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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Wie feige sind die Deutschen?

Eine Kolumne von

Bundeswehr vor Nato-Manöver: Beistandspflicht? Das deutsche Volk pfeift drauf! Zur Großansicht
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Bundeswehr vor Nato-Manöver: Beistandspflicht? Das deutsche Volk pfeift drauf!

Eine US-Studie enthüllt: Die Deutschen misstrauen der Nato und wollen nicht gegen Russland kämpfen. Ist das ein Zeichen von Feigheit - oder von Vernunft?

Das sieht nicht gut aus: Eine amerikanische Studie hat herausgefunden, dass die Deutschen eine Bande von wortbrüchigen Feiglingen sind. Wenn Russland, sagen wir, das Baltikum angreift oder Polen, würde eine Mehrheit von 58 Prozent es ablehnen, dem Angegriffenen militärisch zu Hilfe zu kommen. Artikel 5 des Nato-Vertrags bestimmt die Verpflichtung zum Beistand? Die Deutschen pfeifen drauf! Selbst Italien bringt mehr Bündnistreue auf. Was ist nur mit den Deutschen los? Vielleicht haben ihnen zwei verlorene Weltkriege den Mumm aus den Knochen gesogen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass eine Mehrheit der Leute die Mär vom bösen Russen nicht mehr hören mag, die Politik und Medien ihnen unablässig einbläuen.

Auf Besuch in Tallinn hat Barack Obama gesagt, wenn sich die Menschen in Estland und den anderen baltischen Staaten heute fragten: "Wer wird uns zu Hilfe kommen?", dann sei die Antwort eindeutig: "Die Nato-Truppen und die Soldaten der Vereinigten Staaten. Hier und jetzt. Wir werden da sein für Estland. Wir werden da sein für Litauen. Wir werden da sein für Lettland. Ihr habt eure Unabhängigkeit schon einmal verloren. Mit der Nato im Rücken werdet ihr sie nie wieder verlieren."

Das war nett. Aber nicht ganz richtig. Jedenfalls, wenn es nach den Leuten in den Nato-Ländern ginge. Und das sollte es in der lebenswichtigen Frage von Krieg und Frieden in einer Demokratie doch. Artikel 5 des Nato-Vertrags sagt: "Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird." Jetzt hat das Pew Research Center festgestellt, dass nur Kanadier und Amerikaner sich ihrer Bündnispflicht bewusst sind. Selbst in Großbritannien gibt es dafür keine Mehrheit. In Frankreich und Deutschland ist eine klare Mehrheit dagegen.

"Mit den letzten Freunden den schönen Tod der Helden sterben"

Frage: Wie viel Gänge hat ein italienischer Panzer? Antwort: Sechs. Einen für Vorwärts, fünf für Rückwärts. Solche Witze waren früher. Heute sind die Italiener zuverlässigere - sagen wir ruhig: Kameraden als die Deutschen. "Im Schatten einer Wodanseiche auf einem Grenzstein mit den letzten Freunden den schönen Tod der Helden sterben." So beschreibt Hermann der Cherusker bei Kleist den süßen Traum des Soldaten. Lange her. Der postheroische Deutsche geht lieber den vom Philosophen Sloterdijk spöttisch bezeichneten Weg: "der sozialen Endformel entgegen: Urlaub, Umverteilung, Adipositas".

Die Demilitarisierung Deutschlands war das größte - und notwendigste - Zivilisierungsprojekt des 20. Jahrhunderts. Sie ist vollständig geglückt. Man muss schon suchen, wenn man in der Öffentlichkeit noch ein Echo des alten Preußen-Militarismus aufstöbern will. In Springers "Welt", ehemals Fachblatt für Landser und Vertriebene, wird man hin und wieder fündig. Zum Beispiel wenn ein Generalleutnant a. D. dort "die ohne persönliche Schuld gebliebene Mehrheit der Soldaten der Wehrmacht und Waffen-SS" lobt und ins Schwärmen gerät über ihr "soldatisches Können, ihre Tapferkeit und Kameradschaft".

Aber ihre komischen Ideale können sich die Soldaten in die Haare schmieren. Niemand, der halbwegs alle beisammen hat - und über die Wahl verfügt -, will in Deutschland noch Karriere beim Militär machen. Zum Bund geht man nur dort, wo sonst nichts geht: im Osten. Nach der Aussetzung der Wehrpflicht hat Bundeswehrprofessor Michael Wolffsohn es ungewöhnlich deutlich auf den Punkt gebracht: "Unsere Bundeswehr ist eine ossifizierte Unterschichtenarmee."

Das ist - aus Sicht der Nato - besonders misslich, denn gerade im deutschen Osten verfängt die offizielle Linie gar nicht, die Medien und Politik verbreiten: der Russe ist an allem Schuld. Im Osten, auch das zeigt nämlich die Pew-Umfrage, haben noch 40 Prozent der Leute Vertrauen in Putin, mehr als ein Drittel hat ein positives Bild von Russland, und viel weniger als im Westen glauben, dass die Russen eine militärische Bedrohung darstellen.

Was würde Adolf Heusinger dazu sagen? Der erste Generalinspekteur der Bundeswehr hatte in den frühen Fünfzigerjahren die Order ausgegeben: "Wir müssen einen Soldaten entwickeln, der dem Russen gewachsen ist, und deswegen muss der zukünftige Soldat erstens geistig aus der Notwendigkeit der Aufgabe, vor die er gestellt ist, überzeugt sein. Er muss zweitens hart erzogen sein, um der Härte des Ostens entgegentreten zu können. Er muss verantwortungsbewusst sein, und dieses Verantwortungsbewusstsein muss aus der Entwicklung der freien Persönlichkeit herkommen. Und letzten Endes muss er gehorsam sein."

Das ist ja gründlich schiefgegangen. Zum Glück.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 715 Beiträge
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1.
Wofgang 11.06.2015
Das kommt davon, wen man als Kriegsgrund gefakte Beweise vorlegt und unliebsame Menschen in Gefängnisse ohne rechtsstaatliche Grundlage steckt. Unliebsame Menschen foltert, so lange und wie man möchte und wie es einem gefällt. Wer möchte da Seit an Seit marschieren? Außerdem tun gerade wir Deutsche mit unserer Vergangenheit gut daran, nicht gleich loszumarschieren. Ich habe noch 15 Monate Grundwehrdienst gemacht und mir war sehr klar, so mancher durchgeknallte Vorgesetzte muss als Erster dem friendly fire zum Opfer fallen muss, damit die Truppe auch nur einen Hauch einer Chance hat, in einem Krieg zu bestehen.
2. dieser
ambulans 11.06.2015
obama ist aber auch ein schlingel, fast schon ein typisch jesuitisch-casuistischer rechtsverdreher: "NATO-truppen und die soldaten der USA werden euch zur seite stehen"(?). tja, wie mans nimmt: damals, zwischen '45 und '49, hätten sich polen, tschechen, ungarn, ukrainer(?), usw. garantiert über sowas schon gefreut - aber da gabs ja noch keine NATO ... dr. ambulans (alle kassen)
3. Fazit
wanenheim 11.06.2015
Das Schlimmste sind die richtigen Erkenntnisse von Sloterdijk und Wolffsohn. Unsere Gesellschaft muß um ihrer selbst Willen wehrhaft sein - sonst haben wir es nicht anders verdient, als mit unserer Gesellschaft ein weiteres Mal unter zu gehen.
4. Zeichen von Vernunft
pascal3er2 11.06.2015
Hat mit Feigheit nichts zu tun. Jeder sollte eigendlich wissen, das Amerika der Kriegshetzer der letzten 50 Jahre ist. Irak-Lüge ist jedem noch ein Begriff. Und trotzdem werden 50% der Armee gegen Russland kämpfen wenn es losgehen sollte. Herraus kommt dann aber eher ein Bürgerkrieg. Russland wird wie auf der Krim in Deutschland problemlos einziehen können. Angst vor dem Osten haben ist schwachsinn. Wenn Deutschland Österreich will, holt sich D. Österreich. Wenn Russland Estland wollen würde, holt sich Russland Estland. Warum? Ganz einfach. Der eine ist millitärisch stark der andere schwach. Wenn Amerika überwachen will, überwacht Amerika einfach. Warum, Amerika starke Armee , Deutschland schwache Armee. Voll einfach zu verstehen. Daher brauchen wir keine Armee. Gegen Russland und Amerika würden wir sowieso immer verlieren. Deshalb raus aus der dummen Nato. Laut dem Artikel will die Mehrheit die Nato ja auch nicht mehr. Und mal ganz ehrlich - Wenn intressiert Estland? Was kann ich dafür wenn die sich mit Putin nicht verstehen?
5. das ist ja mal eine Analyse!
fmerk 11.06.2015
"Niemand, der halbwegs alle beisammen hat - und über die Wahl verfügt -, will in Deutschland noch Karriere beim Militär machen" - das ist an Arroganz und Verantwortungslosigkeit nicht zu überbieten! Dass die Mär vom bösen Russen niemand glaubt, der noch alle beisammen hat in der fähig ist, die letzten 30 Jahre in der Welt genau zu analysieren, das unterstütze ich auch. Aber die Armee so zu verunglimpfen, in der Männer für eine so US-gesteuerte Weltpolitik ihr Leben lassen - das ist sicher komplett daneben! Herr Augstein: Was für ein Land wollen Sie eigentlich? Wollen Sie eine völlig verweichlichte Anarchie, in der jeder machen kann was er will? Gern auch auf Kosten anderer? Ein Land, in dem keine Regeln mehr einzuhalten sind und keiner für irgendwas Verantwortung übernehmen will? Ich sage Ihnen was: Ich schäme mich zunehmend für die Feigheit und Bequemlichkeit in diesem Land, die zunehmend nervig aus den Wohlstandssesseln aller Welt um die Ohren getrötet werden! Und: Die immer mehr missbraucht werden!
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