S.P.O.N. - Im Zweifel links Wir Unverantwortlichen

Deutschland vor der Wahl ist das Land der Gelähmten. Die Kanzlerin ist träge, ihr Volk furchtsam. Merkel und die Deutschen bilden ein Bündnis der Angst. Einziges Ziel: die Flucht vor der Verantwortung.

Kanzlerin Merkel: Angst vor der Zukunft
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Kanzlerin Merkel: Angst vor der Zukunft

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Und, Deutschland, alles gut? Arbeitslosigkeit niedrig, Exporte hoch, Euro-Krise außer Sicht, NSA-Schnüffelei irgendwie verpufft... Alles gut also? Die Oberfläche ist glatt. Darunter fault es.

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Heft 32/2013
Die Geburt der modernen Diktatur

Im Jahr acht der Regierung Merkel ist Deutschland ein träges Land der Selbsttäuschung. Wir wissen, dass Politik auf den kurzfristigen Erfolg zielt. Politik redet von Verantwortung, will sie aber zumeist nicht tragen. Aber eine Politikerin, die Verantwortung derart auf die leichte Schulter nimmt wie Angela Merkel, ist selten. Geradezu einzigartig dagegen ist ihr Erfolg. Laut der ARD-Umfrage Deutschlandtrend waren die Deutschen seit 1997 noch nie so zufrieden mit einer Regierung wie mit dieser. Es ist paradox: Immer mehr Journalisten und Wissenschaftler entsetzen sich über eine Regierung, die ihr Amt nur zu dem Zweck ausübt, Herausforderungen abzuwenden. Aber was die Journalisten schreiben, ist den Leuten ganz gleichgültig. Mögen die sogenannten Meinungseliten der Kanzlerin Untätigkeit vorwerfen - gerade dafür lieben die Leute sie. Denn in Wahrheit teilen die Deutschen mit Angela Merkel die Angst vor der Zukunft.

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas führt im neuen SPIEGEL bittere Klage. Habermas beschwert sich über die Bequemlichkeit der Deutschen. In der Euro-Krise sehen sie dabei zu, wie die Kanzlerin den Südländern ihre Krisenagenda aufzwingt und sich gleichzeitig aus der gesamteuropäischen Verantwortung Deutschlands stiehlt: "Deutschland döst auf dem Vulkan", schreibt Habermas. Er redet von einem "historischen Versagen der politischen Eliten".

Eine Lähmung liegt über dem Land, und die heißt Merkel

Es kostet den philosophischen Greis Überwindung, das Versagen der Kanzlerin zu geißeln. Denn sein Fach, die Soziologie, handelt von der Macht der Strukturen, nicht von Stärke oder Schwäche des Einzelnen. Aber auch Habermas weiß, "dass es außerordentliche Situationen gibt, in denen die Wahrnehmungsfähigkeit und die Phantasie, der Mut und die Verantwortungsbereitschaft des handelnden Personals für den Fortgang der Dinge einen Unterschied machen". Die wichtigste handelnde Person heißt Merkel - aber sie handelt nicht.

Eine Lähmung liegt über dem Land, und die heißt Merkel. Jeder Bürger weiß, wo es im Argen liegt - Steuersystem, Bildungschancen, Lohngerechtigkeit -, aber die Leute nehmen das Versagen der Regierung achselzuckend hin. "Die von FDP und Union im Koalitionsvertrag vereinbarte Arbeitsgruppe zur Reform des Mehrwertsteuersatzes schaffte es in vier Jahren nicht, auch nur ein einziges Mal zu tagen", schreibt der SPIEGEL und zitiert einen anderen Philosophen, Peter Sloterdijk, der sagt, in Deutschland herrsche eine "chronische Duldungsstimmung".

Die Verwunderung der Philosophen Habermas und Sloterdijk. Oder die Wut des Soziologen Harald Welzer, der angekündigt hat, der Wahl fernbleiben zu wollen. Oder der Ekel, den der Publizist Sascha Lobo bei Merkels Gleichgültigkeit im NSA-Skandal empfindet. Das sind Empfindungen einer intellektuellen Elite, die vom Volk nicht geteilt werden. Die Leute haben mit ihrer Kanzlerin eine Koalition der Unvernünftigen geschlossen: Kopf einziehen, Augen schließen und hoffen, dass alles irgendwie vorübergehen wird. Aber das wird nicht geschehen. Die Deutschen werden die Zeche zahlen. Wenn der Euro am deutschen Egoismus zerschellt. Wenn das Bildungssystem an seinen Lebenslügen zerbricht. Wenn das Wort Gerechtigkeit nur noch ein zynisches Grinsen auslöst.

Wenn jetzt der Wahlkampf beginnt, wird man schmerzlich das Fehlen der SPD als wehrhafter Opposition bemerken. 100 Jahre ist das "Dreikaiserjahr" der Sozialdemokratie her: 1913 starb August Bebel, Friedrich Ebert übernahm den Vorsitz der SPD, und Willy Brandt wurde geboren. Das ist die große Geschichte der SPD, sie handelt von Revolution, Herrschaft, Phantasie. Was ist davon übriggeblieben? Angst. Wie bei Merkel.

Die Unverantwortlichen, das sind wir selbst

Die SPD hätte Angela Merkel öffentlich als das entlarven müssen, was sie ist: eine leere Seele, deren Furcht vor Veränderung uns alle auf ihr Niveau der inneren Ereignislosigkeit herabzieht. Die SPD hätte die Warnungen der Spindoktoren in den Wind schlagen sollen. Sie hätte einen mutigen Wahlkampf führen sollen. Sie hätte Merkel dort schlagen können, wo sie schwach ist: bei der Überzeugung, bei der Begeisterung, bei der Sehnsucht - beim Gefühl. Sigmar Gabriel und Hannelore Kraft, Jürgen Trittin und Claudia Roth hätten für ein rot-grünes Bündnis der Veränderung in einen Wahlkampf ziehen sollen, der diesen Namen auch verdient. Bei allem Respekt - sie hätten höchstens besser, gewiss nicht schlechter abgeschnitten, als Peer Steinbrück abschneiden wird.

Wir lernen daraus: Wenn es um die Rettung der Zukunft geht, sollte man sich nicht auf die Politik verlassen. Es ist schon so, dass wir unsere Sache selbst in die Hand nehmen müssen. Wir haben unsere Verantwortung abgegeben. Die Unverantwortlichen, das sind wir selbst. Wir müssen den Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit finden. Ohne Mut zur Radikalität wird das nicht gehen.

Die Selbstermächtigung der Zivilgesellschaft gegen die Trägheit der Mächtigen gibt es nicht kostenlos. Kants sapere aude setzt Mut voraus. Und zwar den Mut, nicht nur zu denken, sondern zu handeln. Der berühmte Spruch, den wir als "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" übersetzen, ist Teil einer Horaz-Epistel. Und im Original eröffnet sich da noch eine andere Richtung: "Dimidium facti, qui coepit, habet: sapere aude, incipe." Das heißt: "Wer erst einmal begonnen hat, hat damit schon zur Hälfte gehandelt. Trau dich zu verstehen! Jetzt fang an!"

Wer das Denken beginnt, hat den halben Weg zur Handlung schon hinter sich gebracht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 704 Beiträge
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Seite 1
kaiser-k 05.08.2013
1. Hier spielt die Musik
Das alles - Herr Augstein - erinnert doch stark an den verzweifelten Musiker, der auf der Bühne sein Publikum anpöbelt, es habe kein Geschmack, nur weil es seine Musik nicht mag und den Saal verlässt. Mag sein: Kanzlerin 'Muttis' Erfolg sich nährt sich aus dem Scheitern und der Inkompetenz der Anderen, aber dem Wähler dabei Dummheit und Verantwortungslosigkeit vorwerfen ist meines Erachtens nach: Verantwortungslos und dumm. Mit Verlaub.
micromiller 05.08.2013
2. sie ist das wunderbare exemplar einer hoch gebildeten
aelteren dame, die alternativlos und grundsaetzlich alles aussitzt und handlungsunfreundlich verabschiedet. unsere sozen und gruene beamtenpartei sind dieser ruhe einfach nicht gewachsen. dem klartexter der in sich ruhenden pseudosozialisten ist der stoff ausgegangen und der gruenen alternativen beamtentruppe hat unsere dame aus dem osten den stoff woraus die alternativen traeume sind vom teller genommen. sie wird den mueden haufen der grossen lautsprecher wieder in die bundesmanege fuehren und schwerelos die naechsten jahre inhaltsfrei ableben.
tulius-rex 05.08.2013
3. Die Medien fordern Klarheit, ha, ha
Die Medien fordern von Kandidaten Klarheit. Steinbrück bringt Klarheit und Ideen. Ergebnis: jede Stecknadel im Heuhaufen wird gesucht um ihm medial zu schaden. Merkel bringt keine Klarheit sondern ein Sammelsurium von Allgemeinplätzen, Geschwurbel und von der SPD kopierte Ideen. Ergebnis: sie wird von den Medien hochgelobt. Wer das tut, was die Medien im Herdentrieb scheinbar wollen, hat schon verloren. Gysi, Lafontaine und Wagenknecht sagen, mit der SPD könne man nicht. Anstatt es zu probieren, helfen sie lieber wieder schwarz-gelb in den Sattel; deren Politik ist ihnen dann lieber. Das mag verstehen, wer will. Trotzdem ist mir Steinbrück um Längen lieber als Merkel, Pofalla, Schröder, Ramsauer...und wie sie alle heißen mit ihren versammelten Halbwahrheiten.
andreas_leh 05.08.2013
4. Sehr guter Kommentar
J.Augstein: "... Alles gut also? Die Oberfläche ist glatt. Darunter fault es." Wie Karies. Und beides tut schlagartig höllisch weh (in diesem Fall nach der Bundestagswahl) !
hartungp 05.08.2013
5. Alles prima, alles gut, alles bestens. Gerne wieder.
Politik? Wozu brauchen wir die? Solange dem Einkauf bei amazon, Aldi, Mediamarkt und Rewe nichts im Wege steht, das Benzin bezahl werden kann, die anderen Mieterhöhungen (aber man selbst nicht) haben, die Rente pünktlich kommt, das Bier noch schmeckt, wird sich der Bundesmichel in seiner Konsumwelt gemütlich einrichten. Jedem Milieu wird je nach Kassenlage das geboten, was es braucht. Da wird man sich doch nicht von der "Politik" stören lassen, gell?
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