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Eine Kolumne von Jakob Augstein

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Daniel Cohn-Bendit: Versuch, den Cohn-Bendit von damals zu erklären

Auch das noch! Im Fall von Daniel Cohn-Bendit wird die "Aufarbeitung" von '68 und damit auch die sexuelle Revolution um ein neues Kapitel erweitert: Waren die Linken lauter Kinderschänder?

Daniel Cohn-Bendit ist die permanente Revolution in Person. Man kann es darum Andreas Voßkuhle nicht vorwerfen, dass er neulich bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises in Stuttgart lieber nicht dabei sein wollte. Die Idee, eine Lobrede auf einen in Ehren ergrauten Alt-68er ausgerechnet von einem Verfassungsrichter halten zu lassen, kann man mindestens frivol nennen. Voßkuhles Büro begründete die Absage aber damit, dass sich Cohn-Bendit "in nicht unproblematischer Weise zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern" geäußert habe. Nun ist eine Debatte über '68 und die Sexualität entbrannt. Sie ist ein neuerliches Zeichen dafür, wie feige wir mit dem Erbe dieser Revolution umgehen.

Cohn-Bendit, passenderweise gerade 68 Jahre alt, Europäer, Demokrat, Grüner, war auch mal Kindergärtner. Er hat im Jahr 1975 ein Buch über diese Zeit geschrieben, "Der große Basar". Keine große Literatur, wie der Autor selbst als erster einräumt. Da stehen auch diese Sätze: "Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach den Umständen unterschiedlich reagiert, aber ihr Wunsch stellte mich vor Probleme. Ich habe sie gefragt: 'Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewählt und nicht andere Kinder?' Aber wenn sie darauf bestanden, habe ich sie dennoch gestreichelt."

Heute wird einem da übel. Wir lesen in diesen Zeilen nichts mehr von Wilhelm Reich und dem Wunsch nach dem Ende der repressiven Sexualerziehung. Heute sind wir weiter: Wir denken dabei an die inzwischen aufgedeckten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, in der Odenwaldschule, im Canisius-Kolleg, im Kloster Ettal. So ändern sich die Zeiten. Das ist die kulturelle Bedingtheit unseres Blicks. Es ist gefährlich, wenn wir das vergessen.

Der Cohn-Bendit von heute versucht, den Cohn-Bendit von damals zu erklären

Der SPIEGEL hat in seiner aktuellen Ausgabe ein Gespräch mit Cohn-Bendit geführt. Man muss das als ein historisches Dokument sehen. Weil es ein Beispiel dafür ist, wie mühevoll die Verständigung sein kann über den Graben der Zeit hinweg. Der Cohn-Bendit von heute versucht, den Cohn-Bendit von damals zu erklären. Aber das fällt schwer, weil er damals ein anderer war. Wir alle waren andere, zum Glück.

Die Kollegen vom SPIEGEL machen ihre Sache sehr genau. Vor dem Tribunal der zeitgenössischen Moral erscheint der Verdächtige Cohn-Bendit. Unerbittlich aber fair wird er ins Verhör genommen: "Gibt es etwas, das Sie im Nachhinein bereuen, abseits der Frage, dass die losen Reden von damals Sie inzwischen eingeholt haben?" Und Cohn-Bendit weiß, was man von ihm erwartet: "Wenn man die provokatorische Logik meines Textes im 'Großen Basar' weiterdenkt, kann er von Pädophilen zur eigenen Rechtfertigung benutzt werden. In dieser Hinsicht ist das, was ich geschrieben habe, unverantwortlich."

Ja, so ist das mit revolutionären Zeiten. Es geschehen da Dinge, die man in friedlicheren - oder verklemmteren? - Tagen "unverantwortlich" nennen würde.

Niemand sagt, dass Cohn-Bendit einem Kind Gewalt angetan hätte. Es gibt - bislang - auch kein "Opfer", das sich von Cohn-Bendit irgendwie geschädigt fühlen würde. Und dennoch sieht sich der alte Mann zur Rechenschaft gezwungen. Das ist ein trauriges Bild. Man wünscht ihm den Mut, einfach zu rufen: Ihr könnt mich mal! Aber das geht bei diesem Thema nicht. Sex mit Kindern - da hat man eines der wenigen funktionierenden Tabus am Wickel. Dagegen können selbst Steinewerfer und RAF-Sympathisanten, bei entsprechender Reuebekundung, auf Gnade hoffen. Wir Heutigen genießen zwar gerne und buchstäblich die Früchte der sexuellen Revolution. Aber wir empören uns darüber, dass das Thema damals tatsächlich bis in die hintersten Winkel ausgeleuchtet wurde.

Eine Revolution ohne Exzesse gibt es nicht

Mit Blick auf '68 gibt es das, was man auf Englisch einen "Rollback" nennt: eine Art Rück-Abwicklung des bisher Erreichten. Die "Neue Zürcher Zeitung" spricht vom "Sündenregister der Achtundsechziger": "Da hat sich einiges angesammelt: Neben der ambivalenten Stellung zur Gewalt und dubiosen Einlassungen zum Sex mit Minderjährigen gelten die Klassiker Antiamerikanismus und Antizionismus, Antikapitalismus und Technologieskepsis als altlinke Positionen, denen bußfertig abgeschworen werden müsse." Es passt also ganz gut ins Bild, wenn sich die APO-Opas als Kinderfummler erweisen.

Ein kleiner Hinweis an die Spießer von heute: Eine Revolution ohne Exzesse gibt es nicht. Wer das wolle, hat Slavoj Žižek einmal geschrieben, der will die Revolution ohne Revolution. Und das ist ja ein typisch deutscher Wunsch: gerne Veränderung, aber bitte nicht so umwälzend.

Übrigens: Was den Kindersex angeht, ist die Sache in Wahrheit nicht so schwierig. Es gibt eine kindliche Sexualität. Aber sie ist eine Sache der Kinder. Wo Erwachsene sich das zunutze machen, beginnt der Missbrauch. Den gibt es, wie bei vielen Delikten, in schweren und in leichten Fällen. Das ist das eine. Etwas anderes ist es aber, wenn wir heute schon ein besorgtes Gesicht machen, weil wir hören, dass der Sportlehrer den Mädchen beim Kasten-Turnen Hilfestellung gibt.

Welchen Weg Prüderie und Bigotterie nehmen können, sieht man in den USA: In Waco im US-Bundesstaat Texas wurde im Jahr 2006 ein Junge wegen "sexueller Belästigung" von der Vorschule suspendiert. Der Vorwurf lautete, er habe sein Gesicht in die Brüste einer weiblichen Angestellten gerieben. Das Kind war damals vier Jahre alt.

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