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Merkel und Tsipras: Viel Vertrauen verspielt

Die Deutschen werden wieder zum Problem in Europa. In der Eurokrise geht es um Vertrauen. Aber nicht um das Vertrauen in Griechenland oder den Euro - sondern in Deutschland.

Schon im ersten Satz der Gipfelerklärung vom vergangenen Wochenende steht das Wort "Vertrauen". Es ist da von Griechenland die Rede. Aber Griechenland ist der falsche Adressat. Wichtiger wäre es gewesen, sich an Deutschland zu wenden. Das größte und stärkste Land der Europäischen Union hat in dieser Krise viel Vertrauen verspielt. Der scheinbare Erfolg Angela Merkels verschleiert nur: Seit jener langen Nacht von Brüssel ist Deutschland wieder zum Problem geworden in Europa.

Man will das hierzulande nicht wahrhaben. Es herrscht schon wieder jene typisch deutsche nassforsche Selbstüberhebung vor, wie sie sich in den Worten von Thomas Strobl äußert, stellvertretender Vorsitzender der CDU: "Der Grieche hat jetzt lange genug genervt."

Und weil der Grieche nervt, hätten die Deutschen ihn am liebsten aus dem Euro, wenn nicht aus der EU geworfen. Das gab es noch nie in der Geschichte der Europäischen Integration und in der deutschen Europapolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Das ganze Gewicht, das Frankreich noch hat in Europa, musste es für die Griechen in die Waagschale werfen: "Wenn Griechenland in der Eurozone bleibt, dann wird es das dank Frankreich und dank François Hollande", sagte Manuel Valls.

Jetzt beruhigen sich die Deutschen damit, dass sie es keineswegs allein waren, die die Griechen in den Staub traten: Die Länder des Nordens und Ostens halfen ohnehin dabei, aber auch Spanier, Italiener, Portugiesen und eben auch die Franzosen haben dem Papier von Brüssel zugestimmt.

Aber es braut sich da etwas zusammen am europäischen Horizont, für das Deutschland sich gar nicht wappnen kann. Der alte Europäer Romano Prodi hat gewarnt: "Meine Sorge ist, dass sich eine antideutsche Spannung entwickelt. Wir haben das Schlimmste verhindert, aber es entsteht ein tiefer Bruch zwischen Deutschland und vielen anderen Ländern." Sein Landsmann Matteo Renzi formulierte es kürzer: "Genug ist genug."

"Wer hat die Deutschen zu Richtern über die Völker bestellt?"

Mit beängstigender Gleichgültigkeit gehen Medien und Politik in Deutschland darüber hinweg. Aber es ist eben nicht nur eine weitere Verbalinjurie des brauseköpfigen früheren Finanzministers, wenn Yanis Varoufakis sagt, die Vereinbarung von Brüssel sei das "Versailles unserer Tage". Und es ist eben nicht nur angelsächische Kenntnislosigkeit europäischer Verhältnisse, wenn der englische "Telegraph" schreibt: "Griechenland wird behandelt wie ein besetzter Feindstaat." Oder wenn der "Guardian" entsetzt feststellt: "Die Euro-Familie wurde als Klub der Schuldenhaie entlarvt, dem die Demokratie gleichgültig ist." Oder wenn Roger Cohen, Kolumnist der "New York Times", kurz zusammenfasst: "Die deutsche Frage ist zurück."

Die deutsche Frage - sie ist viel älter als die gegenwärtige Krise. Heribert Prantl hat in der "Süddeutschen Zeitung" an jene europäische Ursorge erinnert, die in der Frage des Johann von Salisbury an den Stauferkaiser Friedrich I. aufbricht: "Wer hat die Deutschen zu Richtern über die Völker bestellt?" Dem Engländer leuchtete nicht ein, dass ein Deutscher für die ganze Christenheit sprechen wollte. Wem leuchtet heute ein, dass eine deutsche Kanzlerin für ganz Europa spricht?

Die Translatio imperii, die Übertragung des römischen Reiches auf die Deutschen, war eine Fiktion kaiserlicher Juristen. Aber jedes neue Reich bedurfte noch stets einer höheren Legitimation, als ihm durch die normative Kraft des Faktischen zuwächst.

Auch heute wird schon ein neues Sacrum Imperium gebraucht, ein Reich mit höheren Weihen als Exportquote und Bruttosozialprodukt. Merkels Heiliges Europäisches Reich Deutscher Nation empfängt seine Sakralisierung durch einen neuen Kult der Vernunft. Der Neoliberalismus ist eine Religion, und die Politik der Austerität ist ihr Ritus. Ihr Anspruch ist nichts weniger als die Wahrheit: Die Regeln des Neoliberalismus sind Ausdruck einer höheren Vernunft.

Kontrafaktizität, also der Gegensatz zwischen Behauptung und Realität, wird in Kauf genommen. Das ist das Wesen der Religion.

Das Dogma will: Die Griechen müssen sparen, erst dann kann es ihnen besser gehen. Tatsächlich spricht aber viel dafür, dass es den Griechen heute schlechter geht als zu Beginn der Krise, nicht weil sie diesen Rat in den Wind geschlagen haben, sondern weil sie ihm gefolgt sind.

Zur Zeitenwende des Mauerfalls im Jahr 1989 prophezeite der Historiker Gordon Craig: "Schließlich wird ein Staat, der die größte Wirtschaftsmacht in Europa ist, früher oder später neue politische Ideen entwickeln. Das können gute Ideen sein, das können aber auch schlechte, gefährliche Ideen für Deutschlands Nachbarn sein." Craig behielt Recht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 827 Beiträge
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1. Die Engländer...
politicsprofiler 16.07.2015
Seit wann wäre ausgerechnet für die Briten die demokratische Entscheidung eines anderen Landes für sie selbst bindend? Den Aufschrei hätte ich gern gehört. Mir klingt noch in den Ohren: " I WILL BACK MY MONEY?". That's britisch, indeed.
2. Krasse Fehleinschätzung!
canUCme 16.07.2015
Konsequenz und rationales Kalkül wird oft als Härte oder Überheblichkeit missverstanden - aber nur von denen, die über diese Eigenschaften nicht im gleichen Maße verfügen.
3. Deutschland hat ein Problem!
lukretia 16.07.2015
Es braut sich der Ausverkauf D'lands und der EU zusammen! Sobald wir nicht mehr bedingungslos zahlen wollen, sind wir wieder die Bösen. Gott sei Dank gibt es noch ein paar andere (EU-) Staaten, die das Spiel durchschaut haben. GR hat viel zu verlieren, wir auch, deshalb sollte GR aus dem Euro und am besten aus der EU scheiden. Nur dann kann es eine halbwegs gesunde Entwicklung geben. Partnerschaften funktionieren nur auf Augenhöhe, im privaten wie im politischen Leben.
4. Stimmt.
shardan 16.07.2015
Vor allem das Vertrauen in die Deutschen als Zahler für alles. Nichts für ungut, aber auf DAS Vertrauen kann ich getrost verzichten. Es ist keine Frage, Merkel und Schäuble haben sich stellenweise wied er Elefant im Porzellanladen verhalten. Oh, Moment, haben Sie? Warum eigentlich? Weil sie klar gesagt haben, was sie von manchen Dingen halten?
5. Sich auf sich selbst besinnen...
politisch_nicht_korrekt 16.07.2015
Meiner Ansicht nach sollten wir in der Tat - da bin ich mit Herrn Augstein einer Meinung - weniger Führung innerhalb Europas beanspruchen und uns mehr auf uns selbst besinnen. Allerdings - und da bin ich dann mit ihm nicht einer Meinung - sollten wir dann eben auch deutlich weniger Geld in andere Länder verschicken und uns auch da mehr auf unsere Belange besinnen. Ganz so wie es die Briten machen, die dann auch noch (von Augstein zitiert) zwar nicht zahlen, aber Deutschland gute Ratschläge erteilen wollen. Der Euro, das zeigt sich immer mehr, hat durch seine Konstruktionsfehler das Gegenteil dessen erreicht, was im Sinne seiner Erfinder war. Er spaltet Europa. Aus meiner Sicht gibt es nur ganz oder gar nicht: entweder zurück zu den Nationalstaaten und die EU deutlich auf die E(W)G früherer Tage reduzieren oder Richtung Bundesstaat Europa. Diese Zwischending hier wird nichts werden, wer soll sich mit diesem - zudem undemokratischen - Murksgebilde identifizieren? Ich nicht!
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  • Die Zukunft schmilzt: 2015 wird das wärmste Jahr aller Zeiten. Wie der Klimawandel die Politik überfordert

    Schulden: Yanis Varoufakis rechnet mit Wolfgang Schäuble ab: Warum der Minister wirklich auf dem Grexit beharrt

    Geld: Reality-Check für das Grundeinkommen in Finnland. Ist das die ersehnte Befreiung?

    Monarchie: Wie die Kanzlerin als demokratische Fürstin auftritt

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