S.P.O.N. - Im Zweifel links Was der Papst schon immer über Sex wissen wollte

Die katholische Kirche befragt ihre Gläubigen zur Sexualmoral. Was soll das denn? Sex und Christentum widersprechen sich seit 2000 Jahren - geschadet hat es beiden nicht. Bloß keine Synthese!

Eine Kolumne von

Deutsche Bischofskonferenz (in Fulda): Seit 2000 Jahren eine sexfeindliche Religion
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Deutsche Bischofskonferenz (in Fulda): Seit 2000 Jahren eine sexfeindliche Religion


Bei Matthäus heißt es: "Suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan." Da steht nicht: Fragt, so werdet ihr Antwort bekommen - aber sie wird euch nicht gefallen. Diese Erfahrung macht die katholische Kirche gerade, die von ihren Gläubigen wissen wollte, was sie von der kirchlichen Sexualmoral halten. Das Ergebnis - nichts - ist weniger überraschend als die Tatsache der Umfrage selbst, über die der neue SPIEGEL berichtet. Was soll das? Das Christentum ist seit 2000 Jahren eine sexfeindliche Religion - geschadet hat das dem Abendland nicht. Wo wären wir ohne unsere Scheinheiligkeit?

Alles, was der Papst schon immer über Sex wissen wollte, wird er jetzt erfahren. Die katholische Kirche macht auf SPD und führt eine Mitgliederbefragung durch. In einer Umfrage waren die Gläubigen in aller Welt aufgerufen, sich zu den Moralvorschriften ihrer Religion zu äußern: vom Familienbild bis zur Sexualmoral. Die Ergebnisse werden in Rom gesammelt und analysiert, im Herbst will Papst Franziskus mit seinen Bischöfen auf einer außerordentlichen Synode darüber beraten. Schockstarre in der Kurie?

"Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn." Das steht bei Markus. Aber das ist natürlich ganz anders gemeint, als die Jugendlichen es im Religionsunterricht heutzutage verstehen. Nirgends ist die Kluft zwischen kirchlicher Lehre und echtem Leben so tief wie beim Sex: Egal, ob es um Verhütung geht, um außerehelichen Geschlechtsverkehr oder um Homosexualität - wo gilt noch die katholische Sexualmoral, außer in Iran und im Bibelgürtel der USA?

Berlusconi des Heiligen Stuhls

Das ist keine neue Entwicklung. Papst Gregor I. erstellte zwar schon vor gut 1400 Jahren einen strengen Strafkatalog für die Sünden wider das Fleisch, und die Männer der Kirche achteten auch streng auf Einhaltung - aber nur bei den anderen. Die längste Zeit seit Christi Himmelfahrt hielt sich der katholische Klerus selbst nicht an seine Regeln. Papst Alexander VI. ließ sich zur Steigerung der religiösen Ekstase römische Freudenmädchen kommen, um ihnen seinen Petersdom zu zeigen. Dieser Berlusconi des Heiligen Stuhls war nur eine besonders krasse Variante der üblichen religiösen Bigotterie: öffentlich gegen den Sex wettern, den man mehr oder weniger heimlich treibt. Erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Macht der Kirche allmählich schwand, begann sich die Kluft zwischen Wort und Wirklichkeit zu schließen - ganz geschlossen ist sie nicht, daran erinnern die Missbrauchsskandale.

Am Anfang tat sich das Christentum mit der Sexualmoral noch nicht so schwer. Im ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus: "Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich bin" - also züchtig und zölibatär - "aber", fährt der Apostel fort: "jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so." Da war noch ein Spielraum, den der Kirchenvater Augustinus dreihundert Jahre später schloss. Er erfand die Idee von der Erbsünde, die sich seit Adam von Mensch zu Mensch überträgt wie eine Geschlechtskrankheit. Eine "Logik des Schreckens" nennt der Philosophiehistoriker Kurt Flasch diese Lehre, die das Christentum so stark geprägt hat wie kaum eine andere.

Augustinus hatte in seinen jungen Jahren die "Dornen der Lust" selber ausgiebig kennengelernt. Mit bitterem Spott denkt er in seinen "Bekenntnissen" daran zurück. Da erinnert sich der alte Mann, wie er als Jüngling den Herren im Himmel gebeten habe: "Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, doch nicht sogleich."

Augustinus machte die Religion zum Instrument der Bewältigung der eigenen sexuellen Obsessionen - und Kirche und Abendland haben sich damit hervorragend eingerichtet: Triebkontrolle als Bedingung der Zivilisation, das hat ziemlich gut funktioniert. Die Zisterzienser-Mönche fingen vor fast tausend Jahren gezielt damit an, die Energie des Eros in die Arbeit umzuleiten. Sie verzichteten nicht auf Ehe und Sex, um sich der Lust der Askese hinzugeben, sondern der Liebe Gottes in der tätigen Leistung. Die Jesuiten perfektionierten das Prinzip später und der protestantisch geprägte Kapitalismus lebt überhaupt nur davon. Sublimierung heißt das bei Freud.

Aber irgendwie kümmert das die heutigen Gläubigen gar nicht mehr. Mit Blick auf die Untersuchungsergebnisse spricht der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann von "einer unglücklichen, fatalen Situation". Die Modernisierung steht vor den Toren Roms. Vielleicht sollte sich der Papst an den Pastorensohn Gottfried Benn erinnern, und an dessen Lob des Doppellebens: "Wir alle leben etwas anderes als wir sind. Wer Synthese sagt, ist schon gebrochen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 220 Beiträge
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Seite 1
Fassungsloser 27.01.2014
1.
Augstein übersieht, dass es das Christentum war, dass die in der Spätantike beliebte Strömung der Gnosis auch deswegen abgelehnt und bekämpft hat, weil die Gnosis von einem radikalen Dualismus zwischen Seele und Körper ausging und darauf angelegt war, die Seel vom als unrein empfundenen Körper zu befreien um zu einem höheren Stadium der Existenz zu gelangen. Das Christentum lehnte das ab, gerade weil es sich zur Leiblichkeit bekannte. Es war also gerade nicht sexualfeindlich, auch Gegner der Ehe (darunter auch die Gnostiker, aber auch andere Gruppen) wurden ebenfalls abgelehnt. Es ist eben nicht ganz so einfach, wie sich der Herr Augstein das so vorstellt und simple Konzepte wie moralische Regeln und "-feindlichkeit" einfach gleichzusetzen, werden der Sache nicht gerecht. Vielleicht war das auch nicht die Absicht. Wäre typisch für dieses Medium.
caecilia_metella 27.01.2014
2. Hmmm ...
"Nirgends ist die Kluft zwischen kirchlicher Lehre und echtem Leben so tief wie beim Sex: egal ob es um Verhütung geht, um außerehelichen Geschlechtsverkehr oder um Homosexualität - wo gilt noch die die katholische Sexualmoral, außer im Iran und im Bibelgürtel der USA?" Mir fallen spontan mehrere Menschen in Deutschland ein, die über solche Themen zwar auch reden, daneben aber viele andere interessante Themen kennen.
grauegans 27.01.2014
3. optional
Zitat von sysopDPADie katholische Kirche befragt ihre Gläubigen zur Sexualmoral. Was soll das denn? Sex und Christentum widersprechen sich seit 2000 Jahren - geschadet hat es beiden nicht. Bloß keine Synthese! Jakob Augstein über die scheinheilige Sexualmoral im Vatikan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-die-scheinheilige-sexualmoral-im-vatikan-a-945708.html)
Deschner-Das Kreuz mit der Kirche.
goldring 27.01.2014
4. ich empfehle in diesem Zusammenhang
das Buch "Sexualgeschichte des Christentums" von K. H. Deschner.
ukma 27.01.2014
5. Wen kümmerts?
Die Kirche hat auf dem gebiet einfach versagt. früher hat vielleicht nur der papst gewusst, dass das was er da predigt an den haaren herbeigezogener humbug ist aber heute danke der Aufklärung verliert die kirche zum glück mehr und mehr an einfluss vorallem auch auf unser Privatleben, denn die letzten Menschen die es was angeht was ich mit wem im bett mache ist dieser heuchlerverein.
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