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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Böser Geist der sozialen Kälte

Eine Kolumne von

Thilo Sarrazin stellt sein neues Buch vor: "Ideologisierte Medienklasse" Zur Großansicht
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Thilo Sarrazin stellt sein neues Buch vor: "Ideologisierte Medienklasse"

In seinem neuen Buch klagt ausgerechnet Bestseller-Autor Thilo Sarrazin über mangelnde Meinungsfreiheit. Der Rechts-Denker will zudem eine Grundidee des Westens bekämpfen: die Gleichheit des Menschen.

Gott bewahre uns! Thilo Sarrazin ist wieder da. Neues Buch, Startauflage 100.000, Vorabdruck in der "Bild"-Zeitung, TV-Auftritte folgen. Das ganze Programm, das wir vom letzten Mal schon kennen. "Deutschland schafft sich ab" hatte eine Millionen-Auflage. Nun kommt "Der neue Tugendterror". Der Autor klagt über "die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland". So eng sind die offenbar nicht. Woher käme sonst Sarrazins Erfolg?

Aber darum geht es in Wahrheit gar nicht. Schon mit dem ersten Buch strebte Sarrazin eine Revolution an: Er wollte das biologische Denken wieder in die politische Debatte einführen. Nun nimmt Sarrazin nicht weniger als die Gründungsidee des Westens aufs Korn: die Gleichheit des Menschen.

Es ist die Geschichte einer Kränkung. Mehr als eine Million Menschen haben Sarrazins Buch gekauft. Aber ihm, dem Anhänger der Zuchtwahl, blieb der Zuspruch der Meinungseliten versagt. Das kann er nicht verzeihen. Sarrazins Buch über den Tugendterror zieht seine Wucht nicht aus der Sorge um das Wohl der Welt, sondern aus der gekränkten Eitelkeit des Autors.

"Das, was mir zustieß", schreibt er, "erlebte ich zum Zeitpunkt des Geschehens als außerordentlich. Es hat mein Weltbild verändert." Nun hasst er die Eliten - und er verbirgt es nicht:

"Ich glaube, dass aktuell eine herrschsüchtige, ideologisierte Medienklasse ganz informell und ohne großen Plan zusammenwirkt mit einer opportunistischen und geistig recht wenig profilierten Politikerklasse."

Den Medien und der Politik wirft er vor, "ungeliebte störende Tatsachen in bloße Meinungen und - umgekehrt - erwünschte Meinungen in angebliche Tatsachen umzuwandeln." Aber er selbst tut nichts anderes. Er widerlegt immerzu Prämissen, die außer ihm niemand aufstellt. Er behauptet, sich jeder Polemik zu enthalten, während er in Wahrheit fortwährend polemisiert. Das erste unterläuft die Logik. Das zweite die Redlichkeit. Beide zusammen sind Mittel der Propaganda.

Seitenlang zerpflückt Sarrazin den angeblichen "Code der Medienklasse":

  • "Sekundärtugenden wie Fleiß, Genauigkeit und Pünktlichkeit haben keinen besonderen Wert."
  • "Das traditionelle Familienbild hat sich überlebt. Kinder brauchen nicht Vater und Mutter."
  • "Alle Menschen auf der Welt haben nicht nur gleiche Rechte, sondern sie sind auch gleich, und sie sollten eigentlich alle einen Anspruch auf die Grundsicherung des deutschen Sozialstaats haben."

Das alles ist vollkommener Unsinn, den niemand verbreiten würde - außer Sarrazin.

Auf der Suche nach den Wurzeln des Tugendterrors, der Meinungskartelle, der Denkverbote steigt er hinab in die Vergangenheit. Er liest Platon, Macchiavelli, Tocqueville, Freud und findet überall - sich selbst. Sokrates mit dem Schierlingsbecher, hätte das nicht auch er sein können? Selten konnte man die Entfaltung einer narzisstischen Persönlichkeit derart genau verfolgen.

Auf dem Weg vom Politiker über den Bundesbanker zum Bestsellerautor hat Sarrazin sich selbst neu geschaffen: als böser Geist der sozialen Kälte. Ging es im ersten Buch noch um Genetik, Biopolitik und Demografie, hat Sarrazin inzwischen den Tiefpunkt seiner sozialen Temperatur erreicht.

Das Andere - bei Sarrazin ist es bedrohlich, minderwertig

Außer Sarrazin weiß jeder: Die Menschen sind gleich, weil sie Menschen sind, und ungleich, weil sie Individuen sind. Sie sind gleich und ungleich. Und längst nicht jede Ungleichheit ist unerträglich. Sie muss nur gut begründet sein. In den westlichen Ländern richtet sich die soziale Kritik gegen die unzureichenden Begründungen der Ungleichheit.

Aber für Sarrazin ist die ganze Idee linker Unfug, ja mehr noch:

"Nach dem Scheitern der unterschiedlichsten Gesellschaftsutopien blieb die Gleichheitsidee als ihr kollektives Waisenkind in der Welt. Sie prägte die katholische Soziallehre, den Feminismus, die Bewegung der Schwulen und Lesben, die Theologie-, Philosophie- und Soziologie-Lehrstühle und sowieso alle heimatlos gewordenen Sozialisten, Marxisten und ihre geistigen Erben. Und natürlich war und ist sie an zentraler Stelle in den Köpfen unserer mehrheitlich links, grün und sozial eingestellten Medienvertreter."

Die antimoderne Gegenrevolution, die Sarrazin vorschwebt, hat eine lange Tradition in Deutschland: Treitschke, Nietzsche, Plenge, Gentz, auch Carl Schmitt. Julius Langbehn, der berüchtigte Rembrandtdeutsche, schrieb 1890: "Gleichheit ist Tod, Gliederung ist Leben." Der moralische Spielraum für solche Ideen ist seit Auschwitz kleiner geworden. Das kümmert Sarrazin nicht. Er will die Ungleichheit wieder in ihr Recht setzen. Und die ungleiche Wertigkeit. Das ist eigentlich der Kern seines Arguments: Andere Kulturen, anderes Leben, überhaupt das Andere - das ist schlecht, bedrohlich, minderwertig.

Vordenker einer reaktionären Renaissance

Sarrazin zitiert zustimmend die Klage der Italienerin Oriana Fallaci über die "Demagogie, die im Namen der Gleichheit Leistung und Erfolg, Werte und Wettbewerb negiert, die eine Mozart-Symphonie und eine Monstrosität namens Rap ... auf ein und derselben Ebene ansiedelt." Er zitiert nicht Adolf Hitler, der 1928 im Berliner Sportpalast sagte: "Das deutsche Volk hat seinen spezifischen Wert und kann nicht 70 Millionen Negern gleichgesetzt werden. ... Negermusik herrscht, aber setzen wir einem Jimmy eine Symphonie Beethovens entgegen, so ist der Sieg entschieden."

Aber wenn die Menschen und Kulturen und Rassen nicht gleich sind, wenn die einen höher stehen als die anderen, dann können die Hohen wohl auch den Anspruch erheben, die Niedrigen zu beherrschen? Mit den besten Argumenten, und sogar zum Nutzen der Beherrschten.

Sarrazin zieht diese Konsequenz nicht. Das überlässt er anderen. Er arbeitet am Fundament einer neuen nationalkonservativen Ideologie. Gegen Frauen, Homosexuelle, Muslime, Migranten und Linke: Sarrazin schließt die argumentative Versorgungslücke, die sich beim auf Ressentiment sinnenden Kleinbürgertum auftut. Er ebnet Gedanken und Argumentationsfiguren den Weg in die Mitte der Gesellschaft, die sich unlängst noch am rechten Rand herumgedrückt haben.

Thilo Sarrazin ist der Vordenker einer reaktionären Renaissance.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
gog-magog 24.02.2014
Zitat von sysopDPAIn seinem neuen Buch klagt ausgerechnet Bestseller-Autor Thilo Sarrazin über mangelnde Meinungsfreiheit. Der Rechts-Denker will zudem eine Grundidee des Westens bekämpfen: die Gleichheit des Menschen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/neue-buch-von-thilo-sarrazin-kommentiert-von-jakob-augstein-a-955247.html
Mit diesem ultrarechten Billig-Pamphlet hat Sarrazin den Bogen eindeutig überspannt. Er wettert nicht nur gegen Sinti und Roma, gegen Homosexuelle sondern sogar gegen Frauen. Wer soll ihn im 21. Jahrhundert noch ernst nehmen? Für mich ist eines klar und eindeutig: Sarrazin hat sich auf den Weg nach Rechtsaußen begeben, er ist der Horst Mahler der SPD. Er sollte freiwillig aus der SPD austreten, von der er ja keine einzige Position mehr vertritt und deren gesamte Politik er offen in den Schmutz zieht, von der Solidarität bis zur humanen Gesellschaft. Absurd.
2.
reuanmuc 24.02.2014
Zitat von sysopDPAIn seinem neuen Buch klagt ausgerechnet Bestseller-Autor Thilo Sarrazin über mangelnde Meinungsfreiheit. Der Rechts-Denker will zudem eine Grundidee des Westens bekämpfen: die Gleichheit des Menschen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/neue-buch-von-thilo-sarrazin-kommentiert-von-jakob-augstein-a-955247.html
Da hat Augstein kräftig ausgeteilt. Ich schließe mich seinem Schlusswort uneingeschränkt an. Sarrazin verwechselt Gleichwertigkeit der Menschen mit Gleichheit. Sarrazin hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ob ich dafür Meinungsfreiheit beanspruchen kann?
3. .
cekay1 24.02.2014
"Gott bewahre uns!" Jakob Augstein ist wieder da. Neuer Artikel, geiche alte linksradikale Kost.
4. Grundidee des Westens: Gleichheit des Menschen?!...
cruiserxl 24.02.2014
...komisch gerade im Wersten spürt man davon gar nichts - dachte das sind eher Dinge die der Sozialismus gefördert hat - dort fand ich es gut...
5. Position beziehen
twaddi 24.02.2014
Es gibt BuchhändlerInnen, die nehmen dieses Buch nicht ins Sortiment. Gute Idee. Ich werde weder Zeit noch Platz im Regal an diesen Mist verschwenden.
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