S.P.O.N. - Im Zweifel links: Rosa Anstrich für die CDU

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Merkel: So beweglich wie die Kanzlerin ist ihre Partei noch lange nicht

Jetzt umarmt die Union auch noch die Schwulen - nach Wehrflüchtlingen und Atomgegnern sollen auch Homosexuelle in der CDU glücklich werden. Gut so. Aber wenn schon Wende, dann richtig: Wir brauchen die Homo-Ehe.

Die armen CDU-Mitglieder! Ihre wendefreudige Kanzlerin hat ihnen schon so viel zugemutet: bei Wehrpflicht, Atomkraft, Euro-Rettung - so viele rote Linien, und nirgends gab es ein Halten. Jetzt die Schwulen. Fehlt noch, dass die CDU ihre Liebe zu Ausländern entdeckt, dann braucht man keine Grünen mehr.

Vielleicht ist Merkels plötzliche Schwulenfreundlichkeit ein Vorgriff auf eine schwarz-grüne Koalition nach der Bundestagswahl. Aber Vorsicht vor der Vorfreude! So beweglich wie Merkel ist die Union noch lange nicht. Die Widerstände gegen die Gleichberechtigung der Homosexuellen wachsen, je näher man dem Kern der Auseinandersetzung kommt: der Ehe. Wenn die Kanzlerin ihre Union wirklich modernisieren will, muss sich Deutschland endlich für die Ehe für Homosexuelle öffnen.

Das Bundesverfassungsgericht hat den Schwulen mehr Rechte bei Adoptionen eingeräumt. Das ist nur auf den ersten Blick ein Spezialthema ohne Bedeutung für die Mehrheit der Bevölkerung. In Wahrheit ist es ein weiterer Schritt auf dem Weg einer gesellschaftlichen Revolution: der vollkommenen Gleichberechtigung von Homosexuellen in Deutschland. So hat es offenbar auch die CDU verstanden. Dort denkt man nun nicht nur - gezwungenermaßen - über ein neues Adoptionsrecht nach. Sondern auch - freiwillig - über die steuerliche Gleichbehandlung homosexueller Paare. Aber das ist zu wenig.

Anstatt diesen langwierigen Prozess der Gleichberechtigung in kleinen Schritten immer weiter fortzusetzen, sollte die Regierung endlich den mutigen Satz nach vorne machen: Wir brauchen die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. In den Niederlanden, Belgien, Spanien, Norwegen, Schweden, Portugal, Island und Dänemark geht das ja auch. Wenn für alle Paare die gleichen Regeln gälten, bräuchte es keine Fülle von komplizierten Sonderregelungen, die am Ende ohnehin darauf hinauslaufen, dass zwischen homo- und heterosexuellen Paaren nicht mehr diskriminiert wird.

Rosa Anstrich für die Union? Das wird schwierig!

Genau das wollen die Konservativen bei den Konservativen nicht. NRW-Fraktionschef Karl-Josef Laumann sagt, die CDU sollte "schon deutlich machen, dass sie weiter die Partei ist, die der Ehe aus Mann und Frau auch künftig den Vorzug einräumt". In der CSU ist man ohnehin dieser Meinung. Norbert Geis, Urgestein aus Aschaffenburg, redet zum Thema Homosexualität kantig-konservativen Klartext: "Eltern sind nun mal Vater und Mutter", und darum seien Homo-Ehen nicht "naturgemäß". Und dann gibt es ja noch den Wahlkreis Fulda, Heimstatt des schneidigen Alfred Dregger und des glücklosen Martin Hohmann, der in einer Rede im Zusammenhang mit dem Judentum den Begriff "Tätervolk" verwendet hatte. Die Fuldaer hatten beim Parteitag im Dezember diesen Antrag eingereicht: "Der CDU-Bundesparteitag wendet sich entschieden gegen jeden Versuch, die Förderung und steuerliche Privilegierung der von unserer Verfassung besonders geschützten Ehe und Familie zu schwächen."

Da wird Merkel es schwer haben, der Union noch rechtzeitig vor der Bundestagswahl einen rosa Anstrich zu verpassen. Auch ihr Fraktionschef Volker Kauder, der eine Mehrheit für einen liberaleren Umgang mit Homosexuellen beschaffen soll, handelt ja gegen seine eigene Überzeugung. Neulich hatte er noch gesagt: "Ich glaube nicht, dass sich Kinder wünschen, in einer homosexuellen Partnerschaft aufzuwachsen."

Was den gesellschaftspolitischen Fortschritt angeht, ticken die Unionsuhren immer etwas langsamer. Aber immerhin sind sie nicht stehen geblieben. Schwer vorzustellen, dass heute ein CDU-Politiker im Bundestag einen Schwulenwitz macht, wie vor knapp zehn Jahren der Saarländer Peter Müller. Der grüne Homosexuelle Volker Beck hatte in der Frage des Zuwanderungsgesetzes die Formulierung gebraucht, man müsse den Bundesländern "Feuer unterm Hintern" machen - und da wollte Müller auf eine entsprechende Zote nicht verzichten.

Wenn man heute Milieus mit offener Homophobie sucht, muss man in gesellschaftliche Randbereiche vordringen - auf Anhieb fallen einem nur die Islamisten, das rechte Blog "Achse des Guten" und der deutsche Fußball ein. Immerhin für den Fußball gibt es Hoffnung: Nach Informationen des SPIEGEL erarbeitet eine achtköpfige Expertengruppe im Auftrag des DFB einen regelrechten Leitfaden für den Umgang mit Coming-outs. Das ist dort ungefähr so revolutionär wie die Einführung des elektronischen Torbeweises.

Im Grundgesetz wird die Ehe unter den besonderen Schutz des Staates gestellt. Gut so. Es geht um Liebe, Vertrauen, Stabilität, Familie, Zusammenhalt. Davon kann kein Staat jemals genug haben. Darum will auch niemand das Grundgesetz ändern. Aber im Grundgesetz steht nichts davon, dass nur Männer und Frauen die Ehe eingehen können. Hamburg will im Bundesrat beantragen, das Bürgerliche Gesetzbuch zu ändern. Wenn dort künftig festgehalten wird, dass die Ehe eine Lebensgemeinschaft zweier Menschen ist, dann genügt das vollkommen. Der Rest der Revolution entwickelt sich von selbst. Wenn Merkel es ernst meint mit der Modernisierung ihrer Union, sollte sie diesem Vorschlag zustimmen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
heiko1977 25.02.2013
Zitat von sysopGetty ImagesJetzt umarmt die Union auch noch die Schwulen - nach Wehrflüchtlingen und Atomgegnern sollen auch Homosexuelle in der CDU glücklich werde. Gut so. Aber wenn schon Wende, dann richtig: Wir brauchen die Homo-Ehe. Jakob Augstein zur Debatte um Homo-Ehe in der Union - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-zur-debatte-um-homo-ehe-in-der-union-a-885342.html)
Herzlichen Glückwunsch CDU! Sie ist endlich im 21. Jahrhundert angekommen, zu mindestens teilweise. Nur leider erscheint dies dann doch, wie der FDP Vorstoß in der Mindestlohnfrage, nur ein wahltaktisches Verhalten zu sein. Mal abwarten was davon bei einer schwarz- gelden Wiederwahl herum kommt.
2. Guter Kommentar
veritas31 25.02.2013
lieber Augstein! Es wird aber nicht allzu lange dauern, bis sich die ersten konservativen Spinner hier zu Wort melden und mal wieder die schöne, mittelalterliche Welt(sicht) retten wollen. Wenn diese Zeitgenossen dann ihren Senf abgegeben haben, wird dann im Anschluss wieder schnell ein Lesbenporno auf Youporn angesehen - ganz im Sinne der konservativen Weltsicht ;-)
3. ...
deus-Lo-vult 25.02.2013
Zitat von sysopGetty ImagesJetzt umarmt die Union auch noch die Schwulen - nach Wehrflüchtlingen und Atomgegnern sollen auch Homosexuelle in der CDU glücklich werde. Gut so. Aber wenn schon Wende, dann richtig: Wir brauchen die Homo-Ehe. Jakob Augstein zur Debatte um Homo-Ehe in der Union - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-zur-debatte-um-homo-ehe-in-der-union-a-885342.html)
Tja Frau Merkel, und schon bekommen Sie eine Stimme weniger!
4. Das geht jetzt ganz schnell...
fatherted98 25.02.2013
....wie bei der Energiewende. Spätestens im Sommer sind die Gesetze durch...und SPD und Grüne können gar nicht anders als zustimmen...ich lach mich schief....Mutti macht das Rennen.
5. optional
tajof 25.02.2013
"Jetzt umarmt die Union auch noch die Schwulen" "Das Bundesverfassungsgericht hat den Schwulen mehr Rechte bei Adoptionen eingeräumt." "Jetzt die Schwulen." "plötzliche Schwulenfreundlichkeit" ... in einem Artikel über die Homo-Ehe lediglich auf Schwule einzugehen und Lesben vollkommen zu ignorieren: beachtlich!
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Jakob Augstein
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