S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal In Gaschkes Manufactum-Welt

Der Fall der Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke gilt als Beispiel für die Brutalität des politischen Geschäfts. Tatsächlich zeigt die Affäre um die ehemalige Politikredakteurin, was passiert, wenn man den parlamentarischen Alltag mit einer Redaktionskonferenz der "Zeit" verwechselt.

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Susanne Gaschke: Wenn sich "Zeit"-Journalisten in die Politik verirren
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Susanne Gaschke: Wenn sich "Zeit"-Journalisten in die Politik verirren


Die politische Konferenz der "Zeit" ist ein idealer Ort, um die Welt ein wenig besser und gerechter zu machen. Die Menschen, die sich hier jeden Freitag treffen, verfügen über mindestens einen Hochschulabschluss. Der Ton ist gesittet, eher Tutzing als Hafenstadt, die Themen sind immer die großen Themen. Das Sterben in Syrien. Die Zukunft der deutschen Bildung. Amerikas Verantwortung für die Welt. Manchmal nimmt mit Helmut Schmidt der Weltgeist persönlich am Tisch Platz, um die Runde an seinen Einsichten teilhaben zu lassen. Wenn es einen Preis für pädagogisch wertvollen Journalismus gäbe, in dieser Redaktion fände man auf Anhieb Jury und Preisträger.

Susanne Gaschke war 15 Jahre Mitglied der "Zeit". Zu ihren Aufgaben als politische Redakteurin gehörte auch die Berichterstattung über die SPD, deren Schicksal wohlmeinenden Menschen naturgemäß besonders am Herzen liegt. Dass sie seit 25 Jahren Mitglied der Partei ist, über die sie schrieb und für die ihr Mann nun zum fünften Mal in den Bundestag eingezogen ist, war offenbar nie ein Problem. Solange man für die gute Sache einsteht, ist eine gewisse Parteilichkeit bei der "Zeit" durchaus gern gesehen. Parteinahme für die richtige Sache heißt hier Engagement, auch wenn es auf dasselbe hinausläuft. Nur in die andere Richtung sollte man es nicht versuchen: Schon das Zusammenleben mit einem FDP-Politiker kann einem die Karriere verhageln, da muss man noch nicht einmal verheiratet sein.

Seit knapp einem Jahr ist Gaschke Oberbürgermeisterin von Kiel. Wer anderen ständig sagt, wie sie regieren sollen, kommt irgendwann an einen Punkt, wo er sich fragen muss, warum er die Sache nicht selber in die Hand nimmt. Die meisten Journalisten scheuen vor dem Wechsel zurück, weil ihnen der Weg nach oben zu mühsam und das Arbeitsplatzrisiko zu hoch ist: Insofern kann man der ehemaligen "Zeit"-Redakteurin zu ihrem Schritt nur gratulieren. Leider ist der Transfer von der Redaktion ins Parlament nicht ganz so reibungslos verlaufen, wie sich die Leute, die sie wählten, das vorgestellt haben.

Manufactum-Blick auf die Welt

Es ist müßig, die Details der Affäre zu wiederholen, die sich jetzt mit ihrem Namen verbindet. Im Kern geht es um einen Steuerdeal, den Gaschke abgezeichnet hat, ohne vorher das Parlament zu fragen, also die Art von Voreiligkeit, wie sie im Verwaltungsalltag häufiger vorkommt und über deren Folgen man anderswo, zum Beispiel im Roten Rathaus in Berlin, nur die Achseln zuckt. Dass die Angelegenheit so eskalierte, dass zwischenzeitlich der Generalstaatsanwalt von Schleswig-Holstein damit befasst war, ist im Wesentlichen ihr eigenes Verdienst.

Der Fall der Kieler Oberbürgermeisterin gilt als Beispiel, was passiert, wenn es Journalisten in die Politik verschlägt. Aber das ist nicht ganz richtig: Er zeigt, was passieren kann, wenn sich "Zeit"-Journalisten in die Politik verirren. Wo Gaschke herkommt, glaubt man fest daran, dass es nur ein wenig guten Willen braucht, damit sich die Dinge zum Besseren wenden. Man kann es auch den Manufactum-Blick auf die Welt nennen: Es gibt sie noch, die guten Menschen, man muss sie bloß in Ruhe ihr Werk verrichten lassen. Die nüchterne Betrachtung, die immer auch mit der Präsenz des Bösen kalkuliert, gilt als zynisch. Zynisch zu sein, ist in der "Zeit" der schlimmste Vorwurf.

Susanne Gaschke brachte schon die Frage aus der Fassung, ob sie für ihr Amt geeignet sei. Es gibt einen etwa achtminütigen Mitschnitt eines Auftritts vor dem Rat der Stadt, in dem sie sich mit brechender Stimme gegen die Zweifel der Opposition an ihrer Qualifikation wehrt. Sie habe sich gefragt, ob sie "das aushalten" könne, ob sie diese "Politik des persönlichen Niedermachens" wirklich durchstehen wolle: "Das enttäuscht mich so furchtbar, das geht mir so nah, weil ich so sehr versucht habe, nicht diese Art des schlechten politischen Spiels zu spielen." Wer sich als Vertreter eines Lagers sieht, das immer nur das Beste will, kann gar nicht anders, als Politik persönlich zu nehmen. Jeder Angriff auf die Person ist dann ein Angriff auf die Sache, für die man steht. Und umgekehrt.

Tränen aus Selbstmitleid sind für die Karriere hinderlich

Die Einführung der Befindlichkeit als politische Kategorie ist eine Errungenschaft der achtziger Jahre, doch anders als die Karottenhose oder die Neue Deutsche Welle hat sich dieses Zeitgeistphänomen als erstaunlich zählebig erwiesen. Die eigene Betroffenheit zum Maßstab politischen Handelns zu erklären, ist bis heute ein todsicheres Rezept, um erst Sympathien und dann Stimmen auf sich zu vereinen. Wo sich die Träne zeigt, müssen alle Einwände für immer schweigen.

In einigen Kommentaren konnte man lesen, das politische Klima in Schleswig-Holstein sei besonders brutal. Gaschkes Schicksal wurde schon mit dem der armen Heide Simonis verglichen, die ein Missgünstling aus den eigenen Reihen zu Fall brachte. Aber das ist Unsinn.

Gaschke hat einen Kategorienfehler begangen, das war ihr entscheidendes Versehen. Auch im Emotionalienhandel sollte man Betroffenheit nicht mit Weinerlichkeit verwechseln. Eine Claudia Roth hat immer gewusst, wann es an der Zeit war, aus einem mit bebender Stimme beklagten Missstand Gewinn zu schlagen.

Tränen aus Mitleid sind gut, Tränen aus Selbstmitleid hingegen für die Karriere eher hinderlich. Diese Erfahrung musste schon der Kanzlerkandidat machen. So gesehen befindet sich die Kieler Oberbürgermeisterin in prominenter Gesellschaft, vielleicht ist das ja ein Trost.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 172 Beiträge
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Seite 1
EvilGenius 10.10.2013
1. Wer, was, wo, wann und warum?
---Zitat--- Der Fall der Kieler Oberbürgermeisterin gilt als Beispiel, was passiert, wenn es Journalisten in die Politik verschlägt. ---Zitatende--- Und was ist nun passiert? Sorry, dass ich so dumm frage, höre den Namen Gaschke heute zum ersten mal.
MartinK. 10.10.2013
2. Meines Wissens nach
Zitat von EvilGeniusUnd was ist nun passiert? Sorry, dass ich so dumm frage, höre den Namen Gaschke heute zum ersten mal.
hat sie eigenmächtig einem Steuerschuldner die Schuld in höhe mehrerer Millionen erlassen. Allerdings ist das auch nur nebenbei aus einem TV-Bericht herausgehört. Wahrscheinlich weiß jemand näheres.
Oepen 10.10.2013
3. .
Wer in der Politik "die nüchterne Betrachtung, die immer auch mit der Präsenz des Bösen kalkuliert", nicht zur Grundlage seines Handelns postuliert, ist als politisch Agierender schlicht disqualifiziert. Insofern hat Jan Fleischhauer den Nagel auf dem Kopf getroffen.
metakonstant 10.10.2013
4. Oh!
Zitat von sysopDPADer Fall der Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke gilt als Beispiel für die Brutalität des politischen Geschäfts. Tatsächlich zeigt die Affäre um die ehemalige Politikredakteurin, was passiert, wenn man den parlamentarischen Alltag mit einer Redaktionskonferenz der "Zeit" verwechselt. Jan Fleischhauer Kolumne: Kiels Oberbürgermeisterin Gaschke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-kolumne-kiels-oberbuergermeisterin-gaschke-a-927064.html)
Ich wundere mich, dass man nach so vielen Jahren politischen Journalismus' so naiv sein kann ... aber genau darum ging es wohl Herrn Fleischhauer ... oder so so will er es gedeutet haben ... wie auch immer. Schade eigentlich für das politische Klima.
gleitschirm 10.10.2013
5. Bitte schön, EvilGenius
Zitat von EvilGeniusUnd was ist nun passiert? Sorry, dass ich so dumm frage, höre den Namen Gaschke heute zum ersten mal.
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