S.P.O.N. - Im Zweifel links Mehr Willy wagen

Der 100. Geburtstag von Willy Brandt steht bevor, die SPD feiert ihren großen Vorsitzenden. Gut so. Wenn Parteichef Gabriel von der eigenen Kanzlerkandidatur nicht nur träumen will, muss er sich Brandts heikelsten Trick aneignen.

Gabriel vor der Statue Willy Brandts: Der eine war Melancholiker, der andere ist Choleriker.
MARCO-URBAN.DE

Gabriel vor der Statue Willy Brandts: Der eine war Melancholiker, der andere ist Choleriker.

Eine Kolumne von


Ein Toter ist unsterblich und ein Lebender wird neu geboren: Das ist die deutsche Sozialdemokratie in der Vorweihnachtszeit. 100 Jahre wäre Willy Brandt im Dezember geworden, und die Genossen wärmen sich gerne im Licht ihres größten Vorsitzenden und Kanzlers. "Andere Kanzler wurden respektiert, manche verehrt. Willy Brandt wurde geliebt", schreibt Jan Fleischhauer im neuen SPIEGEL-Titel. Das wird man Sigmar Gabriel eines Tages kaum nachsagen. Und dennoch zeigt sich Gabriel als Brandts politischer Enkel: Die Wahlniederlage hat er zu seinem Triumph gemacht, den Koalitionsverhandlungen drückt er den sozialdemokratischen Stempel auf, und jeder weiß, dass er die Kanzlerkandidatur längst im Blick hat. Sigmar Gabriel trainiert in diesen Tagen für Willy Brandts heikelsten Trick: Wie man die Linke zur Mitte macht.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 46/2013
Geliebt, bekämpft, verraten

Compassion - das war ein Lieblingswort von Willy Brandt. Es bedeutet mehr als nur Mitgefühl. Der Begriff "bezeichnet die Fähigkeit, das Leben anderer durch deren Augen zu sehen und mit ihnen zu empfinden." Sigmar Gabriel hat das so erklärt und sich Brandts Wort zu eigen gemacht. Er hat etwas übrig für die Leidenschaft, die darin steckt.

Kampf gegen den Fatalismus

Mit dieser Leidenschaft hat Willy Brandt das Kunststück fertiggebracht, bei den Deutschen die Liebe zur Demokratie zu wecken. Bei zu vielen ist diese Liebe seither erkaltet. Gabriel will sie neu entfachen. Er will um die Enttäuschten kämpfen. Das ist sein Projekt: "Der größte Feind der Sozialdemokratie sind nicht andere Parteien, sondern der Fatalismus." Sein Rezept: Gabriel will die SPD wieder zur sozialen Bewegung machen.

Der Vergleich mit Brandt, dem großen Vorbild, dessen beinahe monumentale Statue jeden Besucher der Berliner Parteizentrale empfängt, ist von Gabriel beabsichtigt. Gabriel ist, was Brandt war: ein Herzensmensch. Mit allen Vor- und Nachteilen. Brandt war ein Melancholiker, Gabriel ist ein Choleriker. Er galt noch bis vor kurzem als unwirsch und sprunghaft. Sein Hang zu starken Ideen ließ ihn mitten im Wahlkampf ein Tempolimit favorisieren, und seine Liebe zu starken Worten der Kanzlerin - die er nur "die Merkel" nannte - "Wahlbetrug" oder "Verfassungsbruch" vorwerfen. Aber das ist vorbei. Gabriel kann auch anders.

Denn wem sich die Glücksgöttin an die Fersen geheftet hat, dem verleiht sie das Talent zur Selbsterneuerung. Sigmar Gabriel verfügt über dieses Talent. Das politische Berlin staunt über einen neuen Gabriel, den geduldigen Gabriel, der zuhören kann, der sich keine Blößen gibt und die Koalitionsverhandlungen trotz des trüben SPD-Ergebnisses wie ein Wahlgewinner führt. Für die CDU rächt sich gerade, dass sie nur ein einziges Wahlziel hatte: das Kanzleramt. Seitdem das erreicht ist, weiß die Partei nicht, wofür sie in den Verhandlungen noch streiten soll. Die SPD dagegen hat vom Doppelpass bis zum Mindestlohn jede Menge Wünsche.

Als Belohnung für den Parteichef winkt ein Megaministerium für Energie, Infrastruktur und Wirtschaft. Soll Merkel sich um Europa kümmern und um ihren Eintrag in die Geschichtsbücher, Gabriel will als Überminister den sozialwirtschaftlichen Umbau Deutschlands administrieren, um dann 2017 - oder vorher? - Kanzler anstelle der Kanzlerin zu werden. So weit der Plan. Aber wie viele Opfer wird die Realität von Gabriel, dem Überzeugungspolitiker, verlangen?

Das gefährliche Votum der Basis

Gabriel hat einen linken Wahlkampf geführt. Aber auch er ringt mit dem Lehrsatz des seligen Peter Glotz, dass die SPD Wahlen nur in der Mitte gewinnen kann. Gabriel macht sich seinen eigenen Reim darauf: "Die Mitte ist nichts, woran man sich anpassen muss, sondern die Mitte ist ein Synonym für die Mehrheitsfähigkeit in der Gesellschaft." Ob das reicht, um die Sehnsucht der Linken im Land nach gesellschaftlichem Wandel zu erfüllen?

Das Vorbild Brandt, daran sei erinnert, war vor seiner Verklärung in Wahrheit eine herbe Enttäuschung: Als Vizekanzler war er für die Notstandsgesetze mitverantwortlich. Und als Kanzler setzte er den Radikalenerlass durch. Auf beides konnte der Sozialdemokrat nicht stolz sein.

Aber die Zeiten waren andere. Gabriels Herausforderung lautet heute nicht "mehr Demokratie wagen", sondern "mehr Sozialdemokratie wagen". Der Parteitag, der Ende dieser Woche in Leipzig stattfindet, ist seine geringste Hürde. Gefährlicher ist das Votum der Parteibasis über die laufenden Koalitionsverhandlungen. Gabriel ist das Risiko bewusst eingegangen, als er die Große Koalition von der Zustimmung der SPD-Mitglieder abhängig gemacht hat.

Wenn Gabriel alle Gefahren übersteht, muss er nur noch Kanzler werden und weitere 19 Jahre die SPD anführen, um mit Brandt gleichzuziehen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links


insgesamt 151 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
stauner 11.11.2013
1. Da staune ich
Hey, gibt es zwei Siggis? Ich sehe einen, der nur auf seinen Sessel schielt, einen, der für seinen Vize-Kanzler Posten bereit ist, auf so ziemlich alle Forderungen in seinem Programm zu verzichten, einen, der immer noch die Agenda für ein positives Lebenswerk der SPD hält und seit Monaten Kritiker in der Partei durch Claqueure ersetzt wo er nur kann. Diesen Siggi mit Brandt gleichzusetzen fiele mir als SPD Mitglied im Traum nicht ein. Siggi Pop ist von Brandt so verwandt wie eine Ameise mit einem Elefanten, lieber Herr Augstein.
idealist100 11.11.2013
2. Hallo Herr Augstein
Zitat von sysopMARCO-URBAN.DEDer 100. Geburtstag von Willy Brandt steht bevor, die SPD feiert ihren großen Vorsitzenden. Gut so. Wenn Parteichef Gabriel von der eigenen Kanzlerkandidatur nicht nur träumen will, muss er sich Brandts heikelsten Trick aneignen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-sigmar-gabriel-spd-und-willy-brandt-a-932856.html
Der gute Sigie ist keiner und kann nie einer werden. Er hat mit den Anderen die immer rechts oder links von ihm stehen die spd zu Grabe getragen. Da können Sie soviel schreiben wie Sie möchten daraus wird nichts. Auch wenn Mutti in Pension geht wird es nichts werden. Denken Sie an H4, Rente, Krankenkassen, usw. Der Deutsche Michel ist zwar geistig auf der Evolutionsstufe des Mittelalters stehen geblieben aber es reicht noch zum nach denken.
L!nk 11.11.2013
3. Gabriel ein Herzensmensch?
Das ist bei SPON aber jemand blind verliebt.
Dr_EBIL 11.11.2013
4. Fanboytum SPD kolidiert mit der Realität
Das ist eine ganz schlechte Kolumne, wie eigentlich immer wenn Augstein versucht für die SPD Werbung zu machen. Sehr halbherzig und den Spruch mit "Kanzler der Herzen" kauft Ihnen niemand ab. Der Mann ist tot. RIP. Gabriel wird nie Kanzler. Niemand will eine "SPD in der Mitte". Was soll das sein? Da ist schon die CDU mit Angela Merkel. Die SPD macht gerade ihren größten Fehler seit langem. Sie hatte die Regierungsmehrheit mit den Linken und im Bundesrat die Mehrheit. Statt dessen machen sie sich zum Gehilfen der CDU, der Transatlantiker und der Eurokraten. So eine SPD ist nur verachtenswert und schwach. Es sind immer noch die gleichen Altlasten aus der Schröderzeit am Werk, die jetzt noch einmal, hoffentlich ein letztes Mal, mit Regierungspöstchen abkassieren wollen bevor sie in Rente gehen. Der Schaden dieser 80 % Koalition der Feiglinge wird gewaltig sein, was nach einer Strafe ruft.
nettermensch 11.11.2013
5.
Zitat von staunerHey, gibt es zwei Siggis? Ich sehe einen, der nur auf seinen Sessel schielt, einen, der für seinen Vize-Kanzler Posten bereit ist, auf so ziemlich alle Forderungen in seinem Programm zu verzichten, einen, der immer noch die Agenda für ein positives Lebenswerk der SPD hält und seit Monaten Kritiker in der Partei durch Claqueure ersetzt wo er nur kann. Diesen Siggi mit Brandt gleichzusetzen fiele mir als SPD Mitglied im Traum nicht ein. Siggi Pop ist von Brandt so verwandt wie eine Ameise mit einem Elefanten, lieber Herr Augstein.
Solange der "Seeheimer Kreis" das Sagen in dieser Partei hat, wird es immer wieder "Siggis geben", die gerne wie Willy Brandt wären, nur wäre der wohl nie diesem "Kreis" beigetrten, im Gegensatz zu diesen Herrschaften:
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.