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Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz: Nächster Termin - Gedenken

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Der Bundestag erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, danach debattiert das Parlament den Bundeswehreinsatz am Hindukusch - wie im Brennglas werden an diesem Tag die Widersprüche deutscher Geschichte sichtbar. Kann würdiges Gedenken so funktionieren?

Israels Staatspräsident Peres: Totengebet im Bundestag Zur Großansicht
REUTERS

Israels Staatspräsident Peres: Totengebet im Bundestag

Berlin - Für Schimon Peres war es kein Termin wie jeder andere. Kaum hatte er die Rednertribüne im Bundestag betreten, bat der israelische Staatspräsident darum, das jüdische Totengebet für die sechs Millionen ermordeten Juden sprechen zu dürfen. Dann setzte er sich die Kippa auf, die traditionelle Kopfbedeckung für Männer.

Wenig später erinnerte Peres an seinen Großvater. Der hatte ihm, dem Jungen, vor der Abreise ins damalige Palästina gesagt: "Mein Kind, bleib immer ein Jude." Der Großvater wurde später mit den anderen jüdischen Bewohnern des polnischen Ortes, der von den Deutschen besetzt war, in einer Synagoge verbrannt.

Die persönliche Geste und die Worte des 86-Jährigen am Holocaust-Gedenktag durchbrachen für einen Augenblick die Routine des politischen Alltags in Berlin. Wenig später, nach einer Höflichkeitspause, ging der Betrieb weiter: mit der Fragestunde des Parlaments - unter anderem zu Hartz IV.

Am Abend sollte Peres aus den Händen von FDP-Außenminister Guido Westerwelle den Walter-Rathenau-Preis erhalten. Der Industrielle, Liberale und Außenminister der Weimarer Republik war 1922 von Rechtsradikalen in Berlin ermordet worden. Nicht zuletzt, weil er deutscher Jude war.

Ein geschichtsträchtiger Tag also.

Gedrängte Historie an einem Tag

Und doch bleibt das Gedenken weitgehend ein Akt der politischen Klasse. Es beschränkt sich auf die Reden des Bundestagspräsidenten und des Gastes im Bundestag, auf die begleitende Berichterstattung. In Deutschland hallen keine Sirenen durch die Straßen, nirgendwo bleiben die Passanten und Autofahrer schweigend für zwei Minuten stehen wie in Israel. Es gibt kein sichtbares Zeichen - außer auf makabere Art im Regierungsviertel in Berlin, wo der Staatsbesuch Teile der Innenstadt zu Hochsicherheitszonen macht. Und das erinnert daran, wie gefährdet Peres ist, als höchster Repräsentant seines Staates und damit stellvertretend für die Heimstatt der Juden im 21. Jahrhundert.

Der Holocaust-Gedenktag, mit dem alljährlich an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen erinnert wird, wurde 1996 von Bundespräsident Roman Herzog eingeführt. Doch ist er in der Bevölkerung verankert? Das Land, aus dem die Täter stammen, hat sich zwar seiner Vergangenheit gestellt, von Vergessen und Verdrängen kann keine Rede sein.

Auffallend aber ist: Je öfter der 27. Januar in Berlin begangen wird, umso weniger wird an diesem Tag wenigstens ein Moment lang innegehalten. Der Holocaust-Gedenktag wird eingezwängt in den engmaschigen Terminkalender der Politik. Er nimmt nur einen Platz unter vielen in der Nachrichtenmaschinerie ein.

Wie wird angemessen erinnert?

Schon am frühen Nachmittag folgte das nächste Großereignis: die Regierungserklärung der Kanzlerin zu Afghanistan. Vielleicht wäre es besser gewesen, an diesem 27. Januar den politischen Betrieb zu drosseln: keine weiteren parlamentarischen Reden, keine Pressekonferenzen von Ministern. Es wäre zumindest eine Geste.

Unbeabsichtigt regt allerdings auch die Terminierung von Merkels Regierungserklärung auf den Tag von Auschwitz zur Reflektion an: Noch vor zehn, fünfzehn Jahren wurde leidenschaftlich darüber gestritten, ob deutsche Truppen überhaupt im Ausland eingesetzt werden sollen. Nun heißt es pragmatisch: Wie viel deutsche Soldaten mehr sollen es in Afghanistan sein?

Es ist die Lehre aus den Erfahrungen einer komplexen Welt.

Doch so ganz wohl ist selbst der Regierung nicht, wenn sie immer noch den militärischen Einsatz als ziviles Hilfsprojekt bemäntelt. Es gibt eben grundsätzliche Fragen, die sich die Deutschen vor dem Hintergrund ihrer Geschichte anders als andere Völker stellen. Letztlich die Fragen nach den moralischen Kosten, die eine Gesellschaft bereit ist zu zahlen, wenn ihre Soldaten töten. Dass hierzulande darüber ernsthafter als anderswo debattiert wird, dass die Entsendung von deutschen Truppen nicht populär ist - dafür muss man dankbar sein.

Diese Zurückhaltung vor dem Militärischen speist sich aus den Erfahrungen der eigenen Geschichte. Sie ist - auch - ein Ergebnis jener Erinnerungskultur, die am 27. Januar ihren öffentlichen Ausdruck findet.

Auch wenn vielen der Tag der Befreiung von Auschwitz unbekannt ist.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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1. Verantwortung und Gedenken
fritzschultz7ink 27.01.2010
Würde es besser oder würdiger ablaufen, wenn der Bundestag nicht diskutieren würde? Ich glaube, daß der Sysop in seiner Frage versucht, einen nicht vorhandenen Widerspruch aufzuzeigen. Sehr journalistisch. Wir sollten einfach die Erinnerung und das Gedenken meinetwegen in offiziellen Feierstunden, vor allem aber im Alltag, aber nicht pausenlos, pflegen. Und wir sollten denen, die "es nicht mehr hören können", verständlich machen, daß auch ohne persönliche Mitschuld eine kollektive Verantwortung weiter bestehen bleiben wird.
2. Ich will keinen Titel angeben!
Robert B., 27.01.2010
Zitat von sysopDer Bundestag erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, danach debattiert das Parlament den Bundeswehr-Einsatz am Hindukusch - wie im Brennglas werden an diesem Tag die Widersprüche deutscher Geschichte sichtbar. Kann würdiges Gedenken so funktionieren? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,674358,00.html
Würdiges Gedenken kann schon deshalb nicht funktionieren, weil es alle paar Wochen einen neuen Jahrestag zu Gedenken gibt. Durch diese inflationäre Benutzung von Gedenktagen, nimmt die Beachtung dieser immer weiter ab. Wie so oft im Leben, weniger wäre mehr.
3. Kein guter Tag für den Bundestag.
Geziefer 27.01.2010
Zitat von sysopDer Bundestag erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, danach debattiert das Parlament den Bundeswehr-Einsatz am Hindukusch - wie im Brennglas werden an diesem Tag die Widersprüche deutscher Geschichte sichtbar. Kann würdiges Gedenken so funktionieren? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,674358,00.html
Die Bundestagsmaschine lief heute wie geschmiert. Hinzu kamen ja noch vor dem Holocaust-Gedenken eine Fragestunde im Parlament (leckes Uranfass von Gronau) und nach der Afghanistan-Debatte noch eine Fragestunde mit dem bräsigen Herrn Fuchtel, der jetzt parl. Staatsekretär spielen darf (KdU, Kosten der Unterkunft bei Hartz IV). Ich habe den Tag heute im Bundestagsfernsehen verfolgt und kann nur sagen: Nicht die vom sysop genannten angeblichen "Widersprüche deutscher Geschichte" waren das Problem, sondern diese unsägliche Bundestagsbürokratieroutine, der sich bis in die gelangweilte Sprechweise des Parlamentsvorstehers Lammert widerspiegelte. Kein guter Tag für den Deutschen Bundestag.
4. Weniger Routine wäre wichtig
maan, 27.01.2010
Zitat von GezieferDie Bundestagsmaschine lief heute wie geschmiert. Hinzu kamen ja noch vor dem Holocaust-Gedenken eine Fragestunde im Parlament (leckes Uranfass von Gronau) und nach der Afghanistan-Debatte noch eine Fragestunde mit dem bräsigen Herrn Fuchtel, der jetzt parl. Staatsekretär spielen darf (KdU, Kosten der Unterkunft bei Hartz IV). Ich habe den Tag heute im Bundestagsfernsehen verfolgt und kann nur sagen: Nicht die vom sysop genannten angeblichen "Widersprüche deutscher Geschichte" waren das Problem, sondern diese unsägliche Bundestagsbürokratieroutine, der sich bis in die gelangweilte Sprechweise des Parlamentsvorstehers Lammert widerspiegelte. Kein guter Tag für den Deutschen Bundestag.
Ich wünsche mir sehr, dass sich der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz stärker ins kollektive Gedächtnis nistet. Dazu gehört, an diesem Tag auf die übliche Politroutine zu verzichten. Damit der Tag sich unterscheidet vom Tag des Verbrauchers, Tag des Klimawandels, Tag des Nichtrauchers ...
5. Phrase
Eutighofer 27.01.2010
Zitat von sysopDer Bundestag erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, danach debattiert das Parlament den Bundeswehr-Einsatz am Hindukusch - wie im Brennglas werden an diesem Tag die Widersprüche deutscher Geschichte sichtbar. Kann würdiges Gedenken so funktionieren? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,674358,00.html
Die Phrase "Widersprüche deutscher Geschichte" ist eine beliebte, mittlerweile sinnentleerte Floskel. Noch sinnloser wird es, wenn man in einem Artikel das Gedenken an Auschwitz mit einer Bundestagsdebatte über den Afghanistan-Einsatz verknüpfen will. Hier zeigen sich eher wie in einem Brennglas die Widersprüche des Journalismus.
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Annäherung zwischen Israel und Deutschland
1952
Im Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen verpflichtet sich die Bundesrepublik zur Zahlung von 3,45 Milliarden Mark an den vier Jahre zuvor gegründeten Staat Israel. In den folgenden 40 Jahren überweist Deutschland angesichts des Holocausts weitere 100 Milliarden Mark Entschädigung.
1960
dpa
Bundeskanzler Konrad Adenauer trifft mit Israels Ministerpräsident David Ben Gurion in New York zusammen.
1965
Aufnahme der diplomatischen Beziehungen. Elf arabische Länder brechen ihre Kontakte zu Deutschland ab.
1970
Außenminister Abba Eban trifft als erstes israelisches Regierungsmitglied zu einem offiziellen Besuch in Deutschland ein.
1972
dpa
Bei der Olympiade in München töten palästinensische Terroristen zwei israelische Sportler und entführen neun andere. Bei einer missglückten Befreiungsaktion kommen die Geiseln ums Leben. Das zwischenstaatliche Verhältnis kühlt ab.
1973
Als erster Bundeskanzler besucht Willy Brandt Israel.
1984
Bundeskanzler Helmut Kohl besucht Israel. Seine Worte von der "Gnade der späten Geburt" sorgt für Irritationen.
1985
Bundespräsident Richard von Weizsäcker hält am 8. Mai in Erinnerung an das Kriegsende im Bundestag eine historische Rede, die auch in Israel als Meilenstein angesehen wird.

2000
Als erstes deutsches Staatsoberhaupt hält Johannes Rau eine Rede vor der Knesset, dem israelischen Parlament.
2005
Bundespräsident Horst Köhler spricht vor der Knesset. Außenminister Silvan Schalom besucht als erster israelischer Minister das neu eröffnete Holocaust-Mahnmal in Berlin.

2008
dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht vor der Knesset und bekräftigt Deutschlands "besondere Verantwortung".
2009
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu besucht Berlin. Thema der Gespräche ist die Wiederbelebung des Friedensprozesses in Nahost.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
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