S.P.O.N. - Im Zweifel links Bayerische Polit-Pornografie

Der Abschied des "CSU-Urgesteins" Peter Gauweiler wird links wie rechts beweint. Aber mit Gauweiler geht kein liebenswürdiger Querkopf - sondern ein finsterer Reaktionär und eitler Selbstdarsteller.

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CSU-Politiker Gauweiler: Die Knie nackt und rund
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CSU-Politiker Gauweiler: Die Knie nackt und rund


"Ihr oder ich" hat Horst Seehofer vor ein paar Wochen gerufen. Und einer der beiden Angesprochenen hat nun reagiert: Peter Gauweiler scheidet aus dem CSU-Parteivorstand aus und verzichtet auch auf sein Abgeordnetenmandat im Bundestag. Was aus dem anderen wird, Peter Ramsauer, ist jenseits bayerischer Gefilde wurscht. Aber der Verlust Gauweilers hat die deutsche Öffentlichkeit erschüttert.

Rechts und links lässt man jetzt den Lobgesang auf das"CSU-Urgestein" ("Bild") und den "kantigen bayerischen Intellektuellen" ("Welt") hören. Mit ihm verliere seine Partei einen "Widerspruchsgeist, einen Sturkopf und schwierigen Kerl" ("Berliner Zeitung"). Und Oskar Lafontaine, bei dem das Herz links schlägt - während es bei Gauweiler stets am rechten Fleck saß - wird geradezu lyrisch: "Der aufrechte Gang ist schwer. Peter Gauweiler geht ihn. Er lässt sich nicht verbiegen. Bravo!"

Gauweiler liebt Inszenierungen. Seine ganze Politik war immer eine große Inszenierung. Für die "Bild"-Zeitung hat er sich jetzt ins rechte Licht rücken lassen. In einer Holzstube des Spatenhauses, die Tischdecke im Weiß-Blau, das Kruzifix, auf dem Tisch steht eine Halbe. Der Gauweiler Peter trägt die alte Hirschlederne, darüber den guten Janker mit den Hirschhornknöpfen und die schilfleinene Weste. Die schönen Haferlschuhe und dazu natürlich graue Umschlagstrümpfe mit einem ganz süßen Zopfmuster. Seine Beine sind breit, und die Knie sind nackt und rund. Keine Frage, wäre er 30 Jahre jünger und hätte Haare auf dem Kopf: Der Leder-Peter hätte in Luchino Viscontis "Ludwig II." einen Platz finden können.

Gauweilers Blick ist voll trotziger Herausforderung, passend zum Statement, das seinen Rücktritt begleitete: "Von mir ist öffentlich verlangt worden, dass ich - weil CSU-Vize - im Bundestag so abstimme, dass ich mich für das Gegenteil dessen entscheide, was ich seit Jahren vor dem Bundesverfassungsgericht und vor meinen Wählern vertrete und was ich als geltenden Inhalt der CSU-Programme verstehe. Dies ist mit meinem Verständnis der Aufgaben eines Abgeordneten unvereinbar."

Der Anwalt Gauweiler ist nun gerade kein Einser-Jurist. Aber den Artikel 38 Grundgesetz, den kennt er zweifellos auswendig. Da steht, dass ein Abgeordneter des Deutschen Bundestages nur seinem Gewissen unterworfen sei. Im Alltag der Fraktionsdisziplin bedeutet dieser Artikel nicht viel. Aber Gauweiler nahm ihn immer sehr ernst. Vor allem dann, wenn sein Gewissen ihm riet, er werde in seiner Münchner Kanzlei viel dringender gebraucht als in den Berliner Sitzungen. So war der Mann, den manche Zeitungen gerade zum Sinnbild des aufrechten Demokraten stilisieren, im Bundestag vor allem für seine Abwesenheit bekannt. Zuletzt, so hat SPIEGEL ONLINE ausgerechnet, nahm er vergangenes Jahr nicht mal an der Hälfte der namentlichen Abstimmungen teil.

Seinem Protest haftet stets etwas Unernstes an

Die Person Gauweiler ist eine Anmaßung. Die wahre Auslegung des CSU-Programms und das echte Verständnis des Abgeordneten-Wesens - das alles obliegt im Universum Gauweiler nur einem: Peter Gauweiler. Und wenn Kleist über seinen Kohlhaas sagt, er habe ein "Rechtgefühl, das einer Goldwaage glich", dann wäre Gauweiler sicher von diesem Vergleich geschmeichelt. Aber er selber ginge nie bis zum bitteren Ende: "Der Michael Kohlhaas war ja nur bis zur Hälfte der Geschichte sympathisch", sagt Gauweiler. "Später wird er ein armer Narr, der Böses mit Bösem vergilt."

Bei Gauweiler ist der revolutionäre Impetus nur gespielt, sein Münchner Grantlertum nichts als Polit-Folklore. Seinem Protest haftet stets etwas Unernstes an. Er war eine bayerische Pippi Langstrumpf, der macht sich die Welt widde-widde-wie sie ihm gefällt. In seiner Kanzlei stand immer ein Koffer voll Gold - gefüttert von einträglichen Mandaten, manche anständiger als andere - mit dem er sich sein politisches Pippi-Lotta-Leben locker leisten konnte.

Das war den Journalisten egal. Brave Pflichterfüllung ist langweilig. Sie liebten Gauweiler für seine Abweichungen: Egal ob es um den Irak-Krieg ging, um Afghanistan oder die jüngste Krim-Krise. Da hatte der "Sturschädel" ("SZ") immer seine eigene Meinung. Und wenn unter der Lederhose das Lied von der Rebellion gejodelt wurde, half Gauweiler mit seiner bayerischen Polit-Pornografie den feuchten Träumen gelangweilter Journalisten auf die Sprünge.

Aber dass die Öffentlichkeit mit dem Reaktionär Gauweiler so gnädig verfahren ist, das nimmt Wunder. Sein gegenwärtiger unerbittlicher Kampf gegen die gemeinsame europäische Währung ist ebenso reaktionär wie es sein Kampf gegen die Seuche Aids in den Achtzigerjahren war.

Als Innenstaatssekretär wollte er das Sexualverhalten der Bayern administrativ regeln: Aids-Tests für Prostituierte, Ausländer, Beamtenanwärter oder Wehrpflichtige, eine Aids-Meldepflicht für alle, und "uneinsichtige" Infizierte sollten "abgesondert" werden. Selbst Heiner Geißler, damals noch ein schlimmer Scharfmacher, forderte seinerzeit: "Ratio statt Razzia".

Gauweiler war immer die CSU in der CSU. Der Abweichler in der Partei der Abweichler. Aber mit beiden geht es bergab. Zum Glück.

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insgesamt 236 Beiträge
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mosermann 02.04.2015
1. Politiker sind alle eitel
Alle Politiker sind eitle Selbstdarsteller, das gehört geradezu zur Berufsbeschreibung. Freilich gibt es graduelle Unterschiede.
Schnurrli 02.04.2015
2. Danke, Herr Augstein
Mit recht großem Erstaunen hatte ich jetzt die Medienkommentare zu Herrn Gauweilers Abgang gelesen. Ich fragte mich, ob wir wohl von demselben Herrn sprechen, gegen dessen AIDS-Politik ich Mitte der 80er in München auf dem Marienplatz demonstriert habe und der an Franz Josef Strauß' Sarg, zugegebenermaßen wunderbar inszeniert, zum Abschied theatralisch militärisch salutierte. Wie merkwürdig, dass dieser stets überreaktionäre Politiker jetzt allseits als politisches Urgestein gelobt wird. Da tat es mir richtig gut, Ihren Artikel zu lesen, Herr Augstein. Der rückte die Dinge dann doch wieder ins passendere Licht. Danke schön.
widower+2 02.04.2015
3. Sehr gut!
Gauweiler ist wirklich ein Egomane, übler Reaktionär und eitler Populist, dem ich keine Träne nachweine. Das Beste, was man über ihn sagen kann ist, dass er seinen äußerst üblen Überzeugungen immer treu geblieben ist. Das könnte man allerdings auch "unverbesserlich" nennen. Geißler ist der absolute Gegenentwurf. Früher - wie Augstein richtig sagt - ein übler Scharfmacher, heute ein reflektierter Denker und eine moralische Instanz.
DC9WX 02.04.2015
4. Immer rauf...
... auf die, die unbequeme Wahrheiten aussprechen. Wem die Botschaft nicht gefällt, der stellt halt den Nachrichtenüberbringer an die Wand... Da gibt es reichlich Beispiele aus der näheren Vergangenheit.
markus.k 02.04.2015
5.
Naja, Herr Augstein, im allgemeinen schätze ich ihre Beiträge, aber der war unter der Gürtellinie. Herr Gauweiler schätze ich als jemanden mit Rückrat, wovon es immer weniger in der deutschen Politik gibt. Er hat sich bisher mehr für deuitsche Interessen und Bürger gemüht, als sie es wohl je schaffen werden,mit allem Respekt.
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