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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Arme Juli Zeh!

Eine Kolumne von

Schriftstellerprotest mit Juli Zeh vor dem Kanzleramt: "Anbruch eines neuen Zeitalters" Zur Großansicht
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Schriftstellerprotest mit Juli Zeh vor dem Kanzleramt: "Anbruch eines neuen Zeitalters"

Seit einer Woche warten 562 Schriftsteller auf Antwort von Angela Merkel. Im Feuilleton gilt ihr Appell zur Rettung der Demokratie als Rückkehr des Intellektuellen auf die öffentliche Bühne. Doch haben sie den moralischen Sonderstatus eigentlich verdient?

Arme Juli Zeh. Noch immer kein Wort aus dem Kanzleramt zu ihrem Aufruf gegen die Massenüberwachung. Sicher, Angela Merkel hatte in der vergangenen Woche mit der Domestizierung der SPD alle Hände voll zu tun. Aber seit Dienstag ist sie wieder an ihrem Schreibtisch, jetzt in ihrer dritten Amtszeit. Am Vormittag war die Vereidigung, dann folgte schon die erste Kabinettssitzung. Doch statt sich endlich dem "digitalen Fukushima" zuzuwenden, das Zeh und ihre Mitstreiter ausgemacht haben, war sie gestern erst einmal in Paris. Die Frau hat Nerven!

Irgendwo habe ich gelesen, dass mit Juli Zeh der klassische Intellektuelle auf die öffentliche Bühne zurückgekehrt sei. Nachdem es schon so aussah, als ob der Schriftsteller als moralische Kapazität mit Leuten wie Sartre oder Böll für immer verschwunden wäre, erleben wir nun den "Anbruch eines neuen Zeitalters", so steht es jedenfalls im Feuilleton.

Als Beweisstück für diesen "Epochenwechsel" gilt der "Aufruf an die Welt", hinter dem Zeh 562 Mitschriftsteller versammelt hat. Der erste Versuch, die Politik aufzurütteln, verlief eher nicht so erfolgreich. Im September stand die Autorin mit ein paar Kartons voller Unterschriften schon einmal vor dem Kanzleramt, um die Politik zum Handeln zu bewegen. Leider starb dann Marcel Reich-Ranicki, worauf die Zeitungen lieber über einen toten Literaturkritiker berichteten als über die Apokalypse im Netz.

Jetzt also der zweite Anlauf. Ich habe mir genau angesehen, was die Schriftsteller empfehlen, schließlich sind wir bei der Verteidigung unserer digitalen Freiheit auf uns selber gestellt, wie sie sagen. Der Romancier T.C. Boyle rät, Telefon und Computer zu zerstören und das Haus nur noch durch den Hinterausgang zu verlassen. "Gehen Sie nicht auf die Straße", schärft er seinen Lesern ein. Der spanische Schriftsteller Javier Marías hat nicht einmal eine E-Mail-Adresse. Ein Mobiltelefon benutzt er lediglich im Notfall, wie er überhaupt auf alles verzichtet, "was gegen mich verwendet werden kann", wie er schreibt.

Man wüsste gerne, wie Marías über Kreditkarten oder ein Bankkonto denkt. Schon ein normaler Buchungsvorgang kann bekanntlich zur Falle werden. Vermutlich vergräbt Marías sein Geld unter der Matratze. Wenn ich es richtig verstanden habe, müssen wir erst zurück in eine Art technologische Steinzeit, bis sich die Dinge wieder zum Besseren wenden.

Getrübter Blick auf die Realitäten

Nur weil jemand hinreißende Romane schreibt, schließt das nicht aus, dass er ein ziemlicher Wirrkopf ist. Um die digitale Selbststilllegung in Angriff zu nehmen, muss man entweder Hippie sein oder so reich, dass man sich einen Stab von Assistenten leisten kann, die sich dann um alles kümmern, was normale Menschen mit ihrem Laptop erledigen - oder wie Boyle beides, also Hippie sein und reich. Diese eher elitäre Position hält die Initiatoren des Appells allerdings nicht davon ab, auf einen Nachfolgeeffekt zu setzen: "Wenn wir Intellektuelle jetzt aufstehen und unsere Meinung laut äußern, ermutigt das andere, es auch zu tun", sagt Zeh. Wo das engagierte Gewissen spricht, fallen alle Selbstzweifel.

Der unmittelbare Mehrwert der Unterschriftenliste liegt in der Aufmerksamkeit, die diese Aktionsform generiert. Dass der Einmischungselan nicht selten in einem umgekehrtem Verhältnis zur Substanz der literarischen Produktion steht, ist nahezu unvermeidlich. Dummerweise trübt der moralische Triebstau, der sich im Gewissensappell entlädt, allerdings auch den Blick auf die Realitäten.

Unvergessen, wie Jean-Paul Sartre dem RAF-Märtyrer Andreas Baader nach einem Besuch in Stuttgart-Stammheim die verheerenden Wirkungen der Isolationsfolter attestierte. Leider hatte dem französischen Denker keiner gesagt, dass er nicht in Baaders Zelle gewesen war, sondern in einem isolierten Besucherraum nebenan. Auch Bölls essayistische Mahnwache für alle vom Kapitalismus Bedrängten war in der Auswahl der Opfer eher eigenwillig.

"Politischer Moralismus"

Nach Schusswechseln in Hamburg und Kaiserslautern Ende 1971, bei denen zwei Polizisten noch am Tatort verblutet waren, beschrieb der Autor die RAF-Leute als "Verfolgte und Denunzierte", deren "Theorien weitaus gewalttätiger klingen, als ihre Praxis ist". Diese Irrtumsbereitschaft hinderte seine Anhänger freilich nie, ihm die größten Kränze zu flechten, bis hin zum Nobelpreis. Umgekehrt galt jede Kritik an Böll als Rückfall in finstere Zeiten. Dieses Spiel funktioniert bis heute.

Wer Zweifel an dem moralischen Sonderstatus äußert, den die mahnende Zunft für sich reklamiert, fällt sofort unter den Verdacht der Intellektuellenfeindlichkeit. Dass die Vertreter der schreibenden Intelligenz dabei einem eklatanten Missverständnis über den Inhalt der Freiheit aufsitzen, von der sie ausführlich Gebrauch machen, hat der Philosoph Hermann Lübbe in einem Vortrag über "politischen Moralismus" ausgeführt.

Wie jedermann sei es auch Intellektuellen in einer freien Gesellschaft unbenommen, beliebige Meinungen öffentlich zu äußern, erklärte Lübbe darin: "Hingegen ist mit der Meinungs- und Pressefreiheit keineswegs die Insinuation verbunden, dass, wer des Wortes mächtig ist, ebendeswegen schon in einer ihn privilegierenden größeren Nähe zu Moral und Wahrheit existiere."

Genau diese Annahme ist es aber, die den Schriftstellerprotest so unwiderstehlich macht.

Schriftsteller gegen Überwachung in der "FAZ"
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"Während wir schliefen, haben die Maschinen die Welt übernommen, genau wie es die alten Science-Fiction-Filme voraussagten."

Thomas Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und unterrichtete an der University of Southern California in Los Angeles. Boyle wuchs in schwierigen Familienverhältnissen auf und entdeckte erst auf der Universität seine Liebe zur Literatur. Mit seinem ersten Roman "Wassermusik" (1982) begann Boyles Karriere als Autor, seitdem hat er 13 weitere Bücher und eine Vielzahl von Erzählungen und Kurzgeschichten.

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"Ich will nicht, dass der Staat in meinem Auftrag ein Phantom jagt, von dem er sich gejagt fühlt. Diesen Staat müsste ich als krank betrachten."

Alissa Walser, geboren 1961, studierte zunächst Malerei. 1994 erschien "Dies ist nicht meine ganze Geschichte", ihr erstes Buch, das sie unter ihrem Namen veröffentlichte.

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"Als Bürger hasse ich die bloße Vorstellung staatlicher Überwachung und finde, das wir den Staat überwachen sollten, weil von ihm alle möglichen Gemeinheiten zu erwarten sind, und nicht umgekehrt."

Viktor Jerofejew, Jahrgang 1947, gehört zu den bekanntesten Schriftstellern Russlands. Bekannt wurde er in der Post-Perestroika-Zeit mit seinem Roman "Die Moskauer Schönheit", der in 27 Sprachen übersetzt wurde. Der Tolstoi-Experte Jerofejew gilt als stenger, kritischer Beobachter der russischen Politik. Sein Bruder ist der ebenfalls kritische Künstler Andrej Jerofejew.

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"Ich habe geglaubt, dass es im Westen keine Überwachung der alltäglichen Worte und Handlungen der Bürger gibt. Aber ich habe mich geirrt."

Liao Yiwu, geboren 1958, wurde 2009 in Deutschland mit dem Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser - Chinas Gesellschaft von unten" bekannt. Darin interviewte der chinesische Schriftsteller und Oppositionelle unter anderem eine Prostituierte, einen buddhistischen Mönch und einen Klomann. Das Buch ist in China verboten. 1989 verfasste Liao buchstäblich am Vorabend des Blutbads am Platz des Himmlischen Friedens das Gedicht "Massaker", das in Windeseile Verbreitung fand, auch über die Grenzen Chinas hinaus. Hierfür wurde er vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt.

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"Nicht wenige Ostdeutsche auch meines Alters erinnern sich noch genau an Situationen in ihrem Leben, in denen die Abwesenheit fundamentaler Rechte Normalität war."

Inka Parei, geboren 1967, lebt in Berlin. Zuletzt erschien ihr Roman "Die Kältezentrale". 2003 wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

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insgesamt 217 Beiträge
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1. zynisch, hämisch und diskreditierend
wikileaks 19.12.2013
Also nichts Neues von Herrn Fleischhauer. Weiterhin viel Erfolg mit den Sith Mind Tricks auf dem Weg zur "dunklen Seite der Macht".
2. dass der
ambulans 19.12.2013
fleischhauer - rein intellektuell, meine ich - hier nicht so ganz, wie von ihm wohl gewünscht, mitkommt, versteh ich ja (schwamm drüber, vergessen, usw.). da wäre dann aber doch noch ein gar nicht mal so ganzganz kleines problem: die dame ist promovierte juristin (ja, sie hat sogar schon einmal - aus wohlerwogenen gründen - unseren früheren super-otto schily verklagt!), kann bemerkenswert gut geradeaus denken, traut sich, ohne scheu übrigens wohlbegründete politische positionen einzunehmen - und formulieren kann die gute auch noch und sowieso (sie ist nämlich schriftstellerin, und keine schlechte). ob man all das vom autor dieser kolumne (ich will hier garnichts gesagt haben) auch sagen könnte?
3.
christianhanewinkel 19.12.2013
Interessant ist doch, Herr Fleischhauer, dass es auch in hundert Jahren Menschen geben wird, die davon leben, sich den Mund über andere zu zerreißen. Auch in hundert Jahren werden sich Menschen mit Gegenmeinungen aufwerten wollen, und weil alle amoralisch sind, ist es jedwedem Menschen verboten, sich in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit zu positionieren und zu engagieren. Gehen wir alle schlafen!
4. Wie so oft: Thema verfehlt
mnbvc 19.12.2013
Es braucht gar keine moralische Sonderstellung, um die verfassungswidrige Totalüberwachung des Souveräns (=der Bevölkerung) durch seine Angestellten (Kanzlerin und Dienste) als unverschämt, illegitim und bösartig zu bezeichnen. Oder lässt sich Herr Fleischhauer auch von seiner Putzhilfe ausspionieren?
5. optional
licorne 19.12.2013
Hat irgend jemand einen Sonderstatus beansprucht oder sind irgendwelche Steuergelder geflossen? Dieser gönnerhafte, etwas mitleidige Ton über der Wirklichkeit entrückten Schriftsteller ist ziemlich kleingeistig. Ich war nie ein Freund der Schriften von Böll und Sartre, hab von Frau Zeh noch nichts gelesen, trotzdem gefällt es mir, wenn sich Schriftsteller zu Problemen äussern. Wir sind immer noch so frei, einen anderen Gedanken anzunehmen oder abzulehnen, genau wie die Politiker auch. Sollen sich Schriftsteller nur der Belletristik widmen und den politischen Kommentar oder Protest den Journalisten überlassen, die sich als einzige dazu befähigt sehen?
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Jan Fleischhauer
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