Jahrestag Merkel nutzt Gedenken zum politischen Kleinklein

CDU-Chefin Merkel ruft am 15. Jahrestag des Mauerfalls die Deutschen zum Patriotismus auf - und verpasste Kanzler Schröder einen Seitenhieb wegen des Feiertagsdebakels.


Merkel: Mehr Einsatz für den Patriotismus
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Merkel: Mehr Einsatz für den Patriotismus

Berlin - Angela Merkel warf Gerhard Schröder vor, er habe "einfach kein Interesse an der deutschen Einheit". Mit Blick auf vorübergehende Überlegungen Schröders, den Tag der Einheit am 3. Oktober als Feiertag abzuschaffen, sagte Merkel der Zeitung "Die Welt": "Damit hat der Kanzler jede Illusion beseitigt, dass er etwas für die Bedeutung nationaler Symbole empfindet." Die Idee sei "völlig instinktlos" gewesen. Schröder habe "kein Gefühl dafür, dass Reformen auch ein einigendes Band brauchen, das allen ein gemeinsames Selbstbewusstsein verleiht".

Die CDU-Chefin bezeichnete den 9. November als "das entscheidende Datum bei der friedlichen Wende hin zur deutschen Einheit". Patriotismus bedeute für sie, nicht nur auf das persönliche Wohl zu schauen, sondern sich dafür einzusetzen, dass das eigene Land vorankomme und dass Deutschland auch im Ausland als Erfolgsmodell angesehen werde.

Der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher stellte die Verdienste der Ostdeutschen beim Fall der Mauer vor 15 Jahren heraus. Die Mauer sei vom Osten her zum Einsturz gebracht worden, sagte der FDP-Politiker. Statt der Politiker seien die wirklich Handelnden die Bürger in der damaligen DDR, in der Tschechoslowakei, in Polen und anderen osteuropäischen Ländern gewesen. Vom Gefühl der Menschen nach der Maueröffnung am 9. November 1989 sei bis heute etwas übrig geblieben: Das Gefühl sei viel tiefer, als manche es wahrhaben wollen, sagte Genscher der "Passauer Neuen Presse".

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt rief zu einem vorurteilsfreien Umgang miteinander auf. "Es gibt Besserwessis und Jammerossis und es gibt Besserossis und Jammerwessis", sagte die Politikerin aus Thüringen im ZDF. Diesen Unterscheid zu machen, "und an Ost und West aufzumachen", sei nicht ganz richtig. Der bayerische CSU-Landesgruppenchef Michael Glos appellierte an die Deutschen, sie sollten "aufhören zu jammern und Ärmel hochkrempeln".

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) hält es für normal, dass es nach 40 Jahren Teilung auch jetzt noch Unterschiede und Fremdheiten zwischen Ost- und Westdeutschen gebe. Er sei aber optimistisch, dass unter verbesserten wirtschaftlichen Bedingungen auch die Vorurteile schwänden, sagte er im Deutschlandradio Berlin.

Der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Harald Ringstorff, kritisierte eine zu negative Haltung der Deutschen. Im NDR sagte er, er sei entsetzt über Umfragen, wonach sich bis zu 20 Prozent der Bürger für einen Wiederaufbau der Mauer aussprechen würden. Anscheinend sähen die Menschen nur die schönen Erinnerungen an die DDR, sagte der SPD-Politiker.



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