall im vergangenen Jahr habe er keine Anzeichen für große Probleme bei der Besatzung des Schulschiffs gesehen. "Jedenfalls keine Auffälligkeiten, die man besonders hätte berichten müssen", sagte Königshaus. Er habe bei einem Besuch zwar Kritik von den Offiziersanwärtern gehört, aber nicht so massiv, wie sie nun geäußert werde.

SPIEGEL ONLINE hatte am Morgen berichtet, dass sich mehrere auf der " Gorch Fock" eingesetzte Offiziersanwärter beim Wehrbeauftragten des Bundestags über massive Alkohol-Exzesse an Bord des skandalumwitterten Schulschiffs der Marine beklagt haben. In einem neunseitigen Bericht des Teams von Königshaus werden Beschreibungen wiedergegeben, wie sich die Stammmannschaft des Schiffs hemmungslos betrank, wie ein Offiziersanwärter das Erbrochene der Offiziere von Deck schrubben musste und dass ein Besatzungsmitglied ihnen im Rausch sogar mit dem Tod gedroht habe.

Im vergangenen November war eine 25-jährige Offiziersanwärterin auf der "Gorch Fock" ums Leben gekommen. Dazu gab es Berichte über eine angebliche Meuterei.

Es ist der erste Jahresbericht, den der FDP-Politiker Königshaus vorgelegt hat. In seinem Bericht gibt er einen Überblick über Probleme, die er in den vergangenen Monaten bei Truppenbesuchen festgestellt hat und die ihm von Soldaten mitgeteilt wurden.

ler/dpa

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1. Ich glaube
hilfloser, 25.01.2011
der BW fehlt ein "Feind". Dies ist meiner Meinung nach das Grundübel. Aus dieser Sinnlosigkeit des Soldatendaseins erwachsen alle nachfolgenden Konflikte und Undiszipliniertheiten. Fehlt das Wofür und Warum ist die Motivationslosigkeit nicht weit.
2. ich denke...
unifersahlscheni 25.01.2011
...unter Guttenberg wird die BW zu einer disziplinierteren Truppe als zuletzt erlebt. Ihm traue ich es zu und nehme es ihm auch ab, dass er da hart durchgreift. Ein Mann der Tat.
3. Schrecklich, welchen Qualen die Kinder ausgesetzt sind
reinhard_m, 25.01.2011
Furchtbar, daß es bei der Bundeswehr zu Alkoholexzessen kommt, das hätte ich jetzt wirklich nicht erwartet. Und daß ein Offizier nicht selber das Deck schrubbt sondern diese Aufgabe an einen Rekruten delegiert ist auch eine grobe Ungehörigkeit.
4. Führungsschwächen?
Hubert Rudnick, 25.01.2011
Zitat von sysopDer Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus hat seinen mit Spannung erwarteten Bericht vorgelegt. Darin prangert er erhebliche Führungsschwächen bei der Bundeswehr an: Vor allem unerfahrene*Vorgesetzte erkennen oft nicht die Grenze zu Dienstvergehen oder sogar Straftaten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741472,00.html
Herr Wehrbeauftragter, wenn sie bei der BW wären, dann würde das Gleiche auch unter ihrer Führung geschehen, auch sie hätten das nicht im Griff. Von außen können wir leicht alles kritisieren, aber kaum einer würde da was zum Positiven verändern können.
5. Hier erstmal zum Selberschlaumachen
lensenpensen 25.01.2011
der Link zum aktuellen Bericht: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/044/1704400.pdf Kann schließlich nicht schaden sich vor der Diskussion zu informieren und nicht nur einen SPON-Artikel als Grundlage zu haben.
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Schulschiff "Gorch Fock": Riskante Ausbildung

Die "Gorch Fock"
Das Schiff
Das legendäre Segelschulschiff "Gorch Fock" ist das älteste Schiff der deutschen Marine, es gilt als Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren. Gebaut wurde es auf der Hamburger Werft Blohm & Voss, im August 1958 lief es vom Stapel. Benannt ist das Schiff nach dem Schriftsteller Gorch Fock, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht starb.

Die "Gorch Fock" ist 89 Meter lang und 12 Meter breit, der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten, bei ihrem Rekord war sie 18,2 Knoten schnell. Die "Gorch Fock" untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.
Die Besatzung
Der Dreimaster hat eine 85-köpfige Stammbesatzung, dazu kommen bis zu 138 junge Lehrgangsteilnehmer. In mehr als 50 Jahren wurden rund 14.500 Kadetten auf der "Gorch Fock" ausgebildet - viele berichteten anschließend von einer extrem harten Ausbildung. 1989 kamen mit fünf Sanitätsoffiziersanwärterinnen erstmals Frauen an Bord.
Die Ausbildung
Offizier- und Unteroffizieranwärter erhalten dort ihre praktische und theoretische Ausbildung für spätere Aufgaben in der Flotte. Laut Marine sollen die Lehrgangsteilnehmer an Bord das "grundlegende seemännische Handwerk" erlernen. "Sie erfahren in der Praxis die Bedeutung von Teamwork und Kameradschaft." Allerdings werde den Lehrgangsteilnehmern und der Crew "sowohl beim Aufentern in bis zu 45 Meter Höhe als auch beim Segelsetzen viel abverlangt", heißt es auf der Marine-Homepage.

Trotz modernster Technik ist der Ausbildungsabschnitt Segelschulschiff nach Ansicht der Marine weiterhin von großer Bedeutung. "Nirgendwo wird der Einfluss des Wetters auf Schiff und Besatzung so intensiv erlebt und zur gesicherten Erfahrung wie auf einem Großsegler", heißt es auf der Internetseite der Marine. Gerade die Ausbildung auf einem Segelschulschiff präge die Charaktereigenschaften und Gemeinschaftssinn, die für einen militärische Vorgesetzten unerlässlich seien.
Die Todesfälle
Während der Lehrgänge kam es mehrfach zu Todesfällen. Seit 2008 verloren gleich zwei Soldatinnen an Bord ihr Leben: Im vergangenen November stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage auf das Deck. Im September 2008 war eine 18-jährige Soldatin während ihrer Wache bei rauer See in die Nordsee gefallen und ertrunken.
Der Kommandant
Seit 2006 hatte Kapitän Norbert Schatz, 53, das Kommando über die "Gorch Fock" - im Zusammenhang mit dem Unfalltod der 25-jährigen Sarah wurde er Ende Januar 2011 von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg abgesetzt. Die Dreimastbark sei schon immer sein Ziel gewesen, erklärte der 53-Jährige einst. Nach dem Abitur trat er deshalb 1976 in die Marine ein und entschied sich für eine Laufbahn als Fregattenfahrer. Gleich zu Beginn sammelte er erste Erfahrungen auf dem Segelschiff. Von 1997 bis 1999 war er als Erster Offizier an Bord.


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