S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Deutschland musste verlieren

Die Linke hat mal wieder Angst, das Ausland könnte die Deutschen nicht sympathisch genug finden. Manche wünschten sich sogar eine Niederlage der Nationalmannschaft gegen Italien. Dabei sind die Deutschen im Ausland viel beliebter, als die meisten glauben.

Eine Kolumne von


Die Grüne Jugend machte sich schon schreckliche Sorgen. Prophylaktisch hatte sie die Bürger aufgefordert, die Deutschlandfahnen einzuholen und überhaupt auf allzu überschwängliche Bekundungen des Nationalstolzes zu verzichten. Einige besonders eifrige Vertreter des besorgten Deutschland waren dazu übergegangen, die bei vielen Fans so beliebten Auto-Wimpel einzusacken. "Lieber Autofahrer, liebe Autofahrerin", hieß es dazu gendergerecht auf einem Zettel, den die Opfer dieser vorbeugenden Denationalisierungsaktion stattdessen an ihrem Wagen fanden: "Ich habe Ihre Deutschland-Fahne entfernt. Egal aus welcher Motivation Sie diese Fahne angebracht haben, sie produziert in jedem Fall Nationalismus."

Kommt Fußball, kommt die Angst vor dem Fahnenmeer und damit verbunden die Frage, welches Bild wir wohl im Ausland abgeben. Na gut, irgendwie konnte man das in diesem Jahr sogar verstehen. Auch Grüne lesen manchmal "Bild", und was man dort seit Wochen an internationalem Deutschenhass findet, kann einen wirklich bange machen. Da möchte man den Sommerurlaub zur Abwechslung mal wieder in Scharbeutz statt an der Costa Brava verbringen.

Niemand hat am Ende das deutsche Team aufgefordert, aus Rücksicht auf die allgemeine Meinung in Europa auf weitere Tore zu verzichten, aber der Gedanke lag nahe: Was wäre wohl die Meinung über uns gewesen, wenn wir auch noch im Fußball unsere Dominanz unter Beweis gestellt hätten? Erst Griechenland besiegt, dann Italien und am Sonntag Spanien: Das konnte nur schlechte Stimmung geben.

In Wahrheit haben die Deutschen einen erstaunlich guten Ruf

Es ist eine besondere Eigenschaft der Deutschen, sich laufend den Kopf zu zerbrechen, was die anderen über sie denken. Das gilt insbesondere für die Viertel, in denen man sich traditionell für besonders weltgewandt hält und schon eine Kaffeetasse mit Bundesadler allgemeine Bestürzung auslösen kann.

Vor allem bei Auslandsbesuchen ist das kosmopolitische Deutschland peinlich darauf bedacht, nirgendwo anzuecken. Andächtig staunend steht der gute Deutsche vor den Überresten jeder untergegangenen Kleinkultur. Brav bindet er sich ein Kopftuch um, wenn es die lokale Sitte verlangt, und selbstverständlich hat er sich auch ein paar Sätze der Landessprache angeeignet, um beim Einkauf seinen Respekt vor das Gastnation bekunden zu können. Wenn der deutsche Tourist in der Fremde sein Deutschtum auslebt, dann beschränkt sich das in der Regel auf extra abgesperrte Areale ("Ballermann"), über die in der Presse dann entsprechend naserümpfend berichtet wird.

Dabei gibt es viel weniger Grund zur Sorge, als viele denken. In Wahrheit haben die Deutschen nämlich einen erstaunlich guten Ruf. Das renommierte Pew Research Center hat sich neulich unter den Europäern umgehört und dabei festgestellt, dass eigentlich alle die Deutschen für ihren Fleiß und ihre Ehrlichkeit schätzen. Durch die Bank halten sie uns für das am härtesten arbeitende und am wenigsten korrupte Volk. Auch die Kanzlerin steht entgegen dem, was man sonst so lesen kann, in hohem Ansehen. Nur die Griechen tanzen mal wieder aus der Reihe: Kein anderes Land übertrifft sie nach ihrer festen Überzeugung an Einsatz und Arbeitseifer - was vielleicht auch erklärt, warum sie jetzt da sind, wo sie sind.

Ausländer sind die enthusiastischsten Fahnenschwenker

Es ist ja generell ein Trugschluss zu glauben, dass man Achtung und Wohlwollen seiner Nachbarn gewinnt, indem man sich ganz klein macht. Niemand mag es, wenn jemand auftrumpft oder anderen ständig sagt, wo es lang geht. Doch das Gegenteil, nämlich ängstliche Leisetreterei, ist auch kein Weg, sich Anerkennung zu erwerben. Auf Dauer macht es die Leute nur misstrauisch, weil sie hinter der demonstrativen Bescheidenheit andere, weniger vornehme Motive vermuten.

Tatsächlich gibt es nicht wenige in Europa, die von den Deutschen jetzt erwarten, dass sie endlich die Führung übernehmen, so wie es ihrer Größe und wirtschaftlichen Macht entspricht. Was wäre im Augenblick auch die Alternative, fragen viele: Etwa ein Europa unter französischer Leitung? Das wünschen sich nicht einmal die Nationen, die in der Vergangenheit schwer unter uns zu leiden hatten. Vor einigen Monaten hat der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski in einer jeder Hinsicht bemerkenswerte Rede Deutschland dazu aufgefordert, seine Führungsrolle anzunehmen. "Ich bin wahrscheinlich der erste polnische Außenminister in der Geschichte, der das sagt", erklärte Sikorski in Berlin: "Aber ich habe weniger Angst vor deutscher Macht, als ich anfange, mich vor deutscher Untätigkeit zu fürchten."

Die eigentliche Pointe der Deutschen-Angst auf der Linken ist, dass die enthusiastischsten Fahnenschwenker ausgerechnet unter den Ausländern anzutreffen sind, die man ins Land geholt hat, um den Deutschen das Deutschsein auszutreiben. Man muss nur einmal durch Berlin-Neukölln fahren, um zu erkennen, wie wirklicher Nationalismus aussieht: Wo heute Türken und Araber das Sagen haben, gibt es zu Fußballzeiten keinen Handbreit Heimat, auf dem nicht das deutsche Nationalsymbol prangt.

Auch was die Anstrengungen für ein geeintes Europa angeht, sollte man hier auf nicht zu viel Unterstützung hoffen. "Weg mit dem Euro!" forderte der Rapper Bushido am Wochenende in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Ich war immer stolz auf meine Deutsche Mark. Wir müssen aufpassen, dass wir uns für andere Länder nicht zu sehr aufopfern." Das würde sich nicht einmal Thilo Sarrazin so zu sagen trauen.

Hinweis der Redaktion: Leider mussten wir die Kolumne am Anfang aktualisieren. Die Niederlage gegen Italien im EM-Halbfinale ist nun eingearbeitet.

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insgesamt 384 Beiträge
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Seite 1
HeinrichMatten 28.06.2012
1. Was ist ?
Zitat von sysopDie Linke hat mal wieder Angst, das Ausland könnte die Deutschen nicht sympathisch genug finden. Manche wünschen sich sogar eine Niederlage der Nationalmannschaft gegen Italien. Dabei sind die Deutschen im Ausland viel beliebter, als die meisten glauben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,841445,00.html
Ja was denn nun? Soros' Hass oder Fleischhauers Liebe? Wollt Ihr uns verunsichern oder wißt Ihr es auch nicht so genau?
keenox 28.06.2012
2. Patriotismus vs. Nationalismus
Patriotismus heißt sein Land zu lieben, Nationalismus alle anderen Länder zu hassen. Gegen ersteres ist meiner Ansicht nach nichts einzuwenden. Den Spaß an der EM lasse ich mir von den Grünen auf jeden Fall nicht kaputt machen... :-)
kantundco 28.06.2012
3. Sobald sich Fleischhauer....
... kein Thema aus den Fingern saugen muss, sondern eines zugespielt bekommt, verwandelt er. Ich mag nicht jedes Pamphlet, aber dieses trifft den Nagel auf den Kopf. Sehr rational und sehr vernünftig. Ich habe übrigens keine Deutschlandfahne am Auto, weil es nicht meine Leistung ist, die gefeiert wird. Aber ich freue mich, wenn sich in Deutschland so etwas wie ein gewisser Nationalstolz ohne Überheblichkeit und mit Respekt vor den anderen Volksgruppen und deren Eigenarten entwickelt. Gerade wohlsituierte Linksgrüne beklagen sich über jede Art des Artensterbens, bei Völkern und Kulturen hätten Sie aber am liebsten Multikulti-Einheitsoße. Zumindest hier in Deutschland.
Friise 28.06.2012
4. Schwarz Rot Gold
Ich habe noch nie eine Deutschlandflagge irgendwo aufgefängt. Wegen dieser linken Bessermenschen werde ich es mir aber wohl anders diesmal anders überlegen.
gestandeneFrau 28.06.2012
5. ...
Es sollte langsam wieder zwischen Sport und Politik unterschieden werden.
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