S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Ich. Entschuldige. Mich

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Die Verbindung von Brüderle-Affäre und Frauenquote zeigt, wohin die Sexismus-Debatte eigentlich zielt: auf die Eroberung von Machtpositionen über die moralische Abwertung des Gegners.

Jetzt fehlt nur noch eine Entschuldigung. Er müsse sich erklären, so erwarten es angeblich 90 Prozent der Deutschen von Rainer Brüderle, so verlangt es auch die SPD in Gestalt ihrer Generalsekretärin. Das klingt einleuchtend. Wer sich fehlerhaft verhalten hat, soll seinen Fehler eingestehen. Das gilt erst recht bei jemandem, der eine öffentliche Position bekleidet.

Die Frage ist nur, wie man ein öffentliches Schuldbekenntnis zu einem Anlass ablegt, der erst im Nachhinein entdeckt wurde.

Eine Entschuldigung ist, wenn sie ernst gemeint sein soll, nicht nur persönlich, sondern auch zeitlich gebunden. Sie antwortet auf eine Verletzung, die man jemandem schuldhaft zugefügt hat. Das aber setzt voraus, dass diese Kränkung im Moment des Geschehens auch als solche empfunden wurde.

Die Journalistin, bei der es sich zu entschuldigen gälte, hat auf Nachfrage erklärt, sie habe mit ihrem Artikel nie die Absicht verfolgt, Brüderle an den Pranger zu stellen, weil sie sich von ihm belästigt gefühlt habe. Sie habe auch nie eine Debatte über den Umgang von Politikern mit Journalistinnen anstoßen wollen, tatsächlich sei sie von den heftigen Reaktionen überrascht. Ihr sei es allein darum gegangen, einen Mann zu schildern, der nach ihrer Meinung aus der Zeit gefallen ist. Ein politisches Porträt also, keine Anklage.

Wenn aber nicht die Frau, die Brüderle mit einer unangemessenen Bemerkung in Verlegenheit gebracht hat, der Adressat der Entschuldigung sein kann, wer sonst? Der "Stern", für den die Redakteurin Himmelreich arbeitet und in dessen Auftrag sie mit dem FDP-Politiker bis zuletzt Umgang pflegte? Das journalistische Kollektiv, das sich in der Person der jungen Kollegin stellvertretend angegriffen und erniedrigt fühlt? Oder die Allgemeinheit aller Frauen, die nun eigene und oftmals ganz anders gelagerte Erfahrungen an die Öffentlichkeit bringen? Das hieße dann, eine Entschuldigung in eine generelle Demutsgeste umzuwandeln. Aber vielleicht ist ja genau das gemeint.

Die Sexismus-Debatte in Deutschland ist eine Erfindung

Nach einer Woche Sexismus-Debatte lässt sich eine vorläufige Zwischenbilanz ziehen. Es gibt, wie in solchen Fällen unausweichlich, die Verlierer (Brüderle und seine Verteidiger). Es gibt Kollateralschäden (ganz vorne dabei: SPD-Symbolfigur Willy Brandt, von dem man nun weiß, dass er ein Grabscher war). Und es gibt das Lager der Gewinner, in dem sich Leute wie der scheidende Chefredakteur des "Stern" wiederfinden, den ein Bekenntnis zur Quote und eine Drei-Seiten-Geschichte über den wandelnden "Herrenwitz" auf die Seite der Anständigen geführt haben. Auch Philipp Rösler darf man wohl zu den Nutznießern zählen. Niemand käme heute noch auf die Idee, in Brüderle den besseren Parteivorsitzenden zu sehen. Bei dem Brüssler FDP-Sternchen Silvana Koch-Mehrin ist noch nicht ausgemacht, wie nachhaltig die wundersame Auferstehung aus dem Reich der politisch Untoten sein wird.

Wer mit Begriffen der Schuld operiert, will ein moralisches Gefälle herstellen. Bevor es um die Verständigung geht, die diskurstheoretisch als Ziel postuliert ist, sollen erst einmal die Verhältnisse geklärt werden, und zwar in Opfer und Täter. Das ist der tiefere Sinn der Operation. Man müsse reden, lautet eine beliebte Wendung in vielen Artikeln zum Thema, aber das ist nur so dahin gesagt. Tatsächlich geht es um Definition und Markierung.

Die Sexismus-Debatte in Deutschland ist eine Erfindung, weil niemand wirklich öffentlich debattiert. Was es gibt, ist Empörung und Anklage.

Der moralische Geländegewinn will genutzt werden. Es ist kein Zufall, dass Heiner Geißler einer der ersten war, die den Zusammenhang zur Quoten-Diskussion herstellten. Der Mann weiß, wie man Erfolge im Meinungskampf in handfeste Vorteile ummünzt; in dem Geschäft kennt er sich aus. Wenn mehr Frauen an verantwortlicher Stelle sind, dann müssen wir uns auch keine Gedanken über Sexismus mehr machen: Das ist der Rückschluss, mit der nun die Notwendigkeit der Eroberung von Machtpositionen über staatliche Zwangsverordnung statt zäher Argumentationsarbeit begründet wird. Genug geredet, lautet der heimliche Slogan dieser Debatte.

Unbeantwortet bleibt damit die Frage, ob es wirklich eine so gute Idee ist, einen neuen Gesellschaftsvertrag, und um nichts anderes handelt es sich bei der Installierung einer Quote, auf einer Bezichtigung zu begründen. Jeder, der seinen Lebensunterhalt nicht mit Turnereien im Internet verdient, weiß, dass die Welt unendlich viel komplexer ist als uns die hastig gesammelten "Aufschrei"-Einträge weismachen wollen.

Schuld ist in der Regel individuell, selten kollektiv. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (oder einem Geschlecht) begründet noch keine Notwendigkeit zum schlechten Gewissen. Wer auf moralische Abwertung setzt, weil er glaubt, damit schneller zum Erfolg zu kommen, verletzt nicht nur ein wichtiges Axiom sozialen Zusammenlebens. Er erzeugt auf der anderen Seite einen Groll, der sich schon bald gegen ihn selbst richten wird.

Ist es so schwer vorstellbar, dass auch Frauen gemein, hinterlistig, machtbesessen sein können? Von der viel bewunderten Ursula von der Leyen ist bekannt, wie verletzend sie mit Mitarbeitern umgeht, die ihr nicht passen. Angela Merkel galt bis vor kurzem noch als berechnende Männermörderin, auch wenn das in diesem Fall eher eine Phantasie männlicher Journalisten war.

Es widerspricht nicht nur der allgemeinen Lebenspraxis, Frauen zu den menschlicheren Menschen zu erklären. Es ist, wenn man darüber nachdenkt, auch erstaunlich rückwärtsgewandt. Von dort ist es nicht mehr weit zu der Annahme, dass Kinder doch am besten bei der Mutter aufgehoben seien, weil nur Frauen genau wissen, was ein so kleiner Wurm an Zuwendung und Aufmerksamkeit braucht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 289 Beiträge
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    Seite 1    
1. Das der
kaffeepause9h30 31.01.2013
.....seine Auflagen massiv verloren hat, und nunmehr mit existenziell sensationellen Themen wieder in die journalistische Top-Liga der Qualitätspresse zurückkehren will, wird wohl ein unerfüllbarer Wunschtraum der Macherinnen und Macher dieses Magazins bleiben. Noch peinlicher und beschämender wird es allerdings, wenn sich so ausgewiesene Salon-Feministinnen (von Claudia Roth über Andrea Nahles bis Kristina Schröder) über das Altherren-Gehabe eines unpopulären FDP-Politikers empören, gleichzeitig aber den alltäglichen Sexismus, wie er im Brauchtum weiter Migranten-Milieus als "völlig normal" hingenommen wird, nicht wahrnehmen und wahrhaben wollen. Damit entblödet sich diese Damenliga nicht, die doch sonst so zwingend auf Quoten-Modelle in Top-Anstellungen angewiesen scheint, wo eigentlich Intelligenz, Führungsstärke und Leistung den ultimativen Ausschlag geben sollten, und nicht etwa die Körbchengröße eines Dirndls!
2. Zustimmung
NilsCA 31.01.2013
Beim Fleischhauer nicht oft der Fall, Recht hat er, einen schwarzen Kanal ist hier notwendig.
3. Gut gebrüllt, Löwe!
Doctor Feelgood 31.01.2013
Wo der Herr Fleischhauer Recht hat, da hat er Recht. Um etwas anderes als die Eroberung von Machtpositionen ging es bei der ganzen Debatte von vorneherein nicht! Allerdings sollte man dies auch mal dem Herrn Augstein stecken, der mit seinem blödsinnigen Salbadern vom Untergang des weissen Mannes genau in die Kerbe derer gehauen hat, die auf so üble Art ihre moralischen Geländegewinne erreichen wollen.
4. Auch in der...
aprilapril 31.01.2013
Zitat von sysopDie Verbindung von Brüderle-Affäre und Frauenquote zeigt, wohin die Sexismus-Debatte eigentlich zielt: auf die Eroberung von Machtpositionen über die moralische Abwertung des Gegners. Jan Fleischhauer über Rainer Brüderle und die Sexismus-Debatte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-ueber-rainer-bruederle-und-die-sexismus-debatte-a-880667.html)
gestrigen Diskussion bei Anne Will wurde viel zu kurz gesprungen. Sexismus ist allgegenwärtig und liegt z.B. im Interesse von Autobauern. Nach dem Motto Sex sales wird jedem Neuwagen auf Messen eine attraktive Dame zur Seite gestellt oder gelegt. Wenn man durch die Stadt spaziert und Werbeplakate betrachtet, müsste man permanent aufschreien. Sendungen mit Dieter Bohlen, der Ausgeburt von Sexismus, wären aus den Programmen zu streichen. Betrachtet man den Blätterwand am Kiosk, bekäme man wahre Schreikrämpfe. Das setzt sich auch in Filmen nahtlos fort - und und und. Will sagen, dass Medien mit dem Beispiel Brüderle, an dem man sich nun aufgeilt, offenbar andere Gründe verfolgen, in dieser Weise breit getreten zu werden.
5. Hallo Herr Fleischhauer
dr.edi 31.01.2013
der Artikel ist viel zu freundlich und neutral gehalten.
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