S.P.O.N. - Im Zweifel links Politik ist kein Spielplatz

Noch ein Rache-Buch: Die Journalistin und frühere Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke stellt sich als Opfer frauenfeindlicher Intrigen dar. Dabei war sie einfach eine schlechte Politikerin.

Eine Kolumne von


Warum geht eine Journalistin der "Zeit" in die Politik? "Ich wollte endlich selbst gestalten", schreibt Susanne Gaschke in ihrem Abrechnungsbuch. Das ist eine ehrliche Antwort. Schade, dass die Redaktion für Gaschkes Tatendrang keinen ausreichenden Rahmen bot. Denn die Politik eignet sich gar nicht als Beschäftigungstherapie.

Nach nicht einmal einem Jahr entschied sich Gaschke um und gab das Amt als Kieler Oberbürgermeisterin zurück. Gaschke schreibt, sie wollte "eine andere Sprache und einen anderen Stil" in die Politik bringen. Ihr Scheitern erklärt sie aber ganz altmodisch: mit den Fehlern der anderen. Enttäuscht findet sie, ihr Fall sei ein Beleg dafür, wie schwer es Frauen und Quereinsteiger in der Politik haben. Die Kieler Lokalposse zeigt jedoch im Gegenteil: Nicht immer sind die Männer schuld, wenn eine Frau scheitert. Lesen Sie hier die Geschichte ihres Scheiterns im SPIEGEL 37/2014.

"Jetzt holt sich Susanne Gaschke ihre Geschichte zurück", schreibt die "Zeit" über die frühere Kollegin. Zutreffender wäre wohl gewesen: Jetzt schreibt Susanne Gaschke ihre Geschichte um. "Volles Risiko" heißt das Rache-Buch. Es reiht sich ein in die länger werdende Liste solcher Werke: Leute, bei denen etwas schiefgegangen ist, erklären sich und der Welt die Gründe. Christian Wulff hat so ein Buch geschrieben, seine frühere Frau auch, und in Frankreich rechnet gerade Valérie Trierweiler mit ihrem untreuen Lebensgefährten ab.

Aber die Wulffs waren immerhin mal Deutschlands First Couple, und François Hollande ist immer noch der Präsident der Französischen Republik. Gaschke dagegen war nur Oberbürgermeisterin der Landeshauptstadt Kiel. Selbst bei präsidentieller Fallhöhe muss der Leser solcher Bücher eine erhöhte Neigung zum Voyeurismus mitbringen und auf Larmoyanz stehen. Der Fall Gaschke ähnelt aber nur dem einer Kastanie von einem Schemel. Man fragt sich: Wer will das lesen?

Gaschke macht aus ihrem Rücktritt ein Genderthema

Anlass des Rücktritts waren im Herbst 2013 die Steuerschulden eines Klinikunternehmers. Jeder Herbststurm über der Ostsee macht mehr Druck als dieses nördliche Affärchen. Wer da fällt, stand schon schwankend. Aber Gaschke macht aus ihrem Rücktritt ein Genderthema. Die antifeministischen Männer der schleswig-holsteinischen SPD waren verantwortlich, die sie loswerden wollten. Schon ganz am Anfang des Buches fragt sich Gaschke mit Blick auf die Chefs von Partei und Regierung, Ralf Stegner und Torsten Albig, "...ob es vielleicht dieser Umstand war, den sie nicht so gut ertragen konnten: dass eine Frau ihnen widersprach."

Gaschke ist tatsächlich eine unbequeme Denkerin. Aber nicht im produktiven Sinne. Einmal lehnt sie es ab, an einem traditionellen Termin im Rahmen der "Kieler Woche" teilzunehmen. Begründung: "Mein Widerwillen, Dinge einfach weiterzumachen, weil sie schon immer so gemacht worden waren." Wenn sie mit dieser Haltung ihre Zeit im Rathaus verbracht hat, kann man sich vorstellen, wie entnervt die richtigen Politiker schon bald waren.

In Kiel leben 240.000 Menschen, der Etat der Stadt hat ein Volumen von etwa 850 Millionen Euro, und für die Kieler Verwaltung arbeiten 4500 Menschen. Das sind ungefähr so viele, wie der Ölmulti Shell in Deutschland beschäftigt. Wer kommt auf die Idee, sich so ohne Weiteres an die Spitze einer solchen Stadt zu stellen?

"Unsere Demokratie lebt ganz wesentlich von der Vorstellung, dass prinzipiell jeder Wähler auch selbst für politische Ämter und Mandate wählbar ist", schreibt Gaschke. In der Tat, es sollte prinzipiell jeder für die Stelle des Kassenwarts im Kindergarten infrage kommen. Aber auch für die Verwaltung einer mittleren Großstadt mit Millionenbudget? In der Kommunalpolitik geht es nicht um das Bombardement von Syrien - aber sie ist doch darum kein Spielplatz für Amateure mit Ambitionen.

Niemand käme auf die Idee, einen "Seiteneinsteiger" in der Herzchirurgie zu beschäftigen. Warum dann in der Politik?

Schleswig-Holsteins SPD-Chef Stegner, dem Gaschke in herzlicher Abneigung verbunden ist (sie nennt in ihrem Buch fünf Gründe, mit Spiegelstrichen, die gegen ihn sprechen), hat in der "FAZ" über die "Förden-Hillary" geschrieben: "Es geht nicht um Quereinsteigerin versus Politik-Profi, Frau gegen Mann, Außenseiterin gegen Parteimainstream. Nein, das Buch weist auf ein anderes Dilemma hin: Wenn man sich selbst für klüger hält als alle anderen, dann ist man nicht nur sehr einsam, dann liegen die Bananenschalen, über die man stürzen kann, kiloweise aus."

Eine Empfehlung für Susanne Gaschke zum Nachlesen: der berühmte Vortrag von Max Weber, "Politik als Beruf". Darin nennt Weber die Politik einen "Betrieb" und mithin eine Sache für "Berufspolitiker". Das war 1919. Die Dinge sind seitdem nicht einfacher geworden.

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insgesamt 90 Beiträge
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Seite 1
DerUnvorstellbare 25.09.2014
1. Wieso denn auch nicht?
Geld braucht man schließlich immer. Und was für ein besseres Thema gibt es da, als den Feminismus? Medien reden über das Buch, Feministen kaufen das Buch und sie selbst darf wieder in ihre Lieblingsrolle, die des Opfers. Des Opfers das gegen das "Patriarchat" kämpft. Sie haben das gut erkannt Herr Augstein, jedoch muss ich auch sagen dass es gerade Menschen wie Sie waren/sind die Menschen wie Frau Gaschke es sehr leicht machen. Sie sind doch einer der Befürworter dieses Gender-Mainstreams, oder?
ludna 25.09.2014
2. Die Politik ist so wie sie ist
nicht ohne Grund. Die Berufspolitiker sind keine Dummköpfe (die meisten jedenfalls) und wissen, wie man sich verhalten muss. Wenn dann jemand als Quereinsteiger kommt, ohne Hausmacht, aber mit der Überzeugung, besser zu sein als die verachteten Berufspolitiker, mit dem Glauben, gegen den Strom schimmen und gegen alle Regeln zu verstossen zu können, dann kann das nur schief gehen.
hal5000 25.09.2014
3.
Erstaunlich, dass ich mal dem Inhalt einer Kolumne des unsäglichen Herrn Augstein zustimmen kann.
MeikF 25.09.2014
4. Seiteneinsteger
Mal ne Frage: Wer ist denn von den jetzigen Politikern kein Seiteneinsteiger? Gibt es Politiker als Lehrberuf? Witzig auch die Anmerkung:"Dabei war sie einfach eine schlechte Politikerin." Aha, deshalb musste sie aufhören...alles klar. Nur, wer dürfte denn dann von den jetzigen Politik-Darstellern guten Gewissens weiter machen?
angst+money 25.09.2014
5. hm
könnte man auch kürzer ausdrücken: Überreaktionen auf beiden Seiten. Warum also noch eine dritte aufmachen?
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