SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. September 2012, 14:25 Uhr

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

Von Frauen und rosa Eiern

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Mit der Frauenquote soll die Arbeitswelt endlich freundlicher werden. Einerseits sind Frauen nämlich ganz anders als Männer, andererseits aber auch wieder nicht. Moderner Feminismus ist die Kunst, das eine zu behaupten - und das Gegenteil gleich mit.

Gute Nachrichten vom Kapitalismus: Er wird in Zukunft femininer und damit viel freundlicher. Wer der aktuellen politischen Debatte über die Frauenquote folgt, der weiß, dass die Verweiblichung der Wirtschaftswelt lediglich eine Frage der Zeit ist. Derzeit leisten noch einige uneinsichtige FDP-Freischärler Widerstand, aber das ist ein Problem, das sich nach Lage der Dinge mit der kommenden Bundestagswahl erledigt hat. Schon bald werden in allen Aufsichtsräten in Deutschland mindestens 40 Prozent Frauen sitzen, und das ist nur der Anfang. Auf die Aufsichtsräte werden die Vorstände folgen, dann ist die Ebene der Abteilungsleiter an der Reihe. Warum beim Aufsichtsrat aufhören, wenn eine Veränderung so viel Gutes verspricht?

Man kann gar nicht genug von der Quote erwarten. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es nicht nur darum, in deutschen Unternehmen für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen, sondern ganz grundsätzlich den Kapitalismus zu zähmen und damit die Welt zu einem besseren Platz zu machen. Frauen sind weniger hierarchiebesessen als Männer. Sie streben mehr nach einer sinnvollen Aufgabe als nach Macht, und wenn sie kämpfen, dann gegen die Konkurrenz und nicht untereinander. Familiengerechter sind sie allemal. Es gibt sogar Indizien, dass eine weiblichere Wirtschaft krisenfester wäre.

Woher ich das alles weiß? So habe ich es gerade in der "Zeit" gelesen, seit längerem schon das eigentliche Führungsblatt des feminisierten Journalismus in Deutschland. Wo andere Redaktionen in ihrem Politik- oder Wirtschaftsteil noch die ausgeleierten männlichen Fragen stellen, ist man am Hamburger Speersort schon weiter. Hier fragt man nicht mehr, was eine Entscheidung bedeutet. Hier fragt man: Was bedeutet sie für mich, beziehungsweise: Was macht das mit mir? Die Kollegen werden also wissen, wovon sie reden, wenn sie nun eine "neue Wirtschaft" ausrufen.

Von mir aus können 100 Prozent der Führungspositionen an Frauen gehen. Dann erledigen sich schon mal alle weiteren Titelgeschichten über Stress am Arbeitsplatz und die Burnout-Falle. Ich habe in diesem Fall eher eine Verständnisfrage. Ich dachte bislang immer, dass es ein Zeichen unaufgeklärten Denkens sei, wenn man noch an die Existenz von Geschlechterunterschieden glaube. Dass Frauen emotionaler seien als Männer, gehörte für mich zu den Geschlechterklischees, die als historisch überholt zu gelten haben.

Das Blöde am Geschlechterunterschied ist, dass er sich nicht nur im sozialen Verhalten zeigt. Leider manifestiert er sich auch in der Wahl der Studienfächer und damit bei einer Karriereentscheidung, die für die weitere Zukunft so wichtig ist wie kaum eine sonst. 72 Prozent der Studienanfänger in den Kultur- und Sprachwissenschaften sind weiblich, auch in der Pädagogik liegt der Anteil bei über 70 Prozent.

Überall, wo es um Zahlen und Interesse an Technik geht, dominieren die Männer

Überall dort hingegen, wo es um Zahlen und das Interesse an Technik geht, dominieren die Männer. Unter den Studenten der Ingenieurwissenschaften machen Frauen gerade mal 20 Prozent aus; in der Informatik liegt der Frauenanteil bei 13 Prozent, im Maschinenbau bei neun. Weil in Deutschland noch immer ein erheblicher Teil des Wohlstands in Unternehmen erarbeitet wird, wo besondere Deutsch- oder Literaturkenntnisse nicht wirklich weiterhelfen, liegt hier für die Befürworter der Quote naturgemäß ein Ärgernis.

Die Advokaten des weiblichen Kapitalismus versuchen dem Problem beizukommen, indem sie die Genderdifferenz zu einer Kultur- und damit Erziehungsfrage machen. Wenn Mädchen sich nicht in ausreichender Zahl für Maschinenbau interessieren, liegt das nicht an den Mädchen, sondern an dem Studienfach und den Professoren, die es unterrichten. Man müsse nur die Hemmschwelle senken, heißt es, dann würden sich auch junge Frauen für Wechselspannungen und Corioliskräfte begeistern. Jeder, der Jungen und Mädchen hat aufwachsen sehen, mag Zweifel haben, ob sich geschlechtsspezifische Präferenzen so einfach abstellen lassen, aber das ist die moderne Geschlechtertheorie.

Ich gebe zu, ich habe Mühe, mir ein barrierefreies Ingenieurstudium vorzustellen. In den Medien stand neulich, dass alles Unglück damit beginnt, dass Mädchen die Farbe Rosa zugeordnet wird und Jungs die Farbe Blau. Als die Firma Ferrero ein rosaverpacktes Schokoladenei speziell für Mädchen auf den Markt brachte, hagelte es Boykottaufrufe. "Rosa macht Mädchen dümmer", stand in der "Emma", die sich pflichtgemäß an die Spitze der Proteste setzte.

Vielleicht kann man ja an den Hochschulen farblich was machen, um das mathematische Interesse geschlechterübergreifend zu wecken. Aber auch das beantwortet noch nicht die Frage, warum Frauen schon vor langem die ebenfalls früher männlich dominierten Fächer wie Jura oder Medizin erobert haben, aber nicht in gleichem Maße die naturwissenschaftlich-mathematischen Disziplinen.

Offenbar hängt es am verfolgten Ziel, wie sehr man an die Macht der Biologie glaubt. Einigen wir uns vielleicht einfach darauf, dass Frauen sich dort grundsätzlich von Männern unterscheiden, wo dies von gesellschaftlichem Vorteil ist, und ansonsten Opfer ihrer Erziehung sind. Das macht es für alle Beteiligten leichter.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH