S.P.O.N. - Im Zweifel links: Die Schläfer von der AfD
Sie sind gegen den Euro, haben ein Problem mit dem Zulauf von ganz rechts und sind vielleicht wahlentscheidend - wie stark wird die AfD? Mit den Rechten tun sich die Wahlforscher bei der Einschätzung schwer: Denn die Wähler stehen nicht zu ihren Überzeugungen.
Seit Februar gibt es die Alternative für Deutschland (AfD). Was ist seitdem passiert? Ihr Vorsitzender wurde von linken Aktivisten auf dem Podium angegriffen. Die "Bild"-Zeitung rätselte über eine "geheimnisvolle Russin" im Vorstand. Und Ost-Urgestein Vera Lengsfeld nahm die AfD erst in Schutz, was als Unterstützung anzusehen sei, ruderte dann aber brav zurück, nachdem sie von ihren CDU-Parteigenossen gerüffelt worden war.
Eigentlich ist also nicht viel passiert. Dennoch stellt die AfD die einzige echte Unbekannte dieser Bundestagswahl dar. Denn ihre Wähler sind buchstäblich unberechenbar. Wenn die Populisten es in den Bundestag schaffen, kippt die deutsche Politikarithmetik.
Bernd Lucke, AfD:
- Der 51-jährige Ökonom fand erst spät zur aktiven Politik. Er gehörte 2005 zu den Initiatoren des "Hamburger Appells", in dem zahlreiche Wirtschaftswissenschaftler die Senkung der Arbeitskosten forderten. In der Euro-Krise protestierte er öffentlich gegen den Kurs der Bundesregierung. Anfang 2013 gründete er gemeinsam mit Mitstreitern die Partei Alternative für Deutschland. Ziel ist die Rückkehr zu nationalen Währungen.
Konrad Adam, früher Journalist bei "FAZ" und "Welt", heute einer der AfD-Sprecher, glaubt an eine neue "Schweigespirale". Elisabeth Noelle-Neumann hatte sich das schöne Wort in den siebziger Jahren ausgedacht. Sie war die Lieblingsdemoskopin der Konservativen, und es war eine tolle Erklärung dafür, warum die SPD den Kanzler stellen konnte, obwohl die Bundesrepublik doch der CDU gehörte. Antwort: Die Journalisten sind schuld. Erst dreht die veröffentlichte Meinung nach links, dann hält die sogenannte "Isolationsfurcht" die Leute davon ab, bei Umfragen zu ihren Überzeugungen zu stehen, und am Ende wird aus der konservativen Mehrheit plötzlich eine Minderheit, weil die Leute ihr Wahlverhalten den Umfragen anpassen.
Mit Empirie hatte das sehr wenig zu tun, mit Ideologie dafür sehr viel - aber immerhin konnten sich die schockierten Konservativen so über den Machtverlust hinwegtrösten. Heute hoffen die AfD-Funktionäre, dass ein solcher Schweigemechanismus ihre Sympathisanten vom Outing abhält.
Tatsächlich: Wer Ansichten zuneigt, die sich zumindest in die Nähe des Rechtspopulismus begeben, behält das lieber für sich. Bei den Wahlumfragen sagen solche Leute meistens entweder nicht die Wahrheit, oder sie reden gar nicht mit den Wahlforschern. "Weil wir in deren Augen zur Manipulationsmaschine aus Politik und Medien dazu gehören", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner. Das hat es schon einmal gegeben: 1996 kamen die inzwischen vergessenen Republikaner in Baden-Württemberg auf mehr als neun Prozent und zogen damit nach 1992 erneut in den Landtag ein - und kein Demoskop hatte das vorhergesehen.
Totgeschwiegen wird die AfD durchaus nicht. Lucke, Professor für Makroökonomie aus Hamburg und lächelndes Gesicht seiner Partei, hat Interviews in der "Welt", der "FAZ" und im "Handelsblatt" gegeben, und durfte sich im SPIEGEL mit Sahra Wagenknecht über Wege aus der Euro-Krise streiten.
Grundlos hat Vera Lengsfeld in den Schmuddelecken des Internets darüber geschimpft, dass die "zwangsfinanzierten Staatsfunker" von ARD und ZDF im Kampf gegen die Euro-Kritiker "zur schärfsten Keule greifen" müssen, "die man derzeit gegen Andersdenkende einsetzt: der Vorwurf des Rechtsextremismus oder Rechtspopulismus." Da hört man das Murren der Vergessenen, den eigentlichen Unterton der AfD-Leute, die es sich mit ihren Vorurteilen im selbstgerechten Schmollwinkel gemütlich gemacht haben und immerzu finden "Das wird man ja noch sagen dürfen" - dabei aber selber so wenig zu sagen haben.
In Wahrheit sollte die Anti-Euro-Partei dafür dankbar sein, dass ihre eher wirren Seiten in der Öffentlichkeit nicht noch weiter ausgebreitet werden. Ein AfD-Wahlkämpfer in Essen macht auf einem auf Facebook veröffentlichten Plakat aggressive Stimmung gegen Links: "Stoppt den Strassenterror! Antifa Verbot!" Angesichts der AfD-Ideen zur Bildungspolitik fühlt sich die "FAZ" an das CDU-Programm von 1965 erinnert. Und Alexander Gauland, einst Staatssekretär beim hessischen Alt-Konservativen Walter Wallmann, findet, die deutsche Außenpolitik solle sich an Bismarck orientieren - wörtlich spricht er von "Bismarckscher Gelassenheit".
Kurz zur Erinnerung: Wenn die AfD in den Bundestag gelangt, wird es für Schwarz-Gelb nicht reichen. Dann bekommt Deutschland eine Große Koalition. Das ist nicht die Schuld der AfD, sondern die der SPD. Weil sie sich gegen Rot-Rot-Grün ausgesprochen hat.
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Jakob Augstein, Jahrgang 1967, ist seit 2008 Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag". Augstein hat vorher für die "Süddeutsche Zeitung" und die "Zeit" gearbeitet. "Der Freitag" steht für kritischen Journalismus aus Politik, Kultur und Gesellschaft. Er experimentiert mit neuen Formen der Leserbeteiligung und der Verknüpfung von Netz und Print. Die Gestaltung des Layouts vom "Freitag" wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem durch den Art Directors Club, die Lead Awards, den European Newspaper Award und die Society for News Design.- Homepage "Der Freitag"
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