Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Oralsex für den Siebtklässler

Eine Kolumne von

In ihrem Bemühen, das traditionelle Familienbild zu ersetzen, greift die Sexualpädagogik zu ungewöhnlichen Methoden: Die Fachleute empfehlen für den Unterricht die Beschäftigung mit Vibrator, Handschellen und Lederpeitsche.

Wann ist das richtige Alter, um mit Kindern über die Vorzüge des Oralverkehrs zu reden? Mit zehn, zwölf oder 14 Jahren? Schwierige Frage, werden Sie jetzt als fortschrittlich gesinnter Mensch vielleicht sagen: Was rät denn der Fachmann?

Wer bei der Beantwortung der Frage schwankt, wann die Zeit für die Aufklärung über den Blowjob gekommen ist, findet in dem Ratgeber "Sexualpädagogik der Vielfalt" Antworten. Für das Autorenteam sollte man als Heranwachsender spätestens mit zwölf wissen, wo der "Penis sonst noch stecken" könnte. Ab der Altersstufe 14 empfehlen die Fachleute die Beschäftigung mit Vibrator, "Taschenmuschi" und Lederpeitsche. "Sexualpädagogik der Vielfalt" ist nicht irgendein Ratgeber, falls Sie Zweifel an der Seriosität haben: Das Buch gilt als Standardwerk und wird von großen sexualwissenschaftlichen Institutionen empfohlen. Zu den Autoren gehören namhafte Professoren.

Für mich war neu, wie früh man in Deutschland mit der Einführung in das weite Reich der Sexualität beginnt, muss ich gestehen. Ich ging bislang davon aus, dass Kinder im Aufklärungsunterricht vor allem etwas über Verhütungsmittel lernen, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass offenbar auch die Einübung in Sexualtechniken, die selbst vielen Erwachsenen fremd sind, zum Unterrichtsstoff gehört. Aber meine Kinder sind ja auch schon aus dem Schulalter heraus. "Achtung, keine Satire" hat die "Süddeutsche" neulich für Leser wie mich einen Artikel begonnen, in dem sie über die neuesten Trends berichtete.

In dem Text stand, dass heute schon Siebtklässler lernen sollen, offen über ihre Vorlieben und Bedürfnisse zu sprechen. Eine Übung geht so, wie ich gelesen habe: Im Unterricht zieht jeder ein Kärtchen mit einem "ersten Mal", über das er dann in Form eines Gedichts, eines Bildes oder eines Sketches Auskunft gibt. Die Themen auf den Kärtchen sind: "Das erste Mal ein Kondom überziehen", "das erste Mal ein Tampon einführen", "das erste Mal Analverkehr". Worüber Jugendliche in der siebten Klasse in großer Runde eben gerne reden.

Kinder sind robuster, als Erwachsene oft vermuten

Eine andere Unterrichtseinheit heißt "der neue Puff für alle", dabei geht es darum, dass ein Bordell so modernisiert werden soll, dass es "verschiedenen Lebensweisen und sexuellen Praktiken" genügt. Die Schüler diskutieren dabei in Kleingruppen: (1) inhaltliches Angebot, (2) Innenraumgestaltung, (3) Personal, (4) Werbung und Preisgestaltung. "Jugendliche brauchen bei dieser Übung die Ermunterung, Sexualität sehr vielseitig zu denken", lautet die Empfehlung an die Lehrer.

Nicht allen Eltern erschließt sich auf Anhieb der Vorzug der modernen Sexualpädagogik. Was Rezensenten auf Amazon als "Fundgrube profunder Anregungen" loben, empfinden sie als unangemessene Einmischung. Das ist natürlich ganz falsch: Wer bei dem Gedanken an die Taschenmuschi im Klassenzimmer einen roten Kopf bekommt, zeigt nur, wie sehr er der Entwicklung hinterherhinkt. "Fundamentalisten" hat die von mir ansonsten hochgeschätzte Kollegin Berg Eltern genannt, die partout nicht einsehen wollen, warum die Sexualpädagogik der Vielfalt auch in ihrer Schule Einzug halten soll.

Die gute Nachricht für alle, die unsere Gesellschaft am Abgrund sehen: Kinder sind sehr viel robuster, als Erwachsene oft vermuten. Vermutlich hören sie einfach weg, wenn die Lehrerin ihnen zu erklären versucht, wie man am besten ein Modell-Bordell plant oder in Handschellen zum Höhepunkt kommt. Es sind die Eltern, die sich bei der Vorstellung erschrecken, nicht die Kinder. Denen ist das nur unsagbar peinlich.

Der abweichende Lebensentwurf wird zur Norm erklärt

Schon die 68er richteten ihren revolutionären Ehrgeiz auf die kindliche Sexualität. Diesmal geht es nicht darum, den Kapitalismus zu überwinden, sondern das traditionelle Familienbild. Oder wie es einer der führenden Köpfe der Bewegung, der Sozialpädagoge Uwe Sielert von der Uni Kiel, ausgedrückt hat: Das Ziel sei es, Heterosexualität und Kernfamilie zu "entnaturalisieren". Die moderne Sexualpädagogik kennt alle möglichen Konstellationen: das schwule Paar, das lesbische Paar mit zwei kleinen Kindern, die betreute Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderungen, die Spätaussiedlerin aus Kasachstan. Nur eine Kleinfamilie mit Mutter, Vater und Kind sucht man bei ihr vergeblich.

Man sollte meinen, dass es langsam langweilig wird, die klassische Familie zu erledigen. Aber offenbar gibt es links der Mitte ein unstillbares Bedürfnis, den abweichenden Lebensentwurf zur Norm zu erklären. Den neuen Aufklärern reicht es nicht, dass jedermann seine Sexualität so leben kann, wie er sich das wünscht, sie müssen ständig hören, dass dies auch völlig in Ordnung so ist. Dass gerade der Wunsch nach Bestätigung nicht Selbstbewusstsein verrät, sondern genau das Gegenteil, scheint ihnen dabei zu entgehen.

Die eigentliche Pointe ist: Auch schwule Eltern halten nichts davon, dass Kindern die Wonnen des Fesselsexes nahegebracht werden, bevor sie sich zum ersten Mal geküsst haben. Wer glaubt, dass ein Ehepaar die aufdringliche Frühaufklärung besonders begrüßen würde, nur weil die Partner das gleiche Geschlecht haben, versteht weder etwas von Homosexualität noch von Elternschaft.

Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal
Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 278 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Mit 10, 12 oder 14?
veritas77 28.10.2014
An meiner Schule hatten wir in Klasse 10 (16 Jahre) das erste Mal Sexualkunde, davor war das Thema Tabu... und ja, es war extremst Peinlich! Nebenbei, das war 1996
2. Was dem Autoren (wie üblich) entgangen ist ...
WwdW 28.10.2014
... auf dem Schulhof ist das erwähnen von Analsex und anderer Praktiken bei eventuell verhaltensgestörten Kindern schon vor 12 Jahre angekommen. Was ist jetzt besser, diese die nächsten Jahre einfach weiter machen lassen und die anderen Kinder irritiert zurück lassen und damit totschweigen oder das in der Sexualpädagogik zu thematisieren? Ich denke mit letzterem ist Allen eher gedient.
3. Ich schnall nix mehr
Heigoto 28.10.2014
So oder so ähnlich müsste ein Siebenklässler wohl reagieren, wenn er diese abseitigen Themen im Unterricht ertragen muss. Was denken sich die selbsternannten Experten eigentlich bei solchen Experimenten oder sehen sie alles das nur aus der Erwachsenenperspektive ?
4. Vielen Dank für diesen Beitrag!
Maximator1 28.10.2014
Danke, ich finde es auch abartig dass Kinder mit solchen Praktiken malträtiert werden, anstatt ihnen die Möglichkeit zu geben selber zu entdecken was ihnen gefällt. Auch in der FAZ gab es einen Aufschrei gegen diese Aufklärer, ich hoffe dadurch ändert sich etwas. Die Abnormalität sollte nicht zur Normalität erklärt werden.
5.
der.tommy 28.10.2014
Oh man oh man. Also erstens wird einem da vollends der ganze Spaß genommen, selbst herauszufinden, was man so alles mit dem anderen, dem gleichen oder dem eigenen Geschlecht anstellen kann und zum anderen....warum? Toleranz und Erziehung zur Toleranz bedeutet nicht, jemanden auf etwas hinzuweisen oder es ihm ständig vor Augen zu führen (weder positiv noch negativ), sondern ganz im Gegenteil eben keiner Lebensweise, keinem glauben irgendeine Sonderstellung einzuräumen. Mithin zählt sexualität zu den Urtrieben der Menschheit. Die Kids bekommen schon früh genug selber raus was ihnen gefällt und was nicht, ohne dass man ihnen vorbeten muss, wie toll manche Praktiken sind.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Jan Fleischhauer

Facebook
Anzeige
  • Jan Fleischhauer:
    Der schwarze Kanal
    Was Sie schon immer von Linken ahnten, aber nicht zu sagen wagten.

    Rowohlt Taschenbuch Verlag; 224 Seiten; 12,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: