S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Poverty Porn

Wer wissen will, wie Betroffenheitsjournalismus funktioniert, sollte die neue Kolumne von Carolin Emcke in der "Süddeutschen" lesen. Im Zentrum steht das eigene Gefühl.

Eine Kolumne von


Die meisten Leute glauben, Chefredakteur sei ein toller Job. Sie haben ja keine Ahnung, was man sich alles einfallen lassen muss, um die Leser bei Laune zu halten. Die "Süddeutsche Zeitung" hat vor drei Wochen eine neue Wochenendausgabe gestartet. Zu den Autoren, die Chefredakteur Kurt Kister für das Projekt verpflichtet hat, gehört die Publizistin Carolin Emcke. Jeden Samstag schreibt die "promovierte Philosophin", "Großreporterin" und "Spezialistin für vieles zwischen Afghanistan, der Gender-Problematik und dem Leben als solchem" nun das große Meinungsstück. "Sie werden, so viel Prophetie darf sein, eine neue Lieblingsautorin gewinnen", hatte Kister den Lesern zum Start verkündet.

In der Branche rätselt man seitdem, warum ein Mann, der für seine Kolumne "Unsere Besten" den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Humor gewonnen hat, einer Journalistin einen der prominentesten Plätze in seinem Blatt überträgt, die jeden Scherz für einen moralischen Kniefall angesichts des Elends in der Welt hält. Hat er etwas gutzumachen? Versteckt sich unter dem scharfzüngigen Grantler in Wahrheit ein ganz anderer Kister, den man bislang nicht kannte? Oder ist das Ganze eine ironische Geste, deren Hintersinn man erst viel später verstehen wird?

Ich habe mir die neue Kolumne genau angesehen. Wenn Kurt Kister einem schreibt, man werde eine neue Lieblingsautorin gewinnen, nehme ich das natürlich ernst. In der ersten Wochenendausgabe ging es um die Krisen in Syrien, der Ukraine und im Irak beziehungsweise das, was Jean Améry und Susan Sontag dazu sagen würden. In der zweiten Ausgabe kamen Ludwig Börne und unsere Angst vor den Muslimen dran. Am vergangenen Wochenende wurde, diesmal mit Ernst Bloch, der Fremdenfeindlichkeit der Boden entzogen. Wer nach einer Überdosis an journalistischem Protestantismus sucht, der ist auf der Seite fünf der SZ am Samstag ab sofort richtig. Wenn es in dem Tempo weitergeht, bleiben demnächst nur noch Jesus, Gandhi und die Erlösung vom Welthunger.

Themen, gegen die alles andere sofort belanglos wirkt

Unter Schriftstellern kennt man den "writer's writer", also die Sorte von Autor, der vor allem von seinesgleichen bewundert wird. Emcke ist so etwas wie ein "journalist's journalist". Das mag auf den ersten Blick verwunderlich klingen bei jemandem, der so hochgestochen schreibt, dass ein Wortfuchs wie Kister nicht umhin kann, seine Abonnenten auf den "sehr eigenen Ton" vorzubereiten, "den Carolin Emcke anschlägt". Aber Emcke wird auch weniger für ihren kunstvollen Umgang mit Sprache bewundert als vielmehr die Haltung, die dahinter steht.

Bei der Journalistin, die nach eigener Auskunft 15 Jahre lang "durch Landschaften aus Gewalt und Zerstörung" gereist ist (übrigens auch längere Zeit für den SPIEGEL), findet man nur die Themen, gegen die alles andere sofort belanglos wirkt: globale Menschenrechte, das Elend der Flüchtlinge, unser Überleben im 21. Jahrhundert. Weil man ihr bei jedem Satz die Erschütterung anmerkt, oder wie die Autorin sagen würde: das Leid, das sich in sie "eingeschrieben" hat und ihre Texte "signiert", ist ihr allgemeine Ergriffenheit sicher. Nur Spötter kämen auf die Idee, hier eine Art Käßmann mit Diplom zu sehen.

"Poverty Porn" heißt in den USA der Fachbegriff für einen Betroffenheitsjournalismus, der bei seinen Lesern das gute Gefühl hinterlässt, durch Lesen den Zustand der Welt verbessert zu haben. Auch für Journalisten ist diese Art der Anteilnahme relativ einträglich: Um Preise abzuräumen ist die Armutsreportage jedenfalls tausendmal geeigneter als die nüchterne Zustandsbetrachtung, die quer zu den Erwartungen des Publikums liegt. Wer sich einen distanzierten Blick auf die Welt bewahrt, geht bei solchen Veranstaltungen gewöhnlich leer aus. Wenn er Glück hat, fällt ein Humorpreis ab.

Wenn einem ständig das Ich in die Quere kommt

Selbstverständlich ist es besser, das Elend in der Welt zu zeigen, anstatt es zu ignorieren. Zweifelhaft wird die Geschichte, wo aus der Befassung mit dem Leid anderer Leute ein moralischer Zugewinn entsteht, der nur das eigene Konto füllt. Für Erschütterung lässt sich in den meisten Krisenregionen der Welt leider nichts kaufen, moralischer Mehrwert ist lediglich im Westen konvertierbar.

Im Zentrum der Betroffenheit steht das eigene Ich. Wo keine Betroffenheit herrscht, gibt es kein Thema. Das ist der Zirkelschluss des Betroffenheitsjournalismus, der nicht dadurch besser wird, dass man dort, wo man sich betroffen fühlt, ganz besonders erschüttert ist.

"Es gibt mehr Themen, zu denen ich nichts zu sagen weiß, als andersherum", schrieb Emcke zum Start ihrer Kolumne, übersetzt heißt das: Es gibt mehr Themen, die zu ihr etwas zu sagen haben als sie zu den Themen. "Sicher, dass das ein erwachsener Mensch geschrieben hat?", fragte dazu ein Wissenschaftsredakteur vom "Stern" auf Facebook entgeistert, womit er nach Meinung der Emcke-Fans allerdings nur bewies, wie wenig er verstanden hat.

Vermutlich hat Emcke einfach sagen wollen, es gebe mehr Themen, zu denen sie keine Meinung habe, als Themen, zu denen sie sich äußern könne. Aber so ist das, wenn einem bei der Weltbetrachtung ständig das Ich in die Quere kommt: Irgendwann geraten vor lauter Betroffenheit die Bezüge durcheinander.

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insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
niska 04.11.2014
1.
'Im Zentrum steht immer das eigene Ich.' Von welchen Kolumnisten bei SPON könnte hier ebenfalls die Rede sein? Einfach mal in den Spiegel schauen... Der stetig um seinen flachen Orbit kreisende Opferrollenjournalist kritisiert den Betroffenheitsjournalisten. Lustig.
Mehrleser 04.11.2014
2.
"Im Zentrum steht immer das eigene Ich. Eine Stilkritik." - wenn ein Esel zum anderen "Langohr" sagt. Ausgerechnet Fleischhauer, der Vorreiter des pseudo-konservativen Betroffenheits-"Journalismus"!
rolf sternberger 04.11.2014
3.
Herr Fleischhauer, ich befürchte sie haben so einiges einfach nicht verstanden. Mag sein, dass es vor einigen Jahren hip war, seine linke Familiengeschichte zu überwinden und endlich ganz hip, ganz selbstironisch und voller Spaß zum Konservativen zu mutieren, jetzt hat sich der Wind eben mal wieder gedreht, heute stellen wir wieder andere Fragen, Fragen, die andere Antworten provozieren, als das immer gleiche, mit eini wenig wieder gefundener Tradition und ganz viel Freude wird schon alles werden.
kael 04.11.2014
4. Spaß
Man muss die Kolumne der Frau Emcke in der Süddeutschen nicht kennen, um viel Spaß am klammheimlichen Spott des Herrn Fleischhauer in SPON zu haben.
vox veritas 04.11.2014
5.
Herrlich! Herr Fleischhauer schreibt so gnadenlos über Wahrheiten, daß gute Menschen dies wahrscheinlich als Zynismus betrachten.
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