S.P.O.N. - Im Zweifel links Volle Taschen, leere Taschen

Nach Weihnachten haben die einen die Taschen voller Geschenke, die anderen nicht. Was aber sagen die Philosophen zum Überfluss? Er sei den Reichen gegönnt, hieß es schon anno 1751, müsse aber auch der Allgemeinheit dienen.

Eine Kolumne von


Luxus? "Das ist der Gebrauch, den man vom Reichtum und Gewerbe macht, um sich ein angenehmes Dasein zu verschaffen." So nüchtern beginnt der Enzyklopädist und Philosoph Jean-François de Saint-Lambert seinen Eintrag zum Luxus, den er für die berühmte Enzyklopädie verfasste, diesem Jahrtausendwerk von Denis Diderot und Jean-Baptiste Le Rond d'Alembert. Dreißig Seiten später endet der aristokratische Offizier, Dichter und Philosoph, mit ein paar Gedanken zu Eigentum, Reichtum und gesellschaftlicher Verpflichtung, die man heute wohl linksliberal nennen würde. Das war im Jahr 1751, fast 40 Jahre vor der französischen Revolution und gut hundert vor dem Kommunistischen Manifest.

Am Grunde des Luxus, sagt Saint-Lambert, liege immer die Unzufriedenheit. Es ist der "Wunsch nach einem besseren Leben", der die Menschen dazu bringe, nach Reichtum zu streben. "Deshalb gibt es Luxus in allen Staaten, in allen Gesellschaften: Der Wilde hat seine Hängematte, die er für Tierfelle kauft; der Europäer hat sein Sofa, sein Bett; unsere Frauen legen rote Schminke auf und Brillanten an; die Frauen in Florida legen blaue Schminke auf und Glasperlen an."

Die Devise der Enzyklopädisten lautete: "Kein Pardon für Abergläubische, Fanatiker, Unwissende, Narren, Bösewichter und Tyrannen." Wer einen Verstand hatte, war eingeladen, sich seiner zu bedienen. Saint-Lambert, Offizier und Großmeister der herzoglichen Garderobe am letzten lothringischen Hof, nahm die Einladung gerne an. Lange vor August Comte übte er sich im soziologischen Denken. Und noch länger vor Thorstein Veblen erfand er seine eigene "Theorie der feinen Leute". Saint-Lambert nahm vorweg, was Veblen später, "conspicuous consumption" nennen sollte, den "Geltungskonsum".

Verschwendung in allen Ständen

Die Menschen vergleichen sich andauernd, schreibt Saint-Lambert, sie trachten danach, "die Idee der eigenen Überlegenheit zu festigen, zuerst in den eigenen Augen, dann aber auch in den Augen der anderen." Darum sähen sie sich gezwungen "reich zu erscheinen, also muss in allen Ständen eine Verschwendung eintreten, die über das Vermögen jedes einzelnen ... hinausgeht."

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Saint-Lambert, der einige Jahre ein Verhältnis mit Voltaires Maitresse hatte, war alles andere als ein Pietist. Aber er wollte dem schädlichen Luxus beikommen. Allein, wie? "Doch unter den heutigen Regierungen", fuhr Saint-Lambert fort, "unter denen die Verfassung des Staates und Zivilgesetze das Eigentum fördern und sichern; in unseren großen Staaten, die des Reichtums bedürfen, um ihre Größe und ihre Macht aufrechtzuerhalten: da scheint jeder, der arbeitet, um reicher zu werden, ein nützlicher Mensch, und jeder Reiche, der genießen will, ein vernünftiger Mensch zu sein. Wie sollte man also begreifen, dass Staatsbürger durch den Versuch, sich zu bereichern und ihren Reichtum zu genießen, zuweilen den Staat zugrunde richten und die Sitten verderben?"

Eigentum soll der Gemeinschaft dienen

Was ist eigentlich die Aufgabe der Regierungen, fragte Saint-Lambert: "Sie sollen das Eigentum jedes Staatsbürgers sichern. Da sie aber auf die Erhaltung des Ganzen und die Vorteile der Mehrheit abzielen, obgleich sie in den Staatsbürgern die Liebe zum Eigentum, den Wunsch nach Vermehrung des Eigentums und den Wunsch nach Genuss des Eigentums erhalten, ja sogar fördern, müssen sie in ihnen auch den Geist der Gemeinschaft und den patriotischen Geist erhalten und fördern." Daher müssten die Regierungen nicht nur darauf achten, wie sich ihre Bürger bereichern sondern auch, wie sie genießen.

"Die Mittel zur Bereicherung müssen zum Reichtum des Staates beitragen, und die Art und Weise des Genusses muss dem Staat nützen; jedes Eigentum soll der Gemeinschaft dienen; das Wohl keines Staatsbürgers darf dem Wohl irgendeines anderen geopfert werden. Kurz: der Luxus und die Leidenschaften, die zum Luxus führen, müssen dem Geist der Gemeinschaft und dem Wohl der Gemeinschaft untergeordnet werden."

Was schwebt also Saint-Lambert vor? Jedenfalls "keine neue Güterverteilung, keine Gewaltmittel". Er setzt auf die Kraft der Reform statt auf die Wucht der Revolution. Er hat ein paar Maßnahmen im Kopf, zum Beispiel dass die Finanzgeschäfte "weniger einträglich" sein sollten und dass Ämter und Pfründen "nicht immer wieder auf dieselben Köpfe regnen" sollten. Dann werde man, "ohne den Luxus als solchen anzugreifen, ja ohne die Reichen zu sehr zu behelligen, wohl beobachten können, wie sich der Reichtum besser verteilt, wie also alles wieder in Ordnung kommt."

Haben wir diese Ordnung gefunden?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
women_1900 28.12.2015
1. die Aufgabe der Regierungen
""Sie sollen das Eigentum jedes Staatsbürgers sichern." Dazu fällt mir dann die EZB Studie zur Vermögensverteilung im EURO Raum ein: 2013 "Deutsche sind die Ärmsten im Euroraum " http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/armut-und-reichtum/ezb-umfrage-deutsche-sind-die-aermsten-im-euroraum-12142944.html und 2015 "Deutsche kaum reicher als Euro -Durchschnitt" http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutsche-sind-laut-ezb-studie-kaum-reicher-als-der-euro-durchschnitt-13867082.html und schon frage ich mich, wer wohl die Staatsbürger von Frau Merkel sind.
Big_Lebowski 28.12.2015
2. Antwort: Ja
"....jedes Eigentum soll der Gemeinschaft dienen" Fernseher = GEZ Haus/Wohnung = Grundsteuer Auto = Kfz Steuer Geld = Einkommenssteuer Nur bei der Anstellung von Lohnsklaven, die für den eigenen Luxus arbeiten, hat der Staat noch etwas Nachsicht! Die müssen wenigstens selbst die Hälfte für ihre Altersversorgung und Krankenversicherung zahlen...
seinedurchlaucht 28.12.2015
3. Logische Folge des üppigen Sozialstaats
Wer sich einen Sozialstaat wie wir uns in Deutschland leistet (und dazu noch EU und andere finanzieren müssen), hat nunmal so viele Abgaben, dass es schwer ist, Vermögen zu bilden. Ganz einfach.
reifenexperte 28.12.2015
4. Die abschliessende Frage
ist klar mit: Nein, zu beantworten. Und schlimmer, wir bewegen uns in die entgegengesetzte Richtung.
crazy_swayze 28.12.2015
5. Der Oberlehrer schon wieder
Der Herr Augstein erklärt uns mal wieder, wie wir zu leben haben sollen, und warum es gut sein soll, dass sich der Staat überall einmischt; selbst in persönliche Bereiche wie dem eigenen Konsum.
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