S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Wenn die ARD so richtig die Sau rauslässt

Einmal am falschen Ort "Arschloch" gesagt, und schon steht man vor Gericht. Nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darf man Leute nach Herzenslust beleidigen, jedenfalls wenn man dort Mitarbeiter ist. Das ist jetzt sogar juristisch geprüft.

Eine Kolumne von


Der Schriftsteller Eckhard Henscheid hat den bekannten Schulbuchautor Heinrich Böll in einer Rezension einmal als "steindumm", "kenntnislos" und "talentfrei", kurz: als "Knallkopf" bezeichnet. Obwohl nicht wenige diese Einschätzung als zutreffend und in jeder Hinsicht überfällig empfanden, musste sich Henscheid auf Betreiben eines Böll-Sohns vor Gericht verantworten. Bei Schmähkritik höre die Meinungsfreiheit auf, entschied man in Karlsruhe und brummte dem Beklagten die Verfahrenskosten auf.

Wo im kommunikativen Alltag die Grenze zwischen Kritik und Beleidigung verläuft, ist in Paragraf 185 des Strafgesetzbuches geregelt. Alles, was als "rechtswidriger Angriff auf die Ehre eines anderen durch vorsätzliche Kundgebung der Missachtung" begriffen werden kann, gilt als Straftat und kann zur Anzeige gebracht werden.

"Arschloch" kostet nach Lage der Dinge um die 1500 Euro, "Idiot" 1000 Euro, "dumme Kuh" immerhin noch 300.

Es nützt auch nichts, wenn man die Beleidigung indirekt vorträgt ("Ich finde, du bist ein Trottel") oder als Vermutung ausgibt. Wer über andere eine Behauptung verbreitet, die diesen "verächtlich macht oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist", wie es wiederum in Paragraf 186 heißt, ist ebenfalls dran. Das gilt dann als üble Nachrede und wird mit Geldstrafe beziehungsweise Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr belegt.

Bei der ARD mal so richtig die Sau rauslassen

Man sollte sich also gut überlegen, mit welchen Worten man einen anderen in den Senkel stellt. Es sei denn, man arbeitet beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dann kann man ungestraft jeden als "Arschloch" bezeichnen, wenn einem danach ist, oder ihn als Fremdgeher und Puffgänger schmähen. Was im Straßenverkehr oder Büro sofort den Staatsanwalt auf den Plan rufen würde, fällt hier unter künstlerische Freiheit. Keine Ahnung, ob das die Gründer im Sinn hatten, als sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus der Taufe hoben, aber das ist die Rechtslage.

Wenn Sie mal so richtig die Sau rauslassen wollen, sollten Sie sich von der ARD anheuern lassen.

Seit mein Kollege Matthias Matussek juristisch klären ließ, wo der Geltungsbereich des Beleidigungsparagrafen endet, haben wir das sogar schriftlich. Am Mittwoch hat das Oberlandesgericht Hamburg entschieden, dass ein Fernsehgast jedes Recht an seinem Bild verliert, wenn er bei einer Aufzeichnung nicht sofort aufspringt und das Studio verlässt.

Matussek ist vor ein paar Wochen bei "Krömer" zu Gast gewesen, der neuen Late-Night-Show der ARD. Es solle um Religion und den Papst gehen, hatte man ihm gesagt. Als er stattdessen vom Moderator Kurt Krömer die ganze Zeit nur angepöbelt wurde, versuchte er die Ausstrahlung seines Auftritts zu verhindern. Dass Matussek nach der Aufzeichnung die Unterschrift unter den Mitwirkungsvertrag verweigert hatte, die jedem Fernsehgast vorgelegt wird, half ihm gar nichts. Wer sitzen bleibt, gibt seine Einwilligung, dass man alles mit ihm machen darf, wie jetzt das Gericht in Hamburg entschied, und zwar unwiderruflich. Ich bezweifle, dass dies allen Leuten klar ist, die in eine ARD-Talkshow gehen.

Die öffentlich-rechtlichen Sender mussten in letzter Zeit viel Kritik einstecken, nicht jung und innovativ genug zu sein. Dagmar Reim, die als Intendantin des RBB die Krömer-Show verantwortet, hat kürzlich eine "Qualitätsoffensive" angekündigt: Sie wolle alle "trutschigen Elemente" beseitigen, sagte sie in Interviews. Ich hatte Krömer zuvor nie gesehen. Ich sehe am Samstag überhaupt wenig Fernsehen. Aber irgendetwas muss Frau Reim missverstanden haben.

Selige Selbstbeschränkung und Provinzialität der Verantwortlichen

Nur wer in der Gremienwelt der ARD großgeworden ist, kann es als Ausweis von Humor verstehen, wenn ein Moderator in seiner Sendung möglichst oft das Wort "Arsch" unterbringt, ältere Frauen fragt, warum sie nicht schon tot sind, ihnen dann einen Plastikeimer zwischen die Beine hält, um "alles abtropfen zu lassen", und sich anschließend das Mikro als Penisersatz vor den Hosenlatz klemmt.

Das Deprimierende an der Geschichte ist, dass sie aufs Neue die selige Selbstbeschränkung und Provinzialität zeigt, die bei den für die Unterhaltung in der ARD Verantwortlichen Beförderungskriterium zu sein scheint. Man soll den Leuten ihr Gehalt gönnen, auch wenn sie dieses durch Zwangsbeiträge eintreiben lassen, aber man sollte im Gegenzug erwarten dürfen, dass sie dafür etwas von ihrem Gewerbe verstehen.

In den USA ist die Late-Night-Show eine Gattung, die mit Rücksicht auf die vorgerückte Stunde nur die hellsten Köpfe beschäftigt. Die traurige Wahrheit ist hierzulande, dass jemand wie die RBB-Intendantin Reim Jon Stewart für einen 1993 verstorbenen Schauspieler hält und "Late Night" für eine Erfindung von Hans-Joachim Kulenkampff. Den Krömer-Auftakt am Samstag als "fulminant" zu bezeichnen, sagt alles über ihr Verständnis von Trutschigkeit.

Dass der RBB im Zweifel auch ganz anders kann, wenn jemand mit seinem Auftritt unzufrieden ist, bewies die Senderleitung vor ein paar Monaten. Als der Platzeck-Sprecher Thomas Braune im Frühjahr eine Interviewszene monierte, die dem Ministerpräsidenten peinlich war, wurde sie kurzerhand herausgeschnitten. Aber Platzeck ist ja auch kein einfacher Gebührenzahler, sondern ein mächtiger Politiker, der in der Vergangenheit verlässlich dafür gesorgt hat, dass Frau Reim ungestört über Qualitätsverbesserungen im Programm nachdenken kann.

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insgesamt 402 Beiträge
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Seite 1
rueckenschwimmer 15.08.2013
1. ich
lach mich tot, fleischhauer bezeichnet krömer als provinziell....hahaha....lieber herr fleischhauer, sie sind für mich der inbegriff der provinzialität....musste ich jetzt mal sagen...
jot-we 15.08.2013
2. Go Trutschke, go!
Sehr schön - es gibt also noch Richter in Deutschland. Auch wenn man in jüngster Zeit - ich sage nur Bayern! - da so seine Zweifel haben konnte ...
womenzel 15.08.2013
3. Oh mein Gott
Zum Einen sollte dem Autor aufgefallen sein, das es sich bei "Krömer" um eine Comedy-Show handelt. Und wer einmal diese Show gesehen hat sollte wissen was einen da erwartet. Wenn der arme Herr Matusek das nicht gemacht haben sollte, selbst schuld. Außerdem glaube ich letzteres nicht. Ich glaube eher an einen PR-Geck!!! Außerdem warum regt sich Herr Fleischhauer nicht über entsprechende Shows auf SAT1 und Co auf? Da wird die Menschenwürde von Nicht-Promis mit Füßen getreten!!!!
axel_cäsar 15.08.2013
4. Da hat er sich wohl verspekuliert.
Eigentlich war er doch in der Sendung um sein Buch zu promoten. Leider war ihm da einer überlegen und hat ihn ordentlich gebremst. Matussek teilt zwar auch gerne aus, mag aber nichts einstecken, dabei haben ihm andere schon vorgemacht wie man mit so einer Situation umgeht. Aber wenn sich einer derart überlegen fühlt wird er sich eben keine anderen als Vorbilder ansehen. Pech gehabt und auf dem Bauch gelandet, weder Gott noch Papst haben ihm geholfen.
Sparkiller 15.08.2013
5.
Zitat von rueckenschwimmerlach mich tot, fleischhauer bezeichnet krömer als provinziell....hahaha....lieber herr fleischhauer, sie sind für mich der inbegriff der provinzialität....musste ich jetzt mal sagen...
Es waren damit die ARD Verantwortlichen gemeint.
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