Kampf gegen rechts Hater sind immer die anderen

Sind Deutsche "Kartoffeln"? Und das ganze Land eine "Dreckskultur"? Im Kampf gegen die drohende Machtergreifung der Faschisten ist keine These zu abwegig und kein Vergleich zu steil.

Anti-Nazi-Protest in Wien, 13. Oktober 2017
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Anti-Nazi-Protest in Wien, 13. Oktober 2017

Eine Kolumne von


Ich liebe Sibylle Berg. Wirklich. Ich schätze auch meine Kollegen Georg Diez und Jakob Augstein sehr. Ich habe ein Herz für Menschen, die sich wünschen, die Welt wäre ein hellerer, freundlicherer Platz. Ob sie mit ihren publizistischen Interventionen gegen Rassismus, Fremdenhass und den Egoismus des Menschen obsiegen, steht auf einem anderen Blatt. Wie man weiß, zeigt sich die Wirklichkeit mitunter erstaunlich obstinat gegen gutes Zureden. Aber ich bewundere die Anstrengung, der sie sich Woche für Woche unterziehen. Da sie meine Mitkolumnisten sind, liebe ich sie ohnehin.

In den vergangenen Wochen hat sich der Ton verdüstert. Am Samstag hat die Kollegin Berg einen Beitrag verfasst, den man so verstehen musste, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, bis die braunen Horden das Land übernehmen. Während die Linken ihre Zeit mit Reden vertändeln würden, bereiteten die Faschisten die nächste Machtübernahme vor. "Die ersten Schaufenster werden beschmiert und Fahnen gehisst", schrieb Berg. "Die Zeit des Redens ist vorbei. Es geht um die Rettung der Menschlichkeit."

Mein Gott, habe ich gedacht: Was ist bloß in meine gute, alte Bille gefahren? Ich dachte immer, sie sei Schriftstellerin und Theaterautorin und nicht Widerstandskämpferin. Seit wann hat sie sich bei der Antifa eingeschrieben?

Wenn es um den Aufstand von rechts geht, schwankt man auf der Linken zwischen Selbstüberschätzung und Hysterie. Einerseits sonnt man sich im Gefühl, der Mehrheit der Guten anzugehören. Oder wie es jetzt heißt: der 87 Prozent, die nicht die AfD gewählt haben. Am Wochenende haben in Berlin Tausende demonstriert, um Zeugnis abzulegen, wer die wahre Macht im Lande ist.

Die Antifa als letzte Hoffnung sehen, die uns vom Abgrund trennt

Dem Satz mit den 87 Prozent begegne ich derzeit öfter. Seit Kurzem steht er sogar an dem Schaufenster des Optikers in der Münchner Schellingstraße, an dem ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit vorbeikomme. Ein offener Brief an die AfD im Vorfeld der Berliner Demonstration ist 500.000-mal unterschrieben worden. Das sind jetzt nicht exakt 87 Prozent. Aber es tut in jedem Fall gut zu wissen, dass man auf der richtigen Seite steht.

Anderseits ist das Vertrauen in die eigenen Kräfte erstaunlich brüchig. Nur so ist es aus meiner Sicht zu erklären, wenn selbst Menschen wie Sibylle Berg, die ansonsten nicht zum Überschwang neigen, die Antifa als das Letzte sehen, was uns vom Abgrund trennt.

Ein Teil der Aufregung ist dem Umstand geschuldet, dass ein Intellektuellenleben normalerweise eher ereignislos verläuft. Die meiste Zeit verbringt man am Schreibtisch, weshalb man als Schriftsteller dazu neigt, Einbrüche in diese Routine überzubewerten. Ich habe Sibylle Berg nie in Zürich aufgesucht. Ich weiß, dass sie ihr Leben nicht nur mit Blick auf den Zürichsee verbringt. Aber, liebe Bille, gib es doch zu, würde ich ihr sagen, du kennst doch trotzdem gar keine richtigen Rechten. Außer Roger Köppel, aber das ist die Schweizer Ausgabe eines Rechten, der zählt nicht.

In einem haben die Kollegen zweifellos recht: Was die Linke bislang zustande bringt, um die Diskurshoheit zu verteidigen, ist ziemlich dürftig. Auf der Buchmesse in Frankfurt haben sie selbst gemachte Plakate für "Freiheit und Vielfalt" hochgehalten, weil der Verleger Götz Kubitschek mit seinem Antaios-Verlag einen winzigen Stand bezog. Der Frankfurter Oberbürgermeister verteilte Flyer, die für die Aktion "Mut - mutiger - Mund auf" warben. Nun ja. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es bekanntlich nur ein kleiner Schritt.

Eine andere Möglichkeit wäre, dass man sich auf die Bühne setzt und den Leuten die Stirn bietet, deren Auffassungen man so schrecklich findet, dass sie einem Schluckauf verursachen. Aber das mache die Rechte nur stärker, heißt es. "Wenn man mit ihnen spricht, dann erkennt man sie und ihre Ideen an", hat die französische Schriftstellerin Virginie Despentes gerade in einem Interview mit dem Kollegen Felix Bayer vom Kulturressort erklärt. Die Verweigerung des Diskurses, um das Modewort zu benutzen, ist intellektuell keine besonders befriedigende Postion. Das wissen auch diejenigen, die nicht mit Rechten reden wollen. Deshalb wird das Gegenüber dämonisiert.

Freiheit der Meinung und der Rede ist gar keine so schlechte Utopie

Auf mich wirken Leute wie Götz Kubitschek nicht dämonisch, sondern eher skurril. Mir fehlt die Fantasie, um mir vorzustellen, dass aus einem sachsen-anhaltinischen Bauernhof mit angeschlossenem Buchgeschäft die nächste nationale Revolution ausgehen soll. Es gibt auf der Rechten die Theorie, dass zehn Prozent der Bevölkerung reichen, um den Umsturz zu bewerkstelligen. Aber das haben auch schon die Marxisten gedacht. Tatsächlich ist das System ziemlich gut darin, Widerständiges aufzusaugen, das wird mit Leuten wie Kubitschek nicht anders sein. Es spricht jedenfalls sehr viel mehr für die Annahme, dass der Kapitalismus die Identitären überwindet als die Identitären den Kapitalismus.

Die Diskussion, was man gegen rechts tun könne, krankt daran, dass man die Maßstäbe, die man an andere anlegt, nicht für sich selbst gelten lässt. Hater sind immer die anderen. Im Netz macht gerade der Text einer jungen "taz"-Autorin Karriere, in dem sie Deutsche als "Kartoffeln" beschimpft und der ganzen "deutschen Dreckskultur" den Untergang wünscht. Man kann Deutsche meinetwegen auch als Gurken oder Avocados bezeichnen. Ich bin da relativ unempfindlich.

Das Problem an solchen Texten ist, dass sie sich nur schwer mit den Empfehlungen der Anti-Hatespeech-Broschüren in Einklang bringen lassen, deren Produktion inzwischen eine ganze NGO-Industrie am Leben hält. Kaum war die "taz"-Beschimpfung erschienen, konnte man auf den entsprechenden Seiten eine kuriose Diskussion verfolgen, warum die Abwertung von Gruppen oder Völkern normalerweise einen klaren Fall von Rassismus darstellt, im Fall der deutschen Dreckskultur aber nicht.

"Was man tun kann, ist wohl nur, etwas Stärkeres zu entwickeln. Eine alternative Utopie, ein alternatives Begehren", hat Virginie Despentes in dem Interview mit Bayer gesagt. Freiheit der Meinung und der Rede ist gar keine so schlechte Utopie, wäre meine Antwort. Sie setzt allerdings voraus, dass man sich an das hält, was man für andere fordert.

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insgesamt 246 Beiträge
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Seite 1
mkalus 26.10.2017
1. Und in den USA....
---Zitat--- . Kaum war die "taz"-Beschimpfung erschienen, konnte man auf den entsprechenden Seiten eine kuriose Diskussion verfolgen, warum die Abwertung von Gruppen oder Völkern normalerweise einen klaren Fall von Rassismus darstellt, im Fall der deutschen Dreckskultur aber nicht. ---Zitatende--- Geht es direkt gegen "die Weisse Rasse". Die Linke hat sich irgendwo ganz arg verlaufen und die Lösung dafür scheint zu sein auf alles draufzuhauen was wie einer selbst aussieht. Wenn ich mir das alles so anschaue dann fällt mir nur ein: "Spiegeln, Spiegeln an der Wand..." denn es scheint vor allem der Selbsthass zu sein der das ganze treibt. Natürlich auf die andere Seite Projiziert. Und wehe jemand wagt es da nicht mitzusingen, da werden dann u. U. auch Karrieren zerstört. Es scheint fast so die "Linke" erlaubt sich unter Falscher Flagge all das Dunkle und Eklige rauszulassen was man "befürchtet" der andere könnte u. U. tuen. Im Englischen gibt es natürlich auch schon einen Namen dafür: "Regressive Left".
mymindisramblin' 26.10.2017
2. Das Problem ist
dass die heutigen sogenannten Linken doch gar keinen ideologischen theoretischen Unterbau mehr haben. Meine Generation hat damals in den 80ern auch gegen Wackersdorf und die Pershing 2 Nachfüstung und die NPD demonstriert und ja, ab und zu haben wir uns auch mit den Rechten oder der Polizei geprügelt. Aber es wurde eben auch viel diskutiert und theoretisiert, während die heutige Antifa vielleicht noch einTattoo von Che Guevara auf dem Oberarm trägt, aber Garibaldi für eine Käsesorte hält und von Marcuse noch nie gehört hat. Und wenn man mal in den sozialen Netzwerken umherschaut, da wird jeder Andersdenkende sofort mit der großen Nazi– und Rassistenkeule niedergemacht, offenbar reicht es heute schon links zu sein um immer recht zu haben. Argumente zählen nicht mehr, es wird sich immer nur auf die höhere Moral berufen, und inzwischen ist es mir, als Altlinkem, völlig egal wenn mich so ein paar Halbstarke als Nazi verunglimpfen. Dieses Pamphlet in der TAZ habe ich auch gelesen und ich glaube einfach nur dass dieser Dame die intellektuelle Kapazität fehlt um mit einer gehaltvollen Kolumne veröffentlicht zu werden, also wird halt provoziert. Dagegen ist noch Margarete Stokowski eine Intellektuelle...
aschie 26.10.2017
3. Aufpassen aber nicht durchdrehen
Ich als vermeintlich Linker hab den Artikel von Frau Berg auch gelesen und fan das auch ein bischen übertrieben. Natürlich wird die AfD überbewertet keine Frage.Und vieleicht kommt diie nächste deutsche Kathastrophe gar nicht von Rechts sondern ganz woanders her .Wer weiss das schon. Trotzdem darf das auch nicht verharmlost werden. Niemand konnte sich 1920 einen Adolf Hitler als Reichskanzler vorstellen 13 Jahre spähter war es dann so weit.
riedlinger 26.10.2017
4. Dankeschön!
Sehr apart, dass sich die SPON-Kolumnistenszene zu Diskussionen aufrafft, die ich im Bundestag vermisse. Herrn Fleischhauer ist zu danken, dass er eine Haltung einführt, die eine ur-finnische Haltung verkörpert, nämlich "Sisu" - ein hochsympathische Art von Gelassenheit (bei Wikipedia und Google Translate völlig falsch übersetzt). Es ist schlimm, dass sich alle, wirklich alle politischen Akteure von der unheilvollen AfD-Ungelassenheit haben anstecken lassen. Und wie sich alle zu PR-Agenten der AfD machen, vom Diskussionsboykott über Herabwürdigungen bis hin zum "Pack"! Tucholsky kannte dafür einen wunderbaren Begriff: die "verfolgende Unschuld".
alaskafuchs 26.10.2017
5. Na, dann mal ran an´n Speck!, Herr Fleichhauer!
"Freiheit der Meinung und der Rede ist gar keine so schlechte Utopie, wäre meine Antwort. Sie setzt allerdings voraus, dass man sich an das hält, was man für andere fordert." Das finde ich schon lange. Neuerdings reden auch alle davon, seitdem die AfD im Bundestag sitzt. Warum scheuen die Journalisten eigentlich das Grundsatzprogramm der AfD wie der Teufel das Weihwasser? Dahinter stehen neben ein paar Schreihälsen immerhin ca. 28.000 Miglieder, deren Bildungsdurchschnitt nicht schlechter ist als der anderer Parteien. Ich wünsche mir, dass sich EINMAL ein Journalist das Programm Punkt für Punkt vornimmt, ohne endlose Polemik. Ich persönlich hätte z. B. nichts gegen die Punkte 1.1. Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild 1.6.2 Einführung eines Straftatbestandes der Steuerverschwendung 9.7. Einbürgerung- Abschluss gelungener Integration. Auch einem Herrn Glaser sollte man zuhören, aber vorher mal kurz in den Koran hineinschauen...
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