S.P.O.N. - Im Zweifel links: Merkels Frauenbonus
Die Kanzlerin profitiert davon, dass sie eine Frau ist. Das sagt ausgerechnet Steinbrück der Glücklose. Aber das ist Unsinn. Vielleicht ist Merkel ihren männlichen Kollegen darum so überlegen, weil die Politik fähige Frauen lockt - und unfähige Männer.
Berlin - Philipp Rösler ist FDP-Chef. Seine Partei ist in der Krise. Er selbst ist umstritten. Das Dreikönigstreffen in Stuttgart wäre seine Chance gewesen, das Blatt zu wenden. Er hat die Chance nicht genutzt.
Peer Steinbrück ist Kanzlerkandidat der SPD. Er will an die Macht. Der Wahlkampf hat begonnen. Er müsste alles tun, um diesen Kampf zu gewinnen. Aber das tut er nicht. Stattdessen lässt er keine Gelegenheit aus, sich selbst zu schaden.
Angela Merkel ist Bundeskanzlerin. Sie betrachtet ihre Mitstreiter, sie betrachtet ihre Konkurrenten, sie rührt sich nicht. Und sie ist dabei so beliebt wie nie zuvor. Die Frau aus dem Osten ist eine Meisterin des Wu wei, der Kunst des Nichthandelns: Setz dich ans Ufer des Flusses und warte und du wirst die Leichen deiner Feinde vorübertreiben sehen.
Warum wirkt Angela Merkel so vielen ihrer männlichen Polit-Kollegen derart überlegen? Weil sie es ist. Peer Steinbrück, der treffsicher vor allem dann ist, wenn er auf seine eigenen Füße zielt, hat gesagt, Merkel profitiere von einem "Frauenbonus". Er hat damit einen richtigen Punkt erwischt - aber von der falschen Seite.
Was wäre aus Angela Merkel geworden, wenn sie nicht in die Politik gegangen wäre? Wäre sie Vorstandsvorsitzende von Daimler geworden? Säße sie im Aufsichtsrat der Deutschen Bank? Wäre sie Geschäftsführerin der Robert Bosch GmbH? Wohl kaum. Nur in der Politik hat eine Frau vergleichsweise faire Chancen, eine Karriere zu machen, die ihren Fähigkeiten entspricht. Und Angela Merkel hat so eine Karriere gemacht.
Röslers denkwürdiger Auftritt bei Markus Lanz
Man muss befürchten, dass für manche Männer, die sich in der Politik tummeln, das Umgekehrte gilt. Denn, was ist mit den Männern? Gehen die Besten in die Politik? Was hätte jemand wie Philipp Rösler in der sogenannten freien Wirtschaft aus sich gemacht? Oder jemand wie Peer Steinbrück? Wir haben gerade erst erfahren, dass unser Falstaff der SPD - immer einen teuren Pinot Grigio in der Hand und immer auf der Suche nach einem neuen Fettnapf - einst Sparkassendirektor werden wollte, woraus aber nichts wurde.
Und was für einer dieser Philipp Rösler ist, dessen politisches Leben sich jetzt langsam dem Ende zuneigt, das konnte man spätestens seit dem Februar 2012 wissen. Da war gerade die Entscheidung gefallen, Joachim Gauck zum Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten zu machen. Die FDP hatte Gauck gegen Merkels Widerstand durchgesetzt. Rösler war im ZDF in der Sendung des Moderators Markus Lanz zu Gast. Ein denkwürdiger Abend. In der "FAZ" sprach Michael Hanfeld nachher vom "Ende des Journalismus". Ja, das traf zu. Und dennoch war in einer unerwarteten Verkehrung aller Maßstäbe Markus Lanz an diesem Abend, sozusagen als Journalist malgré lui, der richtige Mann am richtigen Ort.
Es lohnt sich, das noch einmal anzusehen. Wie Lanz den Chef der Koalitionspartei in ein johlendes, schenkelklopfendes, ellenbogenknuffendes Gespräch verwickelt - und der es gerne geschehen ließ. "Die haben Sie doch über den Tisch gezogen", frohlockte Lanz mit Blick auf die abwesende Kanzlerin, deren schweigende Gestalt aber gleichsam hinter den beiden im Raum stand. Und Rösler antwortete unter dem Gekicher des Publikums: "So würde ich das niemals sagen."
Und dann der Höhepunkt. Lanz spielte auf Röslers merkwürdiges Zitat vom Frosch an, dem man das Feuer im Topf langsam erwärmen muss, wenn man ihn kochen wolle, und fragte: "Wann hat Frau Merkel gemerkt, ich bin der Frosch?" Und Rösler antwortete allen Ernstes: "Schätzungsweise bei der besagten Telefonschaltkonferenz des CDU-Präsidiums ..." Das Publikum war hysterisch begeistert, als Rösler an diesem Abend den Belsazar aus Hannover gab: "Und er brüstet sich frech und lästert wild/ Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt."
Die Unnötigkeit der FDP
Nun wird sein Ende entsprechend ausfallen.
Für Philipp Rösler gilt, was man einst über den britischen Politiker Geoffrey Howe gesagt hat: Von ihm angegriffen zu werden, das sei, wie von einem toten Schaf angegriffen zu werden. Aber Geoffrey Howe war ein wirklich bedeutender Politiker. Das wird man Philipp Rösler nicht nachsagen.
Wenn die FDP in Niedersachsen aus dem Landtag fliegt, ist Rösler erledigt. Für diese Erkenntnis muss man kein Prophet sein - für die Weitsicht allerdings, die SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann an den Tag legt, schon. Denn der weiß heute bereits, dass nach der Niedersachsen-Wahl FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle als Übergangsvorsitzender die restliche Regierungszeit abwickeln wird.
Von ihrem Dreikönigstreffen kommen Rösler, Brüderle und Niebel mit leeren Händen. Die ganze Republik hat jetzt verstanden, dass nicht einmal mehr Angela Merkel die FDP noch braucht. Sie würde mit den Sozialdemokraten eine professionellere und tüchtigere Regierung auf die Beine stellen als mit den verwirrten Liberalen. Die FDP ist endgültig überflüssig geworden.
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Jakob Augstein, Jahrgang 1967, ist seit 2008 Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag". Augstein hat vorher für die "Süddeutsche Zeitung" und die "Zeit" gearbeitet. "Der Freitag" steht für kritischen Journalismus aus Politik, Kultur und Gesellschaft. Er experimentiert mit neuen Formen der Leserbeteiligung und der Verknüpfung von Netz und Print. Die Gestaltung des Layouts vom "Freitag" wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem durch den Art Directors Club, die Lead Awards, den European Newspaper Award und die Society for News Design.- Homepage "Der Freitag"
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