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16. Oktober 2014, 14:38 Uhr

S.P.O.N. - Im Zweifel links

Wir Terroristen

Eine Kolumne von

Der Westen bekämpft den islamistischen Terrorismus. Warum nicht den eigenen? Die Zahl der Menschen, die uns zum Opfer fallen, ist viel höher. Alle zehn Sekunden verhungert ein Kind. Es ist unsere Schuld.

"Wir können nicht zur Seite schauen, wenn Mord und Vergewaltigung an der Tagesordnung sind", hatte Verteidigungsministerin von der Leyen zu Jahresbeginn gesagt. Große Koalition, große Worte. 2014 sollte für die Deutschen zum Jahr der Verantwortung werden. Die Losung lautet jetzt: Mitmachen. Im Kampf gegen den Terrorismus zum Beispiel. Aber nicht gegen jeden Terrorismus. Die Islamisten müssen uns fürchten. Die Kapitalisten nicht. Dabei verbreiten sie eine ganz eigene Art von Terror, grausam, mit vielen Opfern. Polemik? Übertreibung? Schön wär's.

2100 Kalorien, 805 Millionen, zwölf Milliarden, zehn Sekunden: Im Westen begegnen wir dem Hunger als Zahlen: So viel braucht ein Mensch zum Leben, so viele Menschen haben zu wenig zu essen, so viele Menschen könnte die Erde heute ernähren - und so lange dauert es, bis wieder ein Kind unter fünf Jahren an Hunger stirbt. Drei Millionen jedes Jahr. Das ist die Statistik der Welthungerhilfe, veröffentlicht Anfang der Woche. Aber die Wahrheit liegt hinter den Zahlen. "Hunger ist kein stiller Tod, kein langsames Verlöschen. Das Ende ist grausam, die Agonie ist schrecklich", sagt Jean Ziegler, der alte Kämpfer, der ein halbes Leben dem Engagement gegen den Hunger und seine Schuldigen gewidmet hat. Die Schuldigen - das sind wir.

Geld stinkt nicht. Aber es kann töten

Hunger ist kein Naturgesetz. Er ist menschengemacht. Er kann dort entstehen, wo die Menschen leiden. Korrupte Regierungen, unfähige Verwaltungen, der Westen ist dann mal mehr, mal weniger verwickelt. Aber viel häufiger entsteht er weit entfernt von den elenden Hütten. Bei uns. Hunger ist kein Unfall. Er ist eine Folge des Systems. Im August hat Indien die Gespräche für ein neues Welthandelsabkommen beendet. Die indische Regierung wollte nicht darauf verzichten, Grundnahrungsmittel für die Ärmsten zu subventionieren. Nach den Regeln des Westens ist das ein Eingriff in die Kräfte des Marktes. Aber in Indien hungern 200 Millionen Menschen.

Wenn Nahrungsmittel an der Börse gehandelt werden, dann freuen sich die Anleger über Gewinnchancen. Aber für die Menschen in den elenden Städten können steigende Preise den Tod bedeuten. Es machen nicht mehr alle mit bei diesem schmutzigen Geschäft. Ausgerechnet unsere größten, die Deutsche Bank und die Allianz, wollen auf den Handel mit Agrarfinanzprodukten nicht verzichten. Geld stinkt nicht. Aber es kann töten.

Regierungen entmachten sich selbst

Der Westen hat sich eine Welt gebaut, die tödlichen Regeln folgt. Es sind die Regeln des sogenannten "Washington Konsens": Privatisierung, totale Mobilität und Entstaatlichung. Das Ziel ist der Traum der Neoliberalen: stateless global governance, globale Steuerung ganz ohne Staat. Wir sind auf dem Weg dorthin. Die Konzerne erteilen den Staaten Befehle.

Man kann die Toten nicht verrechnen, man kann Moral nicht wiegen, und die Empörung nicht in Portionen verteilen. Aber wenn wir die Bilder der Hinrichtungen durch die IS-Kämpfer sehen, die öffentlich gemachten Enthauptungen von Bürgern aus dem Westen, dann entbrennt unser Zorn - und wir sind bereit, Militär und Milliarden in Gang zu setzen. Warum entbrennt unser Zorn nicht, wenn wir die Bilder sterbender Kinder sehen? Weil die Dinge nicht zu ändern sind? Aber das stimmt ja nicht. Wir reden uns die Unabänderlichkeit dieses Schreckens ein, um unserer eigenen Verantwortung zu entkommen.

Was tun?

Die Regierungen sind nicht machtlos. Sie entmachten sich selbst. Deutschland könnte noch heute damit beginnen, den Hunger in der Welt wirkungsvoll zu bekämpfen. Es ist ganz einfach.

Es wäre von großer symbolischer und materieller Bedeutung wenn das größte Land Europas diesen Weg ginge. Warum tun wir es nicht?

"Ich erinnere uns alle daran: Nicht nur durch Tun, sondern auch durch Unterlassen können wir uns schuldig machen, wenn die Möglichkeit des Handelns besteht." Das hat Frank-Walter Steinmeier gesagt. War ihm die ganze Tragweite des Satzes bewusst?

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