S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Heiratet, lebt länger!

Seit Jahren heißt es, die Ehe sei am Ende. Trotzdem geben sich jedes Jahr über 370.000 Paare das Jawort. Aus gutem Grund.

Hochzeit: Das Heiratsversprechen ist der ultimative Beweis der Liebe
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Hochzeit: Das Heiratsversprechen ist der ultimative Beweis der Liebe

Eine Kolumne von


Das spektakulärste Urteil des Jahres zum Beziehungsstand in Deutschland erging vor vier Wochen, ohne dass die breitere Öffentlichkeit entsprechend Notiz genommen hätte. Mitte November befanden die Richter des Bundessozialgerichts, dass die Ehe den "Kindeswohlbelangen mehr Rechnung" trage als eine nichteheliche Partnerschaft.

Krankenkassen dürfen Unverheirateten deshalb nicht die künstliche Befruchtung zahlen, selbst wenn sie das gern wollen. Es ist lange her, dass man so klare Worte in Verteidigung der Ehe gehört hat. Kein Wunder, dass Vertreter von Grünen und Linkspartei sofort ankündigten, dieser Ungleichbehandlung nun per Gesetz abhelfen zu wollen.

Seit ich denken kann, höre ich, dass die Ehe am Ende sei. Das neue Leitbild ist die sogenannte Patchworkfamilie, in der ein Trauschein als Relikt aus überwundener Zeit gilt. Sogar die evangelische Kirche hat sich inzwischen von der Ehe als Ideal einer geglückten Partnerschaft verabschiedet. Ob alleinerziehend, geschieden, unverheiratet oder in Sünde lebend - der Kirche ist alles gleich lieb.

Seit den Siebzigerjahren nimmt die Zahl der Scheidungen zu, worauf die Feinde der Ehe hinzuweisen nicht müde werden. Aber das hat auf die Zahl der Eheschließungen kaum Einfluss. Tatsächlich besteht zwischen beidem nur insofern ein Zusammenhang, als man verheiratet gewesen sein muss, um sich wieder scheiden zu lassen. Nur in wenigen anderen Ländern der westlichen Welt sind die Scheidungsraten so hoch wie in den USA, und kaum anderswo haben gleichzeitig so viele Paare einen Trauschein.

Das Heiratsversprechen ist der ultimative Beweis der Liebe

Auch in Deutschland ist die Ehe, trotz aller Abgesänge, nach wie vor ungemein populär. 2013 haben sich 373.655 Paare das Jawort gegeben, die Zahl schwankt über die vergangenen zwei Dekaden nur leicht. 169.833 Ehen wurden geschieden, das Rekordjahr war 2003 mit 213.975 Scheidungen.

Man kann daraus nur schließen, dass die Mehrzahl der Menschen stur an ihrem Glauben festhält, dass es bei ihnen anders ausgehen wird als bei ihren unglücklichen Nachbarn. Oder dass sie einfach bei der eigenen Familienplanung völlig ignorant sind, wie es um sie herum aussieht.

Das Heiratsversprechen ist der ultimative Beweis der Liebe. Nur Menschen mit einem Herz aus Stein bleiben bei Trauungen ungerührt. Man kann sich auch über einer Schale Müsli versprechen, für immer beieinander zu bleiben. Aber niemand wird bestreiten können, dass es einen Unterschied macht, ob das Treuegelöbnis eine private Verabredung bleibt oder öffentlich erfolgt, von den rechtlichen Konsequenzen ganz abgesehen. Jedes Paar wird sich an den Moment erinnern, als es sich das Jawort gab, dieser Augenblick überdauert nahezu unbeschadet alle Krisen, selbst die endgültige.

Es gibt sogar Menschen, die von der Ehe so überzeugt sind, dass sie gleich mehrfach heiraten. Zwei bekannte Vertreter der seriellen Trauung sind Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Der eine ist zum vierten Mal verheiratet, der andere zum fünften Mal. Als sie noch in der Politik aktiv waren, hat man versucht, ihnen daraus einen Strick zu drehen: Wer viermal in Folge sein Eheversprechen gebrochen habe, dem könne man als Wähler nicht trauen, hieß es.

Unverheiratete haben ein höheres Sterberisiko

Mir hat diese Argumentation nie eingeleuchtet: Nur weil der Bund fürs Leben brechen kann, bedeutet das noch nicht, dass man der Idee abschwören muss. Offenbar waren beide immer wieder von Neuem überzeugt, die Richtige gefunden zu haben, weshalb sie jedesmal alle Zweifel hintanstellen. Er sei schon immer fürs Heiraten gewesen, hat Fischer einmal gesagt, weil er es gut finde, "dass man sich erklärt und verpflichtet, ohne Hintertür". Billig kommt so ein Bekenntnis übrigens nicht. Auch für einen Außenminister gelten die Bestimmungen des Scheidungsrechts.

Es gibt neben dem romantischen Mehrwert sehr handfeste Gründe, die für die Ehe sprechen. Wer verheiratet ist, lebt länger. Studien zufolge haben Unverheiratete ein höheres Sterberisiko, und zwar unabhängig von der Lebensweise. Außerdem schafft die Ehe Wohlstand, erhöht nachweislich das Lebensglück und ist gut für den Nachwuchs. In der "Süddeutschen Zeitung" habe ich gelesen, dass verheiratete Paare gesündere und erfolgreichere Kinder haben als Unverheiratete oder Alleinstehende. Und: Wer in einer Familie aufwächst, in der die Eltern einen Trauschein haben, wird weniger häufig straffällig, hat seltener Asthma, ist besser in der Schule und verdient als Erwachsener mehr. Außerdem sinkt das Risiko der Teenager-Schwangerschaft.

Was soll ich sagen? Mich haben die Vorzüge der Ehe immer überzeugt, da geht es mir wie Joschka Fischer. In dem Punkt sind wir uns ausnahmsweise einig gewesen.

P.S.: Der Kolumnist hat sich gestern vor dem Standesamt München, Mandlstraße 14, um 8.45 Uhr trauen lassen.

P.P.S.: Er ist natürlich überzeugt, dass diese Ehe für die Ewigkeit ist.

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insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
Badischer Revoluzzer 16.12.2014
1. Na ja -
die Kriminalstatistik und die Praxis zeigen, daß Ehe nicht gleich mit längerem Leben verbunden sein muß :-)
DerUnvorstellbare 16.12.2014
2.
Ja, die Ehe hat die Jahrtausende überstanden. Es hat seine Gründe. Allerdings würde ich sagen, dass manche tatsächlich nicht heiraten sollten, sie sind einfach nicht imstande eine Ehe zu führen. Bevor man noch jemanden in seine verrückte Welt reinzieht, dann lieber gar nicht heiraten. Denn eine Scheidung ist schlimmer als überhaupt keine Ehe.
camemberta 16.12.2014
3. Alles Gute
Herzlichen Glückwunsch, Herr Fleischhauer, von einer, die seit 24 Jahren verheiratet und immer noch absolut von diesem Konzept überzeugt ist! Und immerhin hatten wir es zuvor auch schon vier Jahre ohne Trauschein versucht ...
trader_07 16.12.2014
4. Da sage ich...
Das sage ich: Von Herzen alles Gute, Herr Fleischhauer. Und ich hoffe, dass der Dienstag auch weiterhin aus dem allwöchentlich gruseligen Kolumnisten-Rodeo als einziger Tag deutlich herausragt.
drmm 16.12.2014
5. Herzlichen Glückwunsch Herr Fleischhauer...
...und eine glückliche Ehe und noch viele -mal mehr, mal weniger- treffsichere Kolumnen!
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