S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Dank an die Lidl-Kassiererin!

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Demo gegen Studiengebühren (in München): 500 Euro im Semester hört sich nicht viel an Zur Großansicht
dapd

Demo gegen Studiengebühren (in München): 500 Euro im Semester hört sich nicht viel an

Nach den SPD-regierten Ländern will nun auch Bayern die Studiengebühren abschaffen. Das ist soziale Gerechtigkeit andersherum: Endlich kommt es in Deutschland mal zu einer Umverteilung von unten nach oben.

Man macht sich ja keine Vorstellung, was ein Studium heute so kostet. Ich auch nicht - bis sich mein ältester Sohn in Münster für Jura einschrieb. 350 Euro nehmen sie dort für ein Zimmer. Ich wusste nicht, dass Münster offenbar zu den Top-Reichenplätzen in Deutschland zählt. Ich hielt das bislang eher für eine als Stadt verkleidete Tempo-30-Zone. Aber man ist bei diesen Preisen mit seinem Geld schnell am Ende. Weil mein Sohn kein Bafög bekommt (Vater ist Besserverdiener), ringen wir beide im Augenblick um jeden Euro.

Zum Glück liegt Münster in Nordrhein-Westfalen und damit im Regierungsbereich von Hannelore Kraft, der guten Seele der Sozialdemokratie. Die Frau steht im Ruf, die sozialen Nöte der Menschen zu kennen. Seit sich mein Sohn für Jura beworben hat, kann ich nur sagen: Wer das behauptet, hat recht. Als eine der ersten Amtshandlungen hat Hannelore Kraft die Studiengebühren abgeschafft. "Dieser Tag ist ein verdammt guter Tag", erklärte sie stolz. Ich habe das damals belächelt; jetzt weiß ich, wie dumm und arrogant dies von mir war.

500 Euro im Semester hört sich nicht viel an, aber es kommt eines zum anderen. Ich habe keine Ahnung, wie viel Pinot Grigio man sich in Bad Godesberg dafür kaufen kann, wo der Kanzlerkandidat wohnt, aber bei mir in Berlin sind das einige Kisten. Also Dank an Hannelore Kraft und all die anderen guten Menschen in der SPD, die dafür gesorgt haben, dass sich auch SPIEGEL-Kolumnisten in ihren sozialen Nöten verstanden fühlen!

Normalerweise haben Leute wie ich von den Sozialdemokraten nicht viel zu erwarten, auf jeden Fall keine Entlastungen. Wenn dort an sogenannte Besserverdiener gedacht wird, dann vor allem, wenn es darum geht, jemanden zu finden, mit dessen Geld man seine Weltverschönerungspläne finanzieren kann. In diesem Fall geht es ausnahmsweise in die andere Richtung.

Endlich einmal eine Umverteilung von unten nach oben. Wann hat es das zum letzten Mal in Deutschland gegeben?

Selbstrekrutierungsprogramm der gesellschaftlichen Elite

Der Hochschulbesuch ist nach wie vor ein Selbstrekrutierungsprogramm der gesellschaftlichen Elite, daran haben alle Reformen der vergangenen Jahre wenig ändern können. Das arme Arbeiterkind, das auf jeder Demonstration gegen die Studiengebühr eine Riesenrolle spielt, mag es in der Theorie geben. Wenn nach der Demo im Hörsaal die Türen zugehen, sind die Bürgersöhne und Bürgertöchter wieder weitgehend unter sich.

Die Zahlen sind eindeutig. Von 100 Akademikerkindern fangen 71 später ein Studium an, wie man aus Untersuchungen weiß. Bei Familien, in denen kein Elternteil zuvor eine Hochschule besucht hat, sind es 24. Entsprechend gering ist der Anteil der Studenten aus sogenannten hochschulfernen Haushalten.

Die Einführung von Studiengebühren hat dabei auf das Einschreibeverhalten, anders als man vermuten könnte, kaum Einfluss gehabt. Wer es braucht, bekommt ein Darlehen, das man später nur ab einem bestimmten Einkommen zurückzahlen muss. Und so weit können die meisten dann doch rechnen, dass sie erkennen, dass sich ein Studium am Ende immer bezahlt macht, 500 Euro hin oder her. Weniger als fünf Prozent der Studienberechtigten haben bei einer Befragung erklärt, dass sie wegen der Gebühr ihre Pläne zurückgestellt hätten.

Die eigentliche Frage ist damit, warum die Lidl-Kassiererin, deren Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit nie an die Uni kommen, das Studium des Chefarzt- (oder meinetwegen Kolumnisten-) Nachwuchses finanzieren soll, der genug Geld hätte, einen Teil davon selber zu bezahlen. Aber ich bin ja auch nicht in der SPD.

Eine Frage der Zeit, bis ganz Deutschland studiengebührbefreit ist

Wie es aussieht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ganz Deutschland studiengebührbefreit ist. Sicher, noch gibt es ein paar Widerstandsnester. Dass sich ausgerechnet die CDU in Niedersachsen gegen die Entlastung der Besserverdiener gesperrt hat, kann ich mir nur damit erklären, dass die Sozialpolitiker der Partei beweisen wollten, was in ihnen steckt. Die Quittung haben sie ja im Januar erhalten.

Irgendwo habe ich gelesen, dass auch die neue Bundesforschungsministerin Johanna Wanka bislang eine Verfechterin der Studiengebühr war. Wenn sie gut beraten ist, dann nimmt sie sich an der CSU ein Beispiel, die gerade noch rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt hat und die Sozialdemokraten in ihrem Ausstiegselan auf die letzten Meter sogar zu überholen trachtet.

Erst trommelte die CSU an der Seite von Piraten und Linkspartei für ein Volksbegehren zur Abschaffung der Gebühr, die sie selbst eingeführt hat. Nachdem sie nun erfolgreich die Liberalen in die Knie gezwungen hat, wird Bayern die Semestergelder wohl sogar vor Niedersachsen aus der Welt schaffen.

Wenn es um die soziale Sache geht, sollte man als Politiker nie auf der falschen Seite stehen, das weiß Horst Seehofer so gut wie die gute Frau Kraft. Was wirklich sozial ist, ist dabei nachrangig.

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insgesamt 538 Beiträge
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1.
wavuu 28.02.2013
Zitat von sysopNach den SPD-regierten Ländern will nun auch Bayern die Studiengebühren abschaffen. Das ist soziale Gerechtigkeit andersherum: Endlich kommt es in Deutschland mal zu einer Umverteilung von unten nach oben. Jan Fleischhauer über die Abschaffung der Studiengebühren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-ueber-die-abschaffung-der-studiengebuehren-a-886026.html)
Selten so einen Mist gelesen.
2. Steuerfinanzierung statt Pauschalbetrag
RobertFish 28.02.2013
Inwiefern ist denn die Entrichtung eines Pauschalbetriegs (formal von Seiten der Studierenden und nicht zwingend ihrer Eltern!) solidarischer als ein steuerfinanziertes (und damit weitgehend solidarisch finanziertes) Hochschulsystem? Natürlich zahlen einen Pauschalbetrag auch wohlhabendere Eltern, das tun sie jedoch anteilig nicht mehr als Arbeiterkinder oder deren Eltern. Sie ignorieren weitgehend den Aspekt der Generationengerechtigkeit. Idee eines steuerfinanzierten Systems ist ja, dass die Bildung der jüngeren Generation durch ältere mit bereits abgeschlossener Ausbildung finanziert wird, anstatt dass Studierende finanzieller Belastung ausgesetzt sind.
3. Aber was ist denn...
jedernureinkreuz 28.02.2013
...die Alternative, Herr Fleischhauer? Studiengebühren beibehalten und damit die Kinder von Nichtsogut-Bemittelten komplett ausschließen? Oder was ist genau die Intention Ihrer Kolumne? Oder wollte Sie enfach mal ein bisschen Häme und Spott über die politisch anders Denkenden ausschütten?
4. Danke für die klaren Worte!
oschultheiss 28.02.2013
Ich bin Prof an einer bayerischen Uni und habe mir im letzten Wintersemester bei den Studenten den Mund fusselig geredet, was diesen Punkt anging. Nicht alles, was mit den Studiengebühren bislang gelaufen ist, war sinnvoll und in Ordnung. Das größte Problem ist meiner Ansicht nach nicht zu wenig, sondern viel zu viel Regulierung, was die Verwendung der Gebühren angeht. Und eine dicke Lanze ließe sich auch für nachgelagerte Studiengebühren brechen, d.h., für eine Rückzahlung, sobald ein Absolvent nach der Uni einen bezahlten Job hat. Dann hätten auch die Unis eine klaren Anreiz, ihre Studierenden gut auszubilden -- so, dass sie fähig sind, sich gute Jobs zu angeln. Über all das hätte man diskutieren können und müssen. Statt dessen wurde der politische Prozess in dieser Frage auf "Studiengebühren: ja oder nein" verkürzt. Als ob die Sozialisierung der Ausbildungskosten für die Privilegierten die Lösung des Problems sei. Das Thema muss und wird wieder auf die Tagesordnung kommen.
5. Aber nein, Herr Fleischhauer
johnnybongounddie5goblins 28.02.2013
Das Geld für's Studium kommt doch jetzt vom STAAT, nicht vom einfachen Bürger. Und der Strom kommt aus der Steckdose, die Milch vom Aldi / Sarkasmus Off
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