S.P.O.N. - Im Zweifel links Die Schläfer von der AfD

Sie sind gegen den Euro, haben ein Problem mit dem Zulauf von ganz rechts und sind vielleicht wahlentscheidend - wie stark wird die AfD? Mit den Rechten tun sich die Wahlforscher bei der Einschätzung schwer: Denn die Wähler stehen nicht zu ihren Überzeugungen.

AfD-Chef Lucke: Die Rechten sind schwer zu berechnen
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AfD-Chef Lucke: Die Rechten sind schwer zu berechnen

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Seit Februar gibt es die Alternative für Deutschland (AfD). Was ist seitdem passiert? Ihr Vorsitzender wurde von linken Aktivisten auf dem Podium angegriffen. Die "Bild"-Zeitung rätselte über eine "geheimnisvolle Russin" im Vorstand. Und Ost-Urgestein Vera Lengsfeld nahm die AfD erst in Schutz, was als Unterstützung anzusehen sei, ruderte dann aber brav zurück, nachdem sie von ihren CDU-Parteigenossen gerüffelt worden war.

Eigentlich ist also nicht viel passiert. Dennoch stellt die AfD die einzige echte Unbekannte dieser Bundestagswahl dar. Denn ihre Wähler sind buchstäblich unberechenbar. Wenn die Populisten es in den Bundestag schaffen, kippt die deutsche Politikarithmetik.

In den Umfragen liegt die AfD bei bis zu vier Prozent. Es können aber auch fünf Prozent werden, oder noch mehr: AfD-Chef Bernd Lucke wittert schon Morgenluft: Er sieht sich "vielleicht auch nahe am zweistelligen Bereich". Die Euro-Kritiker sind schwer zu berechnen. Woran liegt das?

Konrad Adam, früher Journalist bei "FAZ" und "Welt", heute einer der AfD-Sprecher, glaubt an eine neue "Schweigespirale". Elisabeth Noelle-Neumann hatte sich das schöne Wort in den siebziger Jahren ausgedacht. Sie war die Lieblingsdemoskopin der Konservativen, und es war eine tolle Erklärung dafür, warum die SPD den Kanzler stellen konnte, obwohl die Bundesrepublik doch der CDU gehörte. Antwort: Die Journalisten sind schuld. Erst dreht die veröffentlichte Meinung nach links, dann hält die sogenannte "Isolationsfurcht" die Leute davon ab, bei Umfragen zu ihren Überzeugungen zu stehen, und am Ende wird aus der konservativen Mehrheit plötzlich eine Minderheit, weil die Leute ihr Wahlverhalten den Umfragen anpassen.

Mit Empirie hatte das sehr wenig zu tun, mit Ideologie dafür sehr viel - aber immerhin konnten sich die schockierten Konservativen so über den Machtverlust hinwegtrösten. Heute hoffen die AfD-Funktionäre, dass ein solcher Schweigemechanismus ihre Sympathisanten vom Outing abhält.

Tatsächlich: Wer Ansichten zuneigt, die sich zumindest in die Nähe des Rechtspopulismus begeben, behält das lieber für sich. Bei den Wahlumfragen sagen solche Leute meistens entweder nicht die Wahrheit, oder sie reden gar nicht mit den Wahlforschern. "Weil wir in deren Augen zur Manipulationsmaschine aus Politik und Medien dazu gehören", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner. Das hat es schon einmal gegeben: 1996 kamen die inzwischen vergessenen Republikaner in Baden-Württemberg auf mehr als neun Prozent und zogen damit nach 1992 erneut in den Landtag ein - und kein Demoskop hatte das vorhergesehen.

Totgeschwiegen wird die AfD durchaus nicht. Lucke, Professor für Makroökonomie aus Hamburg und lächelndes Gesicht seiner Partei, hat Interviews in der "Welt", der "FAZ" und im "Handelsblatt" gegeben, und durfte sich im SPIEGEL mit Sahra Wagenknecht über Wege aus der Euro-Krise streiten.

Grundlos hat Vera Lengsfeld in den Schmuddelecken des Internets darüber geschimpft, dass die "zwangsfinanzierten Staatsfunker" von ARD und ZDF im Kampf gegen die Euro-Kritiker "zur schärfsten Keule greifen" müssen, "die man derzeit gegen Andersdenkende einsetzt: der Vorwurf des Rechtsextremismus oder Rechtspopulismus." Da hört man das Murren der Vergessenen, den eigentlichen Unterton der AfD-Leute, die es sich mit ihren Vorurteilen im selbstgerechten Schmollwinkel gemütlich gemacht haben und immerzu finden "Das wird man ja noch sagen dürfen" - dabei aber selber so wenig zu sagen haben.

In Wahrheit sollte die Anti-Euro-Partei dafür dankbar sein, dass ihre eher wirren Seiten in der Öffentlichkeit nicht noch weiter ausgebreitet werden. Ein AfD-Wahlkämpfer in Essen macht auf einem auf Facebook veröffentlichten Plakat aggressive Stimmung gegen Links: "Stoppt den Strassenterror! Antifa Verbot!" Angesichts der AfD-Ideen zur Bildungspolitik fühlt sich die "FAZ" an das CDU-Programm von 1965 erinnert. Und Alexander Gauland, einst Staatssekretär beim hessischen Alt-Konservativen Walter Wallmann, findet, die deutsche Außenpolitik solle sich an Bismarck orientieren - wörtlich spricht er von "Bismarckscher Gelassenheit".

Kurz zur Erinnerung: Wenn die AfD in den Bundestag gelangt, wird es für Schwarz-Gelb nicht reichen. Dann bekommt Deutschland eine Große Koalition. Das ist nicht die Schuld der AfD, sondern die der SPD. Weil sie sich gegen Rot-Rot-Grün ausgesprochen hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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EvilGenius 16.09.2013
1. AfD
Mir egal ob rechts oder links, sie sind gegen den Euro und so eine Partei brauchen wir im Parlament.
fs01 16.09.2013
2. Fs01
Ganz armselig, die Achse des Guten als "Schmuddelecke des Internet" zu diffamieren.
boingdil 16.09.2013
3. Mal Zustimmung für Augstein
Wow - hätte nicht gedacht, dass ich Augstein mal zustimmen werden. Im Kern konnten sich die Konservativen immer darauf verlassen, dass sich die Linken in Streitigkeiten untereinander zerfleischen, während das rechte Lager geeint zu seinen Flaggen eilt. Stimmt auch meistens, nur ab und an gibt es Gemurre, das das Bild stört. Das sind meistens vorübergehende Erscheinungen - siehe Republikaner - aber es könnte Schwarz-Gelb das Überleben kosten. Die AfD wird, selbst bei Einzug in den Bundestag, nicht mehr als eine Legislaturperiode schaffen. Dafür sind sie zu krude, selbst bei ihrem Haupt- nein, eigentlich einzigen Thema Euro-Abschaffung haben sie keine abgestimmte Meinung zum wie. Die AfD taugt also nur als Königsmörder - beziehungsweise Wegbereiter der großen Kotze - äh Koalition.
mhjduerr 16.09.2013
4. Wenn die AfD in den Bundestag einzieht...
...wird Rot-Rot-Gün es auf jeden Fall unmöglich und ein großer Teil der Bevölkerung sieht sich wieder im Bundestag representiert!
Kritischer_Geist 16.09.2013
5. Große Koalition nur ein Zwischenschritt
Das Schreckgespenst der Großen Koalition sollte niemanden abhalten, AfD zu wählen. Auch in der Union gibt es viele, die mit dem Euro-Kurs nicht einverstanden sind. Je stärker die AfD wird, desto mehr muss ich die Union auch in diese Richtung orientieren. Und man sollte bei der derzeitigen Entwicklung im Hinterkopf haben, dass bald Neuwahlen folgen könnten. Aus diesen eventuellen Neuwahlen wird die AfD noch stärker hervorgehen, weil sie dann zwischenzeitlich die Medienaufmerksamkeit hatte - sofern sie am 22.09. ins Parlament gewählt wurde.
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