S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Zähl die Panne!

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Auf Twitter kursieren die ersten Listen mit den größten Wahlkampfpannen von Team Steinbrück. Der aktuelle Stand liegt bei 15. Wer zählt noch mehr?

Eigentlich erstaunlich, dass das Sommerfest der SPD am vergangenen Wochenende ohne größere Zwischenfälle über die Bühne ging. Nach dem bisherigen Verlauf der Wahlkampagne hätte man erwarten sollen, dass es wie aus Kübeln schüttet oder der Kanzlerkandidat vor laufender Kamera einen Schwächeanfall erleidet. Aber auch so hatte das Wochenende seinen Irritationshöhepunkt: Erst erklärte Sigmar Gabriel, dass man über die Steuererhöhungen noch einmal reden könne. Dann stellte er klar, warum er falsch verstanden worden sei und man selbstverständlich an den Plänen festhalte.

Der Wahlkampf ist an einem Punkt angekommen, wo die Auseinandersetzung mit der SPD in Mitleid umschlägt. Auf Twitter kursieren bereits die ersten Listen der Pannen, die der Partei seit Beginn des Wahlkampfs unterlaufen sind. Der aktuelle Stand liegt bei 15, als da wären: Stadtwerke Bochum, Freshfields, ThyssenKrupp, Eierlikörgate, Donnermeyer, Roman Maria Koidl, Glühbirnen, Kanzlergehalt, Schachturnier, PeerBlog, Clown-Vergleich, Frauenbonus, DDR-Sozialisation, "Das Wir entscheidet".

Haben wir etwas vergessen? Ach ja, die Bio-Wahlplakate, die sich im Regen auflösen. Der Wahlkampfauftakt in Bayern, der ausgerechnet mit einer Tour zum Berg Lusen begann. Die Leser dieser Kolumne sind herzlich eingeladen, die Liste zu vervollständigen. Wer als Erster auf zwei Dutzend kommt, erhält von mir den Ich-zähl-mit-Solidaritätspreis.

Mitleid ist eine schöne menschliche Eigenschaft. Die Frage ist nur, wie viele Wähler für einen Kandidaten stimmen, den sie bedauern statt bewundern. Schon vor Jahren hat die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann auf das Phänomen hingewiesen, dass Menschen lieber den Mund halten, wenn sie merken, dass sie mit ihrer Meinung in der Minderheit sind, womit sie dem Kandidaten weiteren Zulauf verschaffen, der in der öffentlichen Gunst bereits führt. Sie nannte das die Schweigespirale. Mitleid ist noch schlimmer als Schweigen: Es macht auch diejenigen klein, die sich trotz aller Widrigkeiten zu ihrem Anführer bekennen.

Die eigentliche Unbekannte in diesem Spiel sind die Grünen

In den Feuilletons erklingt jetzt die Klage über den müden Wahlkampf. Das Volk sei zu lethargisch, die Kanzlerin zu unverbindlich, die Leute interessierten sich mehr für das Wetter als für Politik. Die Ersten fürchten bereits um die Demokratie. Lassen wir einmal dahingestellt, was in Deutschland auf Dauer gefährlicher war: die Abstinenz von allzu heftigen politischen Leidenschaften oder der Überschuss daran. Aber die Feuilleton-Klage zeigt das Ausmaß der Verzweiflung bei denjenigen, die einen Politikwechsel herbeisehnen. Wer von der Amtsinhaberin erwartet, dass sie auch noch das Geschäft der Opposition besorgt, ist mit seinem Latein wirklich am Ende.

In der Not werden alle möglichen Varianten durchgespielt, wie man dennoch an die Macht kommen könnte. Das verlockendste Szenario ist nach Lage der Dinge eine Koalition mit Linkspartei und Grünen. Auf die Beteuerungen aus der SPD-Spitze, dies sei den Bürgern nicht zuzumuten, sollte man nicht allzu viel geben: Vor die Wahl gestellt, sich in die Opposition zu verabschieden oder den Kanzler zu stellen, werden sich genug Leute finden, die den Griff zur Macht bevorzugen.

Auch der Kanzlerkandidat steht dann bereit, allen anderslautenden Schwüren zum Trotz. Niemand reibt sich über Monate im Wahlkampf auf, um dann, wenn das Kanzleramt in Reichweite ist, vornehm beiseitezutreten, um es dem Parteichef zu überlassen. Man braucht auch nicht viel Phantasie, um sich die Begründung zu denken: Gerade in einer Zeit großer Herausforderungen sei jemand mit wirtschaftspolitischer Vernunft an der Spitze gefordert, der Verlässlichkeit und Stabilität zu garantieren in der Lage sei. Man kennt den Sound.

Die eigentliche Unbekannte in diesem Spiel sind die Grünen. Wenn ein Bündnis aus SPD, Linkspartei und Grünen geht, dann ist auch eine Koalition aus Grünen und Union möglich. Für eine Reihe von Spitzengrünen ist der Herbst die letzte Gelegenheit, noch einmal ganz nach oben zu kommen. Vor die Wahl gestellt, dies in einer Wackelkoalition mit den Postkommunisten zu versuchen oder an der Seite von Angela Merkel, werden viele ins Grübeln kommen, was sich auf Dauer mehr auszahlt. Die Grünen haben sich immer als erstaunlich pragmatisch erwiesen, wenn es darum geht, für sich und ihresgleichen die nächste Position zu sichern. Mit der Union wären Außenamt und Vizekanzler garantiert.

Die Weitsichtigeren in der SPD richten ihren Blick jetzt auf 2017. Schwarz-Grün wäre aus ihrer Sicht dabei gar keine so üble Lösung. Der sicherste Weg, aus einer Volkspartei eine 20-Prozent-Gruppierung zu machen, ist ein Bündnis mit den Grünen. Das weiß niemand besser als die deutsche Sozialdemokratie.

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insgesamt 181 Beiträge
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1. Lieber Herr Fleischhauer,
ellereller 22.08.2013
Sie schreiben: "Der sicherste Weg, aus einer Volkspartei eine 20-Prozent-Gruppierung zu machen, ist ein Bündnis mit den Grünen. Das weiß niemand besser als die deutsche Sozialdemokratie." Schauen Sie besser doch noch einmal nach, wieviel Prozent die SPD bei der Bundestagswahl 2005 erreicht hat und mit wem sie anschließend bis 2009 koalierte.
2. Fleisch-Hauer
tthomas 22.08.2013
ist mal wieder der Oberlehrer und Übervater der deutschen Politik. Toll.
3.
m.schrader 22.08.2013
Zitat von sysopAuf Twitter kursieren die ersten Listen mit den größten Wahlkampfpannen von Team Steinbrück. Der aktuelle Stand liegt bei 15. Wer zählt noch mehr? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-ueber-die-wahlkampfpannen-in-peer-steinbruecks-team-a-917985.html
auch hier liegen sie falsch. Das Hartz4/Agenda2010-Menetekel wird diese Partei mindestens für mehr als eine Generation in den Niederungen der Wählergunst halten. So ab 2030 hätten die dann mal wieder eine Chance!
4. Subtil
csar 22.08.2013
Wie die SPD sich mit vielen Kleinigkeiten sabotiert, um Frau Merkels Renteneintritt abzuwarten. Viele kleine Fehler, damit man nicht denken könnte sie wollten verlieren: Mit Gabriel, Wowereit, Nahles, etc. hätten sie Kanzlerkanditaten gehabt die eine Niederlage garantieren, aber diese Schiene haben sie schon zu oft geritten (Vogel,Scharping, Lafontaine)
5. Warum?
frederik2013 22.08.2013
Hallo Herr Fleischhauer, wieso hetzen Sie eigentlich so gegen die konservative SPD und die konservativen Grünen. Ich als 50% linker Investmentbanker habe mich längst von diesen konservativen Parteien verabschiedet. Immerhin werden meine Verluste, die ich täglich einfahre, von der CDU und FDP sozialisiert und meine Gewinne werden weiterhin privatisiert. Ich liebe die CDU und die FDP einfach dafür, zu 50% sozialistisch zu sein. Von mir aus können Sie ruhig mit Ihrer Propaganda weitermachen von der Mär die CDU und FDP wäre nicht bereits viel linker als die Grünen und die SPD. Vielleicht lade ich Sie mal zu einem Champagner-Frühstück in mein Büro ein.
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