S.P.O.N. - Im Zweifel links Kitas und Knarren

Ursula von der Leyen ist die erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums - und was tut sie? Sie spricht von der familienfreundlichen Armee. Schade, dass Dieter Hildebrandt tot ist und das nicht mehr kommentieren kann.

Eine Kolumne von

Verteidigungsministerin von der Leyen: "Balance zwischen Dienst und Familienleben"
DPA

Verteidigungsministerin von der Leyen: "Balance zwischen Dienst und Familienleben"


"Im Schatten einer Wodanseiche auf einem Grenzstein mit den letzten Freunden den schönen Tod der Helden sterben." So beschreibt Hermann der Cherusker bei Kleist den süßen Traum des Soldaten. Heute dreht sich das Soldatenleben um Elternteilzeit, Kinderbetreuung und Dreitagewoche. Jedenfalls muss man das aus dem ersten großen Interview schließen, das Ursula von der Leyen in ihrer neuen Rolle als Verteidigungsministerin gegeben hat: "Wir haben am meisten von den Soldatinnen und Soldaten, wenn die eine gute Balance zwischen Dienst und Familienleben finden", sagte sie der "Bild am Sonntag".

Tucholsky schrieb, Soldaten seien Mörder. Von der Leyen erinnert daran, dass Soldaten Eltern sind. Immerhin, wir leben im "postheroischen Zeitalter". Vielleicht ist Soldat bald ein Job wie jeder andere. Nur manchmal fliegt einem das Bein weg, oder eine afghanische Hochzeitsgesellschaft wird aus Versehen ausgelöscht.

Eine Frau als Verteidigungsministerin - das ist neu. Aber Ursula von der Leyen wollte den Job unbedingt haben. Er gilt als schwierig. Sie will sich beweisen. Passt perfekt.

Mancher Vorgänger hat zwischen den Pannen des Beschaffungsamtes und den Beschwerden des Wehrbeauftragten die Kontrolle über das Ministerium verloren. Auch von der Leyen hat viel auf dem Zettel: das Transportflugzeug A400M, der Schützenpanzer "Puma", das Kommunikationssystem "Herkules", alles zu spät, alles zu teuer, alles nicht so einfach. Und bis April muss über die unselige "Euro Hawk"-Drohne entschieden werden, die noch vor Indienststellung als erstes Opfer die Reputation des vorigen Hausherren de Maizière gefordert hatte. Das wären alles die Kernthemen einer Verteidigungsministerin. Und dann natürlich noch die strategischen Fragen, Krieg und Frieden und so. Aber von der Leyen redet erst mal über Arbeit und Familie.

Will die Frau, die für beide Felder mal Ministerin war, im neuen Amt ihre Kenntnisse zusammenführen? Nein. Die Bundeswehr hat Nachwuchsprobleme, Tausende Stellen sind unbesetzt. Von der Leyen will, dass ihre Truppe im "Wettbewerb um die besten Köpfe mit den vielen zivilen Arbeitgebern" bestehen kann. Aber das wird schwierig, solange niemand den Zweck erklären kann, dem diese Bundeswehr dient. Wer halbwegs alle beisammen hat, möchte gerne wissen, warum er seine Arbeit tut. Zumal eine, bei der das Leben auf dem Spiel steht. Aber ausgerechnet der längste Einsatz der Bundeswehr, der nun bald enden soll, war vollkommen sinnlos: Afghanistan. Da hilft auch keine Kita auf dem Kasernengelände.

Inszenierung einer Politikerin

Aber das ist ohnehin alles nur der vordergründige Inhalt dieses Interviews. Eigentlich geht es hier um etwas anderes: die Inszenierung einer Politikerin. Den Umfragen zufolge sind die Deutschen unschlüssig, ob es eine gute Idee war, dass von der Leyen das Verteidigungsministerium übernommen hat. Sie werden sich noch wundern: Ursula von der Leyen ist nicht umsonst die aussichtsreichste Anwärterin auf die Nachfolge Angela Merkels. Sie trägt ein gefrorenes Lächeln im Gesicht und zieht mit dem stillen Populismus der Kanzlerin gleich. Die Kollegen von der "BamS" erweisen sich dabei als hilfreich:

Frage: "Von außen betrachtet wirken Sie wie ein Ausbund an Disziplin. Passen Sie deshalb vielleicht besser zur Bundeswehr, als mancher meint?"

Antwort: "Möglicherweise. Ich war übrigens nicht immer so, zum Beispiel im Studium. Aber meine sieben Kinder haben ganz viel Ordnung in mein Leben gebracht. Man hört irgendwann automatisch auf, die Nächte durchzufeiern, wenn man weiß: Morgen früh um sechs Uhr stehen die Kinder vor dem Bett. Disziplin bedeutet auch, für andere verlässlich da zu sein und nicht nur, wenn man Lust dazu hat. Das zeichnet auch das Soldatsein aus."

Auf die Idee muss man erst mal kommen. Disziplin als Gemeinsamkeit von Müttern und Soldaten! Wie schade, dass Dieter Hildebrandt gerade gestorben ist. Was hätte er daraus gemacht?

Andererseits, wofür braucht man den Satiriker, wenn die Verteidigungsministerin selber sagt: "Wir sollten gerade für die Betreuung in Randzeiten sehr viel stärker mit Tagesmüttern arbeiten. Denn das ist eine besonders flexible Form der Kinderbetreuung, und wir haben den großen Vorteil, dass es in vielen Kasernen den Platz dafür gibt."

Und was ist dann, wenn Kitas und Tagesmütter Feierabend haben? Das Ganze erinnert an "Asterix bei den Briten": Zum Teetrinken und am Wochenende stellten dort die Briten die Kampfhandlungen ein. Julius Cäsar, der große Stratege, legte daher die Schlachten auf fünf Uhr nachmittags und auf die freien Tage der Briten.

Hoffen wir, dass unsere Feinde künftig nicht während der Kita-Schließzeiten angreifen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 397 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
karlemann1, 13.01.2014
1. Dass
diese Frau nicht Militär kann, wird sich noch zeigen, woher auch. Aber Kinderbetreuung hat sie wohl gelernt. Vielleicht wird die BW eines Tages doch noch zur "Schule der Nation", aber in einem völlig neuen Sinn.
spon-facebook-1049022215 13.01.2014
2. Die Frau ist gut! Mehr bitte, Frau von der Leyen!
Von der Leyen packt die Sache gut an. Für den Nachwuchs werden dann Kindersoldaten in der kita rekrutiert. Die kann man dann auch gut in Afrika einsetzen, wo sie altersmäßig zu den dortigen Kindersoldaten passen.
Tommi16 13.01.2014
3.
Zitat von sysopDPAUrsula von der Leyen ist die erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums - und was tut sie? Sie sprich von der familienfreundlichen Armee. Schade, dass Dieter Hildebrandt tot ist und das nicht mehr kommentieren kann. Jakob Augstein über von der Leyen und die Bundeswehr - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-von-der-leyen-und-die-bundeswehr-a-943160.html)
Ihre Worte sind, nach meinem Eindruck, von großer Sprachlosigkeit. Ich bin es auch.
ein-berliner 13.01.2014
4. Hallo wach
Zitat von sysopDPAUrsula von der Leyen ist die erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums - und was tut sie? Sie sprich von der familienfreundlichen Armee. Schade, dass Dieter Hildebrandt tot ist und das nicht mehr kommentieren kann. Jakob Augstein über von der Leyen und die Bundeswehr - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-von-der-leyen-und-die-bundeswehr-a-943160.html)
# Lady, nur zur Erinnerung: Sie haben das Ressort gewechselt, Familie war mal.
Bulle Geiger 13.01.2014
5. Wahrlich...
Zitat von sysopDPAUrsula von der Leyen ist die erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums - und was tut sie? Sie sprich von der familienfreundlichen Armee. Schade, dass Dieter Hildebrandt tot ist und das nicht mehr kommentieren kann. Jakob Augstein über von der Leyen und die Bundeswehr - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-von-der-leyen-und-die-bundeswehr-a-943160.html)
ich bin kein Freund des Herrn Augstein...aber hier hat er mal den Nagel auf den Kopf getroffen... Guter Kommentar!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.