S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Gefangen im Grandiositätskomplex

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück hat jetzt ein Kompetenzteam, aber eigentlich ist es egal, wer neben ihm auf der Bühne steht. Für Steinbrück gibt es sowieso nur einen Star: Steinbrück. Schon leiser Widerspruch wird als Bedrohung des Ich-Gefühls empfunden.

Peer Steinbrück: Nie zuvor hat ein SPD-Kanzlerkandidat so viele Leute vom linken Flügel um sich versammelt
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Peer Steinbrück: Nie zuvor hat ein SPD-Kanzlerkandidat so viele Leute vom linken Flügel um sich versammelt

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Die gute Nachricht vorneweg: Ab sofort gibt es von Peer Steinbrück keine Vorschläge mehr, wen er für kompetent genug hält, mit ihm Wahlkampf zu machen. Keine weiteren Namen, die man erst googeln muss, um zu wissen, wer das ist. Keine Parteifunktionäre, die man auf dem Altenteil vermutet hätte oder in der Stern-Rubrik "Was macht eigentlich?".

Vier Anläufe hat es gebraucht bis zur endgültigen Vorstellung des SPD-Kompetenzteams. Seit Montag herrscht endlich Klarheit, und man kann abschließend sagen: Wer ein Faible für die achtziger Jahre hat und sich gerne an BAP, Politbutton und weiße Tennissocken zur Anzugshose erinnert, dürfte zufrieden sein.

Alles, was die SPD seit diesem goldenen Jahrzehnt zu ihrem Traditionsinventar zählt, ist noch einmal vertreten: die Deutsch-Türkin, die zeigt, dass man es in der SPD auch als Frau mit Migrationshintergrund weit nach oben schaffen kann. Der Gewerkschaftsfunktionär, der alles für Teufelszeug hält, was nach mehr Arbeit riecht (und deshalb offenbar auch lieber fünf Millionen Arbeitslose akzeptiert, als mehr Leute in Verträgen zu sehen, bei denen die Gewerkschaft nichts zu melden hat). Die aufgeregte Sozialamsel vom Rand der Republik, deren Herz ganz, ganz doll für die Gerechtigkeit schlägt. Und natürlich, nicht zu vergessen, die Doppelnamen-Frau.

Die "straffreie Verbreitung weiblicher Doppelnamen" zählte der Verleger Michael Rudolf schon vor Jahren neben 0,4-Liter-Bierglas und "Fußball auf allen Kanälen und durch alle Kanülen" zu den "fragwürdigen Triumphen der Sozialdemokratie", die "die Geschichtsbücher dermaleinst" verzeichnen werden. Mit Cornelia Füllkrug-Weitzel hat das Team Steinbrück sogar eine Vertreterin, die es mühelos auf die "Titanic"-Liste der denkmalwürdigsten Doppelnamen-Trägerinnen schaffen würde, irgendwo zwischen Gabriele Gilch-Geberzahn, Silke Schönfleisch-Backofen und Elke Kamp-Kill.

Menschen, die entweder keiner kennt oder die man längst in Frieden vergessen hatte

Eine andere Frage ist, was sich der SPD-Kandidat mit der Vorstellerei von Menschen gedacht haben mag, die entweder keiner kennt oder die man längst in Frieden vergessen hatte. Okay, die "Süddeutsche", das inoffizielle Begleitorgan der organisierten Sozialdemokratie, hat am Anfang brav jeden Namen enthüllt, der dann anschließend im Willy-Brandt-Haus annonciert wurde. Aber sonst? Das Interessanteste an dem ganzen Kompetenzteam-Buhei ist am Ende noch die Erkenntnis, dass nach dem ersten Eindruck nie zuvor ein SPD-Kanzlerkandidat so viele Leute vom linken Flügel um sich versammelt hat wie der Mann, der bis eben als "Klartext"-Redner und Vertreter wirtschaftspolitischer Grundvernunft durchs Land tingelte.

Nicht wenige sehen deshalb nun den Beweis erbracht, dass Steinbrück endgültig die Beinfreiheit verloren hat, die er am Anfang für sich reklamierte. Aber vielleicht ist es ihm auch einfach egal, wer neben ihm auf der Bühne steht, solange sich die Aufmerksamkeit am Ende immer auf ihn richtet. Steinbrück gehört für mich zu den narzisstischen Persönlichkeiten, deshalb ist er ja als Vortragsreisender auch so erfolgreich gewesen. Narzissmus ist in der Politik nicht so selten, es kommt auf die Ausprägung an.

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SPD: Steinbrücks Kompetenzteam
Die narzisstische Persönlichkeit sucht nicht den Dialog mit dem Publikum, sie sucht dessen Adoration. Schon vorsichtiger Widerspruch wird als Bedrohung des Ich-Gefühls empfunden. Zum Problem wird es, wenn der Zuspruch durch andere ausbleibt oder, schlimmer noch, an die Stelle der Bewunderung Spott und Häme tritt. Menschen, die an einem Grandiositätskomplex leiden, entwickeln dann eine Wirklichkeitsillusion, die einfach ausblendet, was sich mit der Eigenwahrnehmung nicht in Einklang bringen lässt.

Alle, die nicht mit ihm übereinstimmen, sind schlichtweg Idioten

Im Fall Steinbrück scheint Letzteres zu funktionieren: Alle, die nicht mit ihm übereinstimmen, sind für ihn irgendwie Idioten, angefangen von den Leuten im Parteiapparat, die ihm Ratschläge geben, die er nicht hören will. Man muss sich nur mit Leuten unterhalten, die näher dran sind. Inzwischen hat der Kandidat zwar aufgehört, sich öffentlich über die Medien zu beklagen, aber man sollte daraus nicht den Schluss ziehen, dass er deswegen nachsichtiger über seine Kritiker denkt oder ihre Einwände gar ernst nähme.

Der Vorteil dieser Strategie zur Ich-Stabilisierung durch Wirklichkeitsausblendung liegt auf der Hand: Sie lässt den Wahlkämpfer auch unter widrigsten Bedingungen seinen Job so machen, als bestehe alle Aussicht auf Erfolg. Der Nachteil ist, dass die konsequente Realitätsverkennung selten zum Sieg führt.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Helmut Schmidt für Steinbrück den Teppich zur Kandidatur ausrollte. Auch Schmidt zeigte Zeit seines Lebens einen ausgeprägten Grandiosiätskomplex. Dass er seiner Partei einen Mann empfahl, in dem er sich selbst wiedererkannte, muss man ebenfalls als narzisstischen Akt deuten.

Für die SPD liegt der Unterschied darin, dass die Sozialdemokraten schon an der Macht waren, als Schmidt ins Kanzleramt einzog. Er musste die Macht nur verteidigen, nicht erst gewinnen. Wie jeder weiß, der sich mit Wahlkämpfen auskennt, macht das einen gewaltigen Unterschied.

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insgesamt 138 Beiträge
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unixv 13.06.2013
1. Diese SPD, brauchen wir nicht!
Die sollten Münte reaktivieren, weil nach der Wahl brauchen die jemanden der erklärt : Wie kann der Bürger nur so blöde sein und glauben was wir vor de Wahl versprachen! Neee, SPD so wird das nichts. Wir alle aber wissen was kommt = GroKo! aber keiner will sie! Allein schon : Alle, die nicht mit ihm übereinstimmen, sind schlichtweg Idioten! Ich frage mich schon seid Schröder .... wo ist die SPD-Basis??? Warum machen die dieses üble Neoliberale Spiel mit? Naja, immerhin hat die SPD seid Schröder fast die hälfte ihrer Mitglieder verloren, da sollte sich Steinbrück mal einen Kopf drüber machen, oder weshalb die ehemalige Volkspartei, im Herbst Probleme haben wird die 20% Marke zu knacken! Dieser Trottelverein wird daraus aber nichts lernen, die werden in vier Jahren Frau Kraft aufstellen, um dann zu merken : die 15% Marke rückt in weiter ferne! Mein Tipp @ SPD = Back to the roots! Distanziert euch von der üblen Rentenkürzung und der Agenda2010, schmeißt Schröder, Münte, Stein/brück/meier, Kraft, Wowi und wie die Seeheimer alle heißen aus der SPD raus. Dann, aber wirklich erst dann seid ihr wieder glaubhaft!
subhuman 13.06.2013
2. Dann doch lieber gleich Küppersbusch
Wenn man so originell sein will wie Friedrich Küppersbusch, hat man ein Problem, wenn man es nicht ist. Es sei denn, man schreibselt bei SPON. Da fällt es nicht weiter auf, weil das sowieso morgen schon alles vergessen ist. Übrigens, der Faible ist maskulinum. Auch so etwas wäre Herrn Küppersbusch nicht unterlaufen.
nguelk 13.06.2013
3. ähm ja hm !?
Was will uns der Dichter damit nun sagen? Ich versuche mal eine Schlussfolgerung: 1. Dasd Kompetenzteam ist eine Ansammlung dem Autoren bisher unbekannter oder aus der Wahrnehmung verdrängter Persönlichkeiten. Nun gut, das heisst ja nichts. 2. Steinbrück blendet die Realität aus und soll irgendwie beratungsresistent sein? Nun ja, die Strategie "Mehr Optimismus als die Realität bietet" ist ja nicht neu und kann durchaus helfen. Schliesslich hat schon verloren, wer gar nicht kämpft, wer kämpft hat dagegen eine Chance. 3. Gleich auch noch Helmut Schmidt, unseren Altersweisen und Welterklärer (dummerweise eher aus dem letzten Jahrtausend) einen mitgeben hat ein bisschen was von Leichenschändung. Aber was kratzt es ein Denkmal, wenn eine Taube drauf... Mal abgesehen davon, dass ich hier schon Besseres gelesen habe, wäre mir eine inhaltsbezogene Betrachtung der Politik in D, sowohl der amtierenden Regierung als auch der Möchtegernregierung allmählich mal ganz recht. Und ich finde, Journalisten und Kommentatoren haben die Pflicht, genau diese inhaltlichen Fragestellungen aufzuwerfen, zu analysieren und die Lösungskonzepte der Protagonisten auseinander zu nehmen. Alles andere ist die übliche "Sau durch's Dorf getrieben" und hilft so gar nicht mehr weiter. Erklärt mir, warum Steinbrück und Konsorten mit Ihren Konzepten falsch liegen und warum das Nichtstun der amtierenden Regierung (Motto: wir brauchen einen 10-Punkteplan") der Republik und Europa weiter hilft. Macht doch endlich mal, oder ist das zu mühsam?!
lini71 13.06.2013
4. Setzen 6
Zitat von sysopDPASPD-Kanzlerkandidat Steinbrück hat jetzt ein Kompetenzteam, aber eigentlich ist es egal, wer neben ihm auf der Bühne steht. Für Steinbrück gibt es sowieso nur einen Star: Steinbrück. Schon leiser Widerspruch wird als Bedrohung des Ich-Gefühls empfunden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-ueber-die-spd-und-kanzlerkandidat-peer-steinbrueck-a-905480.html
ich weiß ja das Fleischhauer die tollen Minister von Frau Merkel für viel viel besser hält. Aber das obige Zitat zeigt, das er nichts gelernt hat. Das er so üble Vergleiche bringen muss (zB 5 Mio. Arbeitslose) und angeblich ist jemand nur wegen seines Migrationshintergrundes im Team., macht deutlich, wessen Geistes Kind er ist. Er hält sich selbst für grandios, findet es toll, wenn jemand nach 50 Stunden Arbeite zusätzlich vom Staat finanziert werden muss, um nicht zu verhungern. Ud ach ja, Frauen gehören in die Küche und Migranten nach "Hause", oder wie? Ich kenne da jemanden ganz anders, der sich für supertoll hält und alles weg beißt, die was können. Auch weiblich und auch mit (ostdeutschen) Migrationshintergrund.
anton_otto 13.06.2013
5. Die SPD will doch gar nicht!
Je länger Steinbrück Kanzlerkandidat ist, um so mehr verstärkt sich der Eindruck, daß die SPD die Wahl eigentlich gar nicht gewinnen will. Dafür spricht das Personal in seinem Kompetenzteam, das weitgehend aus der dritten Reihe stammt. Dazu kommt ein seltsamer neuer Pressesprecher, der schon unter Entschuldigungsdruck steht. Wenn das nicht reicht, kommen Querschüsse aus der Parteispitze, so wie beim Tempolimit.
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