S.P.O.N. - Im Zweifel links Dümmer als die "Scharia-Polizei" erlaubt

Was für ein Erfolg! Sogar die Kanzlerin hat sich mit den Wirrköpfen von Wuppertal in ihren Warnwesten beschäftigt. Wer hätte das gedacht? Je dümmer die Provokation, desto eher fallen wir darauf herein.

Eine Kolumne von


Vorsicht! Islamismus immer schlimmer! Männer in orangefarbenen Warnwesten streifen durch deutsche Innenstädte: Die "Scharia-Polizei" auf Streife. Türkische Ladenbesitzer verstecken den Raki unter dem Tresen. Deutsche Männer kleben sich dunkle Schnurrbärte ins Gesicht, blonde Frauen rätseln: Kann ich mein Arschgeweih auch unter der Burka tragen? Und die Innenpolitiker aller Bundesländer vereinigen sich im Kampf gegen islamistische Strömungen, die "ihr Gift in unsere Gesellschaft einträufeln", wie Bayerns Innenminister Joachim Herrmann formulierte. Früher eröffnete der Papst eine Boutique in Wuppertal - heute der Imam. Man sieht, die Lage ist ernst - oder?

Immerhin hat die Kanzlerin persönlich das Wort ergriffen. Angela Merkel redet bekanntlich nicht viel. Umso bedeutsamer, wenn sie ihr Schweigen bricht. "Es gibt ein Gewaltmonopol des Staats", sagte Merkel: "Niemand anders ist befugt, sich in die Rolle der Polizei hineinzuschleichen und deshalb muss hier den Anfängen gewehrt werden." Die Anfänge! Großes Wort. In Wahrheit handelt es sich um eine Handvoll Männer in orangefarbenen Westen mit dem Aufdruck "Sharia Police", die die Wuppertaler Neumarktstraße auf und ab liefen. Der polizeiliche Zugriff erfolgte sofort. Ermittlungen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz wurden eingeleitet. Viel mehr wird man den Leuten nicht vorwerfen können.

Aber weil wir ja den Anfängen wehren wollen, sprach der Justizminister der Bundesrepublik Deutschland gleich von einem "Anschlag auf unser freies Lebensmodell", der Unionsfraktionschef Volker Kauder forderte ein Verbot der islamistischen Tugendwächter und Bayerns Innenminister... aber den hatten wir schon. Und dann noch die Kanzlerin!

Das nennt man eine geglückte Provokation. Und ein gutes Geschäft für Provokateure und Provozierte gleichermaßen: Bessere Werbung wurde für den Salafismus in Deutschland nie gemacht. Und billiger als durch das Schüren antiislamischer Ängste ist politische Zustimmung in Deutschland zurzeit nicht zu haben. Eine Win-win-Situation. Der Verlierer ist: die Vernunft.

"Zwangsheiraten, Ehrenmorde, Burka, Scharia, Parallelgesellschaft, Antisemitismus? Das hören Integrationsbeauftragte gar nicht gern, denn es stört ihre Willkommenskultur", schrieb die "FAZ" im Sommer und kam zum Fazit: "Es gibt Einwanderer, die nicht willkommen sind." Richtig! Für eine Menge von Deutschen gilt das auch. Der Kampf gegen den deutschen Islamismus ist der Kampf gegen Parallelgesellschaften? Da gibt es viel zu tun. Wer mal auf einem Brandenburger FKK-Campingplatz war, weiß wovon die Rede ist. Und Bayern-Minister Herrmann ist ohnehin Parallel-Experte. Denn, mal im Ernst, wer weiß schon genau, was im Katholischen Männerverein in Soundsohausen vor sich geht?

Es soll Leute geben, die freiwillig in der SPD bleiben

Merkel hat recht: Der Staat hat das Gewaltmonopol. Aber ein Justiz-Monopol in dem Sinne, dass der Staat für die Schlichtung aller Streitfälle zuständig ist, hat er nicht. Andauernd unterwerfen sich Menschen freiwillig irgendwelchen Regeln, für die der Staat nicht zuständig ist, in Kirchen, Parteien, Vereinen. Es soll sogar Leute geben, die freiwillig in der SPD bleiben.

Was den Realismus unserer Risikoeinschätzung angeht, hat der Journalist Harald Martenstein schon vor Jahren geschrieben: "Das statistische Risiko, in einem Land der westlichen Welt an einer Terroristenbombe zu sterben, ist geringer als das Risiko, beim oder besser nach dem Verschlucken eines Kugelschreiberteilchens zu ersticken." Tatsächlich sterben nämlich jedes Jahr in Deutschland ungefähr 300 Menschen an Kugelschreiberteilen. Wenn es nur um die Toten geht, wäre der Kampf gegen Kugelschreiber aus deutscher Sicht deutlich lohnender als der Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Vielleicht ein Thema für die Kanzlerin?

"Die Fähigkeit, zu verstehen, dass die eigene Lebensform, Kultur oder Religion nicht die einzig mögliche ist, und die Begrenztheit des eigenen Sinnsystems zu realisieren, ist eine der höchsten Errungenschaften der Menschheit, ist nie selbstverständlich und muss durch ständiges Zivilisationstraining aufrechterhalten werden: Sie kann leicht verschwinden." Das stammt vom israelischen Philosophen und Psychologen Carlo Strenger. Ein bisschen Zivilisationstraining könnte sowohl den wirren Salafisten als auch den hysterischen Politikern nicht schaden.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.