S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Wir Antiamerikaner

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Der Täter als Bewährungshelfer - das war schon immer die Paradedisziplin des guten Deutschen. In der NSA-Debatte kommt alles zusammen: der hohe Ton der Entrüstung, der schiefe Vergleich und der Drang zur Selbsterhöhung gegenüber den USA.

"Zuhören statt abhören", steht auf den Plakaten, die die Piraten in München kleben. Mich überkam ein Moment der Rührung, als ich das am Wochenende las. Dass sich alle Probleme lösen lassen, wenn man sich an den Händen fasst und dabei tief in die Augen schaut, habe ich zuletzt in den Achtzigern gehört, als an Anfang und Ende jeder Beziehung eine Therapie stand. Genauso gut hätten die Piraten auch schreiben können: "Zärtlichkeit statt Big Brother", "Das weiche Wasser bricht den Stein". Oder, ganz klassisch: "Schwerter zu Pflugscharen".

Anhänger von Zeitreisen kommen in diesen Tagen voll auf ihre Kosten. Man muss nur ein paar Empörungsverstärker der Besorgnisindustrie zu sich nehmen, die von "taz" bis "Stern" angeboten werden, und man ist zurück in jenem tragischen Jahrzehnt, als in Deutschland schon einmal gezittert und gezagt wurde, was das Zeug hielt. Alles ist wieder da: der hochgespannte Ton rechtschaffener Entrüstung; der schiefe Vergleich, der um so schiefer wird, je mehr er "aufrütteln" soll, wie ein unvermeidliches Begleitwort dieser Art von Debatten heißt; das sich selbst entzündende Betroffenheitsgequassel, und natürlich, am Ende der Schriftstellerappell.

Diesmal sind es nicht Atomraketen in ihren Betonsilos, gegen die all die Mahner und Warner ihr Wort einlegen, sondern die Datenkrake im NSA-Bunker. In der "FAZ" habe ich gelesen, dass uns die "Datenapokalypse" droht. Ich habe zugegebenermaßen Schwierigkeiten, mir das vorzustellen. Die Gefahr durch die amerikanischen Pershing-Raketen war leicht zu sehen: Man musste nur die Sprengköpfe zählen und mit dem atomaren Fallout multiplizieren. Aber wie berechnet man den millionenfachen Datentod? Anyway, wie der Amerikaner sagen würde: In jedem Fall steht uns die Katastrophe ins Haus beziehungsweise in der Tür, darüber besteht weitgehend Einigkeit.

Dass der eigentliche Menschheitsfeind jenseits des Atlantiks sitzt, gehört zu den Stereotypen, ohne die seit 1968 keine Debatte auskommt, in der es um Frieden und Freiheit in der Welt geht. Seit die Studenten "USA-SA-SS" skandierten, liegt diese Platte immer auf dem Teller, jetzt heißt es eben "Prism = Fascism". Man kann schon von Glück sagen, wenn nicht gleich wieder an Vietnam oder den "Holocaust" an den Indianern erinnert wird. Dafür lauert jetzt irgendwo der Hinweis auf Guantanamo, die Folterpraktiken in den Geheimgefängnissen und den "völkerrechtswidrigen" Drohnen-Krieg.

Datenfusion mit Folgen

Es ist eine kuriose Begleiterscheinung dieser Schuldverrechnung, dass die Achtung nationaler Souveränität besonders vehement von Leuten angemahnt wird, die sonst bei jeder Deutschlandfahne einen Herzkrampf bekommen. Aber die Rolle des ehemaligen Täters als internationaler Bewährungshelfer war schon immer die Paradedisziplin des aufgeklärten Deutschlands, das hat sich schon im Umgang mit Israel bewährt.

So darf auch diesmal das Argument nicht fehlen, gerade wir Deutsche seien aufgrund unserer Diktaturerfahrung besonders sensibel, was die Einschränkung von Bürgerrechten angehe. Man muss das wohl so verstehen, dass wir wissen, wie schnell sich ein Staat gegen seine Bürger richtet, womit wir irgendwie alle auf die Seite der Opfer gerutscht sind. Selbstverständlich sind wir auch demokratisch bewusster und sittlich gefestigter als die Freiheitsbringer von einst. Dass ausgerechnet der kulturlose GI dem Nazi-Wahn ein Ende bereitet hat, ist ein Trauma, das sich generationenübergreifend gehalten hat.

Wer sich wirklich um bürgerliche Freiheitsrechte sorgt, müsste eine ganz andere Diskussion führen. Die eigentliche Gefahr geht nicht von übermächtigen Geheimdiensten aus, die wissen wollen, mit wem wir in Kontakt stehen. Der Datenhunger der NSA mag paranoid sein, aber er beschränkt nicht unsere Freiheit, es sei denn, man glaubt ernsthaft, dass die Informationen erhoben werden, um uns damit zu erpressen.

Der wahre Freiheitseingriff droht uns von den Unternehmen, die wir in unser Leben lassen, damit sie uns dieses erleichtern. Wer für einen Zufall hält, dass bei Google und Amazon neben dem Suchfeld immer genau die Hinweise auftauchen, die uns auch interessieren, weiß nichts über den Perfektionsgrad der Algorithmen, die im Hintergrund arbeiten. Und das ist erst der Anfang. Bald wird uns unsere Zahnbürste sagen, wann wir den Bürstenkopf wechseln, unsere Schuhe, wie viel wir uns bewegt haben, unsere Uhr, was die Wetteraussichten sind. Wir reden hier nicht von einer fernen Zukunft, sondern von vielleicht fünf Jahren.

Die Maschinen berechnen nicht nur, was voraussichtlich als nächstes geschieht, sie klassifizieren und sortieren uns, ohne dass wir die Kriterien dafür kennen und nachvollziehen können. Jede Datenfusion kann Folgen haben - für den nächsten Kreditvertrag oder die neue Krankenpolice. Man muss nur die Informationen aus der Zahnbürste oder der Armbanduhr mit den Statistiken der Versicherer verbinden. Da nützt kein Verschlüsselungsprogramm und keine Cryptoparty. Es gibt in diesem Fall auch keinen Geheimdienstausschuss, der darüber wacht, ob alles mit rechten Dingen zugeht.

Warum man ausgerechnet Linken Skepsis gegenüber privatwirtschaftlich organisierten Konzernen beibringen muss, ist eine der Eigentümlichkeiten der Datendiskussion, von der man nur hoffen kann, dass sie bald vom Kopf auf die Füße kommt. "Selbst Geheimdienste unterliegen immerhin einer parlamentarischen Kontrolle, über deren Wirksamkeit man noch mal gesondert streiten kann", schrieb Yvonne Hofstetter gerade in einem sehr beachtenswerten Aufsatz in der "FAZ". "Schlimmer steht es um die Nutzung unserer persönlichen Daten durch private Unternehmen. Hier gibt es keine Kontrolle, keine Geheimhaltung, kein erhöhtes Strafmaß. Hier herrscht derzeit nur Wilder Westen."

Aber diese Diskussion ist natürlich unendlich komplizierter als die gegenwärtige Aufregung über die amerikanischen Spionageprogramme. Da kann man nicht mal eben die Kanzlerin zur Minna machen oder Obama zu Hitler.

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insgesamt 510 Beiträge
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1. Fleischhauer lebt halt in der Vergangenheit....
phoibosdelphi 25.07.2013
....anders kann ich mir seine Zukunftvisionen von "Wettervorhersageuhren" und "Kilometerzählerschuhen" nicht vorstellen.... sicher kommt in "etwa fünf Jahren" auch der pferdelose Wagen. Ansonsten der übliche, paranoide "Die Linken sind unser Unglück"-Mist wie jede Woche. Spiegel, mach was, Augstein sen. rotiert im Grab ob solchem Qualitätsjournalismus!
2. Welch ein witziger Beitrag
Klarsicht 25.07.2013
Ist dies nun ein ernsthaft gemeinter Beitrag , oder eine geschickt formulierte Satire ? Sollte dies ernst gemeint sein , hat unser lieber Jan dringenden Nachholbedarf in amerikanischer Politik der letzten 60 Jahre .
3. Was?
jue711 25.07.2013
Was sollte denn das werden? Wieder einer der mit den Begriffen "Die Wirtschaft", "Der Staat", "Die Gesellschaft" wohl nicht wirklich etwas anzufangen weiß. Mal systemtheoretisch aus der Feder des Autodidakten: Wir (Gesellschaft auf dem Gebiet der BRD) beauftragen den Staat (Also Regierung usw.) mit der Schaffung von Rahmenbedingungen (also auch Grenzen) für den Einzelnen, Gruppen oder auch Firmen. "Die Wirtschaft" (ich wüßter verdammt gerne wer dieser immer wieder gezogene Joker eigentlich ist) in Form von Unternehmen will/kann/darf/soll/muß im Rahmen der gesetztlichen Bedingungen erfolgreich und und profitabel sein. Also ist es am von der GESELLSCHAFT beauftragten STAAT der WIRTSCHAFT die entsprechenden Grenzent aufzuzeigen und nicht hier in Ohnmachtsdebatten a la Merkel einzutreten. Ich glaube es hakt!?!
4. Falsche Töne...
kraus.roland 25.07.2013
...sind noch keine Musik. Die wenigsten Empörten unserer Tage verwechseln die Menschen in den USA mit dem hermetischen Machtklüngel, der das eigene Land kaputtmacht! Mein Zorn richtet sich sogar ausschliesslich gegen diese unaufrichtige und unangemessen lavierende Bundesregierung. Soviel Klarheit muss sein!
5. Thema verfehlt...
marty_gi 25.07.2013
Voellig am Thema vorbei, lieber Herr Fleischhauer. Es geht um Nutzen und Aufwand - wir stellen ja auch nicht den kompletten Flugverkehr ein, weil da mal eines vom Himmel kam. Daher, wieso alle immer gleichzeitig ueberwachen und grundsaetzlich des Terrorismus verdaechtigen, wenn da mal ein Terrorist dabei war. Der Vefolgungswahn der USA ist das eigentlich Schlimme. Ach, und Google und Amazon praesentieren mir nie das "nebenbei", was mich interssiert, sondern irgendwie immer nur das, was ich eh schon weiss. Die sind also mit ihren Algorithmen eigentlich einen Schritt hinterher....
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