S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Wer will Frank Schirrmacher töten?

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Einer der "FAZ"-Herausgeber als Opfer wilder Splatter-Phantasien, der Verlag S. Fischer als Herausgeber von Voodoo-Literatur: Das deutsche Feuilleton erlebt gerade das irrste Schauspiel des Sommers. Dabei geht es, ganz klassisch, nur um Neid und Missgunst.

Bislang galt der S. Fischer Verlag nicht als Heimat der Splatter-Literatur. Aber nach allem, was man gerade in der "Welt" lesen konnte, steht uns aus Frankfurt ein echter Schocker bevor. Nächste Woche kommt in dem Traditionshaus "Der Sturm" auf den Markt, ein sogenannter Schweden-Krimi, bei dem gleich zum Auftakt ein Mensch so bestialisch zerlegt wird, dass aus der Masse an Knorpeln und Knochen als einzig erkennbare Gliedmaßen die beiden Beinstümpfe hervorragen. Also irgendetwas zwischen "Saw" und "Hostel 2".

Folgt man den Fährtenlesern der "Welt", handelt es sich bei der Blutphantasie um eine inzestuöse Form der Wutliteratur, das macht den Fall auch für das Hochfeuilleton interessant. Bei dem Toten am Anfang soll es sich um Frank Schirrmacher handeln, beziehungsweise dessen literarisches Abbild; als Co-Autor des Buches, in dem der Mitherausgeber der "FAZ" in effigie zerstückelt wird, wurde der Feuilletonchef der "Süddeutschen Zeitung", Thomas Steinfeld, ausgemacht. Inzwischen hat Steinfeld seine Mitautorenschaft eingeräumt, nur den Teil mit Schirrmacher will er so nicht bestätigen.

Vielleicht bin ich, was Schirrmacher angeht, voreingenommen, das mag mein Urteil trüben. Vor 16 Jahren habe ich über ihn mal einen Artikel im SPIEGEL verfasst, in dem ich ihm erstens vorhielt, seine eigene Biografie ausgeschmückt zu haben. Und zweitens, überhaupt ein arger Windhund zu sein, dem alles gerne groß, ja, genialisch gerät.

Der Artikel war ziemlich kleinkariert, wie ich im Nachhinein sagen muss. Natürlich entspricht Frank Schirrmacher nicht exakt dem Typus des Redaktionsbuchhalters, der bei jedem Superlativ fragt, ob dieser auch wirklich belegbar sei, aber dafür weiß er so gut wie niemand sonst in Deutschland, wie man Debatten anzettelt. Dabei ist, neben einem Gespür für Themen, die Fähigkeit, Wind zu erzeugen, nahezu unerlässlich, sonst bleibt es beim Windchen.

Vor allem aber, und das unterscheidet den "FAZ"-Journalisten von vielen seiner Berufsgenossen, hat er im Kopf nicht Vorbehalte, sondern Ideen: In dem von ihm verantworteten Feuilleton folgt Wagenknecht auf Sarrazin. Danach kommt, wenn es sein muss, ein Pirat mit Trekkingsandalen und Weltverbesserungsplänen. Oder mal eben der Ober-Scientologe Tom Cruise. Man kann das für eine furchtbare Form von Jahrmarktskultur halten, aber sie ist dennoch tausendmal interessanter als die Gesinnungsabzählerei, die sonst so gerne in den Kulturteilen betrieben wird.

Erstaunliche Aggressionen gegen Schirrmacher

Vermutlich ist diese enthusiastische Sorglosigkeit (und die damit einhergehende Beachtung durchs Publikum) auch der Grund, warum so viele im deutschen Feuilleton den Mann mit dem Doppelwohnsitz Frankfurt/Potsdam hassen. Na gut, hassen ist möglicherweise ein zu starkes Wort; aber es ist jedenfalls erstaunlich, welche Aggressionen einer wie Schirrmacher immer wieder auf sich zieht. Man muss schon sehr starke Gefühle entwickelt haben, um jemanden in einer Art literarischer Voodoo-Handlung erst mit der Schaufel zu erschlagen und dann vermutlich einem Dachs zum Fraß vorzuwerfen.

Feuilleton ist in erster Linie Peergroup-Journalismus: Der eigentliche Adressat sind nicht die Leser, von denen der Chefredakteur ständig quasselt, sondern die Kollegen in den anderen Kulturabteilungen, also etwa 200 bis 300 Leute, die hoffentlich gehörig davon beeindruckt sind, wie virtuos man die Pussy Riots durch die Adorno-Mühle gedreht oder ein völlig unauffälliges Bürogebäude zum hässlichsten Hochhaus Berlins erklärt hat.

Man teilt sich die Vorurteile, die Kneipen und praktischerweise auch die Wohnviertel, also etwa fünf Kilometer rund um das Grill Royal in der Mitte der Hauptstadt. Kein Wunder, dass sich umgekehrt jemand allein durch die Tatsache verdächtig macht, wenn er dort nicht verkehrt, sondern lieber an seinem See am nächsten Bestseller sitzt. Das ist zwar ebenfalls elitär, aber auf eine so exzentrische Weise, dass es für diese Art kleinkollektiver Dünkelhaftigkeit völlig ungeeignet bleibt.

Ultimative Kränkung

Anderseits sind die Leute im Feuilleton auch nicht wirklich zu beneiden, das erklärt vielleicht die hier überproportional ausgeprägte Reizbarkeit. Stellen Sie sich vor, Sie müssten ständig dahergeplapperte Frauenromane mit seltsam verklemmten SM- und Ausscheidungsphantasien zu feministischen Befreiungstexten hochjubeln, um sie so auf Aufmacher-Höhe zu bringen? Oder sich einen Reim auf die Euro-Krise machen, obwohl sie bis gestern noch nicht einmal wussten, was Bonds sind beziehungsweise diese noch von der "Fifty Shades of Grey"-Lektüre für ein Fesselungsinstrument hielten? Das hält man nur mit viel Foucault im Gepäck und einer großen Flasche Wein aus. Viel Nährboden für unterdrückte Aggression also.

Schirrmacher hat jetzt auf Nachfrage erklärt, er lese keine Schweden-Krimis. Vermutlich macht es ihm wirklich nichts aus, in einem Roman zu Köttbullar verarbeitet zu werden, im Gegenteil: Er freut sich über den Budenzauber. Das wäre für seine Gegner dann allerdings die ultimative Kränkung.

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insgesamt 43 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ich lache mich schlapp...
BettyB. 16.08.2012
All die Kolumnisten als Promotoren des Verkaufs eines Krimis. Die Sache ist wirklich geglückt...
2.
polemi 16.08.2012
Diese im Feuilleton versteckte und gut abgeschmeckte Millieustudie hat mich gerade für ja doch viel zu häufig servierte fade Kost im Online-Journalismus ein wenig entschädigt. Dank an den Küchenchef und Bitte um Nachschlag.
3. Sehr schön...
El Polyglota 16.08.2012
geschrieben. Ob Sie sich damit nur Freunde gemacht haben, darf zwar bezweifelt werden. Jedoch ist der Kommentar herausragend pointiert und weiß auch durch Ausdrücke wie "in effigie" zu bestechen. Hut ab, vielleicht wären Sie ja doch besser im Feuilleton der FAZ aufgehoben ;-).
4. Warum die Reue ?
stuhlsen 16.08.2012
Zitat von sysopEiner der "FAZ"-Herausgeber als Opfer wilder Splatterphantasien, der Verlag S. Fischer als Herausgeber von Voodoo-Literatur: Das deutsche Feuilleton erlebt gerade das irrste Schauspiel des Sommers. Dabei geht es, ganz klassisch, nur um Neid und Missgunst. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,850319,00.html
Ihr alter SPIEGEL-Artikel über den Mann aus Frankfurt mit der Liebe zu teueren Schuhen und kleinen Mädchen (so laut "DER STURM") war schon richtig. Das ist der Kultur-Herausgeber der größten konservativen Zeitung aus Deutschland. Alles klar ? P.S. Einer wird sich freuen: Ex-Buprä Wulff. An der Pressekampagne gegen dieses arme Licht war der Mann aus Frankfurt maßgeblich beteiligt.
5. ts ts ts
majorfabs 16.08.2012
"Einer der "FAZ"-Herausgeber als Opfer wilder Splatterphantasien, der Verlag S. Fischer als Herausgeber von Voodoo-Literatur: Das deutsche Feuilleton erlebt gerade das irrste Schauspiel des Sommers. Dabei geht es, ganz klassisch, nur um Neid und Missgunst." Das ist mit Abstand die lächerlichste Sommerloch-Posse, die ich je gelesen habe. Immerhin hat sie mich ein paar Minuten amüsiert...
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