S.P.O.N. - Im Zweifel links Deutsche Smarties

Die Rechten drängen an die Macht. Was in Österreich möglich war, droht auch uns. Trotz Özil in Mekka und Boateng auf der Schokolade. Das Gefühl ist bunt - aber die Wirklichkeit ist düster. Und die AfD dominiert die Politik.

Schokolade-Packungen mit Jugendfotos von Fußballnationalspielern
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Schokolade-Packungen mit Jugendfotos von Fußballnationalspielern

Eine Kolumne von


Das war knapp. Zu knapp. Nach der österreichischen Wahl wissen wir: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch ein westeuropäisches Land den Weg Polens und Ungarns geht - weit nach rechts. Das liberale Pfeifen im Walde kann man sich sparen: auch Deutschland ist von der rechten Revolution längst erfasst - und wie der kleine Nachbar Österreich tief gespalten. Bunt steht gegen braun und die Frage lautet: welche Farbe hat das Herz der Deutschen?

"Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist!" So lautet das berühmteste Zitat des Nicht-Präsidenten Norbert Hofer. Damit war alles gesagt. Ein rechter Präsident, mit dem Zeug und dem Willen zum Putsch - welchem Unglück sind Österreich und Europa gerade noch entkommen! Aber es fehlten nur 31.026 Stimmen. Wir sind nicht in Sicherheit.

Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Man sieht nicht, welche Reformen wieder einfangen können, was den demokratischen Himmel verdunkelt wie ein Schwarm Krähen: Rassismus und Hass, Zynismus, Gewalt und Verachtung.

Gesellschaften können Zivilität lernen und verlernen. Es gibt einen Prozess der Entzivilisierung, der schwer reversibel ist.

Selbst wenn die gesellschaftsvernichtende Politik des Neoliberalismus, die Europa in den vergangenen dreißig Jahren zerrüttet hat, von einem Tag auf den anderen rückgängig gemacht würde - wer hält das für denkbar? Es ist nicht gesagt, dass das antidemokratische Ressentiment, das sich durch den Kontinent frisst, in ein neues Zutrauen zum liberalen Rechtsstaat gewandelt werden könnte.

Vor allem aber: welche Politiker sollten das bewirken? Der neue österreichische Kanzler Christian Kern hat jetzt gesagt: "Politischer Inhalt wurde durch taktischen Opportunismus ersetzt, und genau das ist es, womit wir brechen müssen." Richtig. Aber woher kommen auf einmal Politiker, die danach handeln? Wenn er alle sammelt, mit denen er in Österreich nach solchen Prinzipien Politik machen kann, dann können die drei sich zum Skat hinsetzen.

In Deutschland ist es nicht anders. Auch wenn sich in diesen Tagen die "Bunte Republik" von ihrer besten Seite zeigt. Zwei Spieler der Nationalmannschaft haben gerade die Migrationsdebatte nach vorne gebracht. Jerome Boateng, ein Schwarzer, ist auf der Verpackung der Kinderschokolade abgebildet. Mesut Özil, ein Muslim, ist nach Mekka gepilgert und hat das Bild ins Netz gestellt.

Für Özil gab es mehr als zwei Millionen Likes in drei Tagen. Freudiger wurde in Deutschland seit Langem keine Wallfahrt gefeiert, erst recht keine muslimische. Und als Hommage an Boateng etablierte ein Journalist der ZEIT den sofort erfolgreichen Hashtag #cutesolidarity: ganz viele Wohlmeinende stellten dazu ihre Kinderbilder ins Netz.

Man kann das als Erfolg der Willkommenskultur werten. Denn, um das Fußballwort abzuwandeln, Integration ist auf dem Platz. Der Sport, das Showgeschäft - das sind große Motoren der Integration. Aber der eigentliche Motor ist die Politik - und die stottert bei dem Thema gewaltig.

Die AfD muss in Deutschland nämlich gar nicht an die Regierung kommen - ihre Agenda bestimmt auch so die Politik. Ebenfalls in dieser Woche hat die Große Koalition nämlich das sogenannte Integrationsgesetz beschlossen. Aber genau das ist es nicht: ein Gesetz, das die Integration von Migranten vereinfacht und beschleunigt. Wer keinen Integrationskurs besucht, bekommt Ärger. Und wer kein Deutsch lernt, muss um ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht bangen. Dabei wird umgekehrt ein Schuh aus der Sache: Flüchtlinge und Migranten stehen Schlange für die Kurse, aber es gibt viel zu wenig Plätze.

Dieses Gesetz gibt das falsche Signal: Migranten werden behandelt wie unwillige und träge Schmarotzer. Nicht wie Menschen, die sich mit Kraft und Liebe und Sorge um ihre Kinder in Deutschland ein neues Leben aufbauen wollen.

Darum ist das Gesetz ganz sicher nicht das, als was SPD-Chef Gabriel es seiner Partei verkaufen will, ein "Einwanderungsgesetz 1.0".

Das Gesetz soll gar nicht der Integration von Migranten dienen. Sondern der Integration von AfD-Wählern. Erst recht nach der Wahl von Österreich. Spätestens jetzt geht es nur noch darum, ein weiteres Wachstum der Rechten zu verhindern. Sonst könnte sich am Ende herausstellen, dass ganz viele Deutsche in Wahrheit wie Smarties sind:
außen bunt, aber innen ganz braun.

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Kolumne - Im Zweifel Links


insgesamt 368 Beiträge
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Seite 1
McTitus 26.05.2016
1. Ich finde die Idee absolut genial!
Ferrero hat ja eine gewisse Tradition beim Unterstützen der Deutschen Nationalmanschaft, in dem diese für Nutella Werbung macht, oder in Duplos Abziehbildchen von Spielern versteckt waren! Da ist es doch ein Geniestreich, das Originalmarkenzeichen durch Kinderbilder derjenigen zu ersetzen, die schon immer mit dem Schokoladen- und Nusscremehersteller zusammen gearbeitet haben! Jérome Boateng, Ilkay Gündogan und Lukas Podolski gehören zu Deutschland. Und wem das nicht passt, ist ein Kleingeist und der Realität entrückt! So einfach ist das!
h.weidmann 26.05.2016
2.
"Politischer Inhalt wurde durch taktischen Opportunismus ersetzt, ..." Richtig, Herr Augstein, vor langer Zeit ... Und keinen hat's wirklich gestört, im Gegenteil, man hat die Opportuniste(i)n immer wieder gewählt. Ich werde das nie verstehen.
charlie1111 26.05.2016
3.
Im großen und Ganzen kann ich dem Kommentar zustimmen, nur die Begründung ausschließlich im Neo Liberalismus zu suchen ist mir zu wenig. Man sollte nicht vergessen, das Millionen von Deutschen in einer Diktatur sozialisiert wurden, die genau diese Spießigkeit, Nationalismus und Miefigkeit beinhaltete. Eigentlich ist die AfD die inhaltliche Nachfolgerin der SED die eben auch eher national denn sozialistisch war. Nicht ohne Grund laufen die Wähler der Linken scharenweise zur AfD über. Vor 25 Jahren zu glaube man müsse nur die Mauer öffnen und es kämen moderne und demokratische Menschen war der größte Integrationsfehler der uns jetzt auf die Füße fällt denn die soziale Evolution benötigt oft mehr Zeit als die Biologische.
fördeanwohner 26.05.2016
4. -
Vieles, was Augstein hier schreibt, sehe ich ähnlich. Was jedoch die Integrationsgesetzgebung angeht, muss ich ihm widersprechen. Die Erfahrung hat doch gezeigt, dass Menschen, die es theoretisch nicht müssen, weil sie in einer Parallelgesellschaft leben können, eben kein Deutsch lernen und auch wenig von dem mitkriegen, was sozusagen Tagesgeschäft hier ist. Wenn jemand gar nicht weiß, dass z.B. Angela Merkel Regierungschefin ist, stattdessen nur Erdogan kennt, obwohl er seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, dann bedeutet das, dass wir etwas gegen diese Ignoranz tun müssen. Wir haben es doch jetzt schwarz auf weiß, dass Menschen im Allgemeinen zu bequem sind. Das sollte man nicht ignorieren. Es ist außerdem von Vorteil, etwas zu fordern. Der Witz ist doch, dass Migranten selbst das gar nicht kritisieren. Es sind die links-intellektuellen "Aktivisten", die ein Problem aus etwas machen, das eigentlich keines wäre. Denkt doch einmal an die Migranten dabei und nicht an Eure komischen Dogmen!
DMenakker 26.05.2016
5.
Wer hat es uns denn eingebrockt? Diejenigen, welche die Marktwirtschaft nicht im Gerigsten verstanden haben und glauben, wer 25 k netto im Jahr verdient würde sich gerne als Lohnsklave einer "menschenverachtenden Politik" bezieichnen lassen, oder derjenige, der noch vor nicht allzu langer Zeit plakatiert "Liebe Ausländer, lasst uns mit diesen Deutschen nicht alleine"? Nur weil eine Gruppe durchgeknallter Politiker glauben in Deutschland ihren Traum vom immerwährenden Multikulti realisieren zu müssen ( eines Tages werden wir vom real existierenden Multikulturalismus reden )? Nein lieber Herr Augstein. Der böse Kapitalismus ist es, warum jeder hierher will. Hier gehts den Leuten nämlich gut. Aber diese Oberlehrerhafte, von dem Linken Bereich der Politik aufoktryotierte Bild von allen mit allen macht den Leuten Angst. Verstanden haben sie es sowieso nicht, weil es zudem auch nocEh grottenfalsch gemacht war. Richtig wäre ein vernünftiges Einwanderungsgesetz mit Zuzugskriterien, Kontingenten etc. gewesen. Eben eines, das auch jeder als sinnvoll ansieht. Aber jetzt sind wir in einer Situation ähnlich der DDR kurz vor der Auflösung. Die DDR hat sich als total entnazifizierten Staat verstanden. Leider hat sie nicht verstanden, dass man so etwas auch mit Inhalten füllen muss und hat letzendlich eine dunkelbraune Kloake hinterlassen. Im Westen glaubte man, ohne Sinn und Verstand der Zuwanderung das Wort zu reden, niemals sich auf Argumente einlassen zu müssen ( die wären ja wieder aus der bäh Ecke ), die Predigt ex Cathedra würde reichen und plötzlich sitzt man wie das Kaninchen vor der Schlange und schaut sich die Ösi Präsidentenwahlen an. Eigentlich hätte man es vorher wissen müssen. Aber das hätte nachdenken erfordert, und nachdenken ist automatisch mit der Aufgabe des Anspruches die absolute und einzig selig machende Wahrheit zu besitzen verknüpft. Und das geht mal gar nicht. Schon gar nicht wenn man Augstein heisst.
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